Das Spiel der Anspielungen


Zu schreiben bedeutet gleichzeitig immer, etwas zu sagen. Die Schrift ist eine Aussage aus Lettern, die gesprochene Sprache an einem Ort fixieren. Für Autoren muss es selbstverständlich das Ziel sein, einen Schreibstil zu entwickeln, der es dem Leser ermöglicht die Aussage eines Textes zu verstehen. Das explizite sollte ein Autor beherrschen.

Was bedeutet implizites Schreiben? 

Implizites Schreiben ist ein Schritt auf eine höhere Stufe der Ausdruckskraft, große Schriftsteller wie Shakespeare sind Meister des impliziten Schreibens, aber auch häufig symbolgeprägte Werke befinden sich in dieser Kategorie. In Shakespeares Werk Coriolanus findet sich in den Aussagen der Figuren stets eine Referenz zum Thema »Feuer«, da (Achtung, Spoiler!) Coriolanus nach dem Verrat an ihm plant, Rom in Schutt und Asche zu brennen. Mir selbst fielen diese Anspielungen erst durch die kommentierte Ausgabe auf, aber im Nachhinein beeindruckt mich diese beim ersten Lesen unentdeckte Sprachebene und erweitert die Sprache des Stücks um eine weitere Dimension. Implizites Schreiben bedeutet also, Inhalte vorwegzunehmen, aber so, dass sich die Hinweise in der Sprache selbst verbergen. Ein Beispiel in Form einer Konversation:

»Morgen soll es schön werden, viel Sonne, warm und einfach traumhaft!“

»Oh ja! Die Sonne wird sich blutrot färben, und die ganze Stadt wird in Aufregung geraten.«

Nun kann man in das zweite Statement sehr viel hineininterpretieren. Fest steht aber, das das Adjektiv »blutrot« einen besonderen Ausblick auf den Tagesablauf der zweiten Person gibt. Auf Englisch würde ich sagen, es handelt sich hier um eine content bait, also um einen »Inhaltsköder«. Verstärkt wird diese Wirkung durch die Verwendung von Kursivschrift. In der literarischen Welt finde ich diese Stilnote nur sehr selten, dabei ist sie ein wirkungsvolles Werkzeug, um die Aufmerksamkeit des Lesers in eine bestimmte Richtung zu dirigieren, ohne durch aufwendige Illustrationen auf sich aufmerksam machen zu müssen. Content bait verführt den Leser gerade dazu, sich Fragen zu stellen. Wie geht es weiter?  Was meint die Person damit? 

Inhalt stilvoll vorwegnehmen

Neben solchen unbestimmten Anspielungen kann aber auch eine explizite Referenz verwendet werden, wenn beispielsweise auf ein unausweichliches Ereignis hingewiesen wird, über das sich jedoch nur der Leser und der (auktoriale) Erzähler im Klaren sind. In Friedrich Dürrematts Drama »Der Besuch der Alten Dame« ist dieses Stilmittel geschickt angewandt, so benutzen die Einwohner von Güllen (des Handlungsortes) im Gespräch mit Ill, dem Protagonisten, immer Attribute wie »todsicher« oder »darauf können Sie Gift nehmen«. Damit wir implizit der Tod der Figur angekündigt, ohne dass die Figur es selbst mitbekommt. Es entsteht so eine unangenehme Spannung im Leser, welcher hofft, die Figur möge die Referenz auf sein drohendes Schicksal doch begreifen.

Mit derartigen Mitteln lässt sich Spannung durch die Sprache erzeugen, um den Leser weiter zu ködern. Empfehlenswert ist ein solches Vorgehen vor allem bei epischen Werken, die eine etwas längere Zeit brauchen, um den Handlungsbogen aufzuspannen. Anspielungen und implizite Ankündigungen können dafür, dass der Leser interessiert bleibt.

Vielleicht zum Schluss noch ein kleines Häppchen »to go«:

Der Mann zog sich seine Jacke an, nahm sein Gewehr und ging auf die Frau zu, die eindringlich auf ihn einredete.

Was könnte der Mann vorhaben?

(Eine ähnliche Passage findet sich auch in »Die Drei ??? – Wolfsgesicht«)

Niclas Frederic Sturm

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