Wie lassen sich Emotionen in Sprache ausdrücken?


Bevor sich obige Frage beantworten lässt, muss einigermaßen definiert werden, was man unter Emotionen versteht. Emotionen sind Empfindungen nicht nur sinnlicher, sondern auch visueller oder auditiver Natur. Emotionen rufen Erinnerungen an Ereignisse hervor, an denen man Vergleichbares bereits erlebt hat. Natürlich funktioniert es auch umgekehrt, Erinnerungen lösen Emotionen aus. Um also ein bestimmtes Gefühl in einem Leser zu wecken, muss dessen Erinnerung stimuliert werden. Bei der Vielzahl an Lesern, mit denen man es zu tun hat, ist dies jedoch kaum möglich. Begriffe selbst müssen verallgemeinert und es muss überlegt werden, welches Wort bringt im Durchschnitt welche Emotion hervor.

Hier ein Beispiel in Satzform:

Sein Blick fiel auf das Bild eines Hundewelpen.

Mit Welpen wird allgemein betrachtet vor allem Zuneigung, wahrscheinlich auch ein mildes Lächeln verbunden, wenn man sie sieht. In Schriftform bedarf es weiteren Adjektiven, um einen ähnlichen Eindruck hervorzubringen.

Sein Blick fiel auf das Bild eines weißen, im Gras spielenden Hundewelpen.

Die genauere Bestimmung eines sinnlichen Eindrucks kann einen bedeutenden Unterschied bewirken. Grundsätzlich ist es auch eine gute Idee, mit Symbolik zu arbeiten, d.h. eigene Metaphern und Bilder zu entwickeln:

Du hast den Zweig des sterbenden Baums gebrochen. – Aus: „Homines sumus, non dei“ (Niclas Frederic Sturm)

Zunächst mag dieses Bild sehr seltsam wirken, aber die versteckte Symbolkraft verleiht dem Satz eine gewisse Erhabenheit.

Sprache ist weitaus komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Sprache lebt viel Auslassungen, Implikationen, Ausrufen, also Situationen, die wir im normalen Sprachgebrauch als Extreme oder auch einfach nur als ungewöhnlich betrachten würden. Nehmen wir folgendes Beispiel eines Satzes, der sukzessiv erweitert wird, um die sprachliche Veränderungen zu zeigen.

Ich erschütterte angesichts der antiken Größe des Kolosseum.

Ich erschütterte angesichts der antiken Größe des Kolosseums, das wie ein Monument für die Ewigkeit die Stadt überragte.

Mein Blick wanderte die wunderschön geschwungenen Torbögen entlang, weiter zu den Steinbänken, auf denen schon so viele Generationen saßen. Ich erschütterte angesichts der antiken Größe des Kolosseums, das wie ein Monument für die Ewigkeit die Stadt überragte.

Jede Emotion sollte eingebettet werden, d.h. von allen Seiten umgeben werden mit unterstützenden Ausdrücken und Sätzen. Emotionen sind Kausalzusammenhänge, d.h. werden durch etwas Bestimmtes ausgelöst. Daher sollte auch für den Leser ersichtlich sein, warum diese oder jene Person plötzlich so empfindet, um die Gefühle zu verstehen, die damit transportiert werden sollen. Sprache ist für diesen Zweck dehnbar, d.h. frei kombinierbar. Adjektive können in völlig neuen Zusammenhängen auftauchen oder Verben anders verknüpft werden.

Somit trägt ein Autor nicht nur dazu bei, Sprache lebendig zu halten, sondern schafft einzigartige Emotionen.

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