Was ist Literatur?

Für jeden Autor stellt sich ab einem gewissen Punkt die Frage, was Literatur für ihn bedeutet. Literatur erfüllt als kulturbildende Maßnahme eine wichtige Funktion innerhalb einer Gesellschaft. Literatur kann als Sprachrohr für Unmut, für soziale Probleme, für provokante Thesen dienen, die fähig ist, das Gesellschaftsgefüge zu verändern. Meinungsfreiheit legitimiert sich selbst durch ihren Einfluss, ist jedoch wie alle Freiheiten stets schutzbedürftig.

Daneben wird Literatur gerne auch als Maßnahme zur Therapie gesehen. Worte sind oftmals viel besser zu fixieren als Gedanken. Dadurch dass letztere in eine viel beständigere Gestalt »gegossen« werden, fällt es leichter, zunächst hypothetische Lösungsmodelle zu entwerfen, um diese in einem zweiten Schritt möglicherweise in die Realität umzusetzen.

Grundsätzlich scheiden sich Geister an der Frage, ob Texte nun »realistisch-naturalistisch« verfasst sein und die Wirklichkeit als »Ideal« (Diesen Begriff sollte es im Zusammenhang mit den beiden Begriffen nicht geben) nehmen sollten oder ob das »Lied, das in allen Dingen schläft« geweckt werden sollte. Ich entgegne den Realisten mit Argumenten gegen den eng damit verknüpften Empirismus: Die menschlichen Sinne sind täuschungsfähig und ein Nachahmen der Wirklichkeit ist kategorisch ausgeschlossen, der Drang nach Natürlichkeit beschränkt das künstlerische Feld des Schaffens. Metaphysische Konstruktionen innerhalb der Literatur können meiner Meinung nach jedoch aus realen Ereignissen erfolgen. Die große Spannung entspringt aus der Konfrontation des Echten mit dem Irrealen. Tragödien benötigen immer eine gewisse Konstruktion, ein Momentum, das nicht aus den Handlungen selbst erfolgt, sondern vom Verfasser geschaffen werden muss. In dieser Hinsicht spinnt der Autor den Lebensfaden der Figuren, zwingt ihnen eine unheimliche Notwendigkeit auf, welche sich den Figuren selbst jedoch nie eröffnet. Dies ist das wirkliche Drama.

Der Begriff der »Literatur« findet seine einzig klare Definition in der Generalisierung, der Berufung auf etymologische Ursprünge.

Litteratura = Sprachkunst, Buchstabenschrift

Dieser Begriff umfasst alles Geschriebene, womit sich der Konflikt um die »einzig wahre Literatur« erübrigt. Niemand, keine literarische Fraktion, kann den goldenen Gral für sich alleine beanspruchen. Der Sinn für Ästhetik ist eine Fähigkeit, die nicht durch die Orientierung an einem literarischen Vorbild erreicht werden kann. Das Gespür für Ästhetik ergibt sich aus der Originalität des Werkes.

Ich persönlich fände es geradezu entmündigend, ein ganzes Leben nur einem Ideal nachzuschauen. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es dagegen, den eigenen Horizont zu erweitern und ein Vermächtnis zu hinterlassen.

Im Vermächtnis selbst lebt der Autor weiter. In der Literatur findet er sich wieder.

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