#1 Paragons of Awkwardness

Unser Handeln ist im Grundlegenden merkwürdig

Wer kennt sie nicht? Die Situationen, in denen man sich am liebsten an einen anderen Ort wünscht oder hofft, in einer Luke im Boden versinken zu können. Doch tatsächlich gibt es im Deutschen keinen ausreichenden Ausdruck, um diese Empfindung zu beschreiben. Im Englischen existiert hierfür der Begriff „Awkward“, der eine peinlich-eigenartige Situation beschreibt. In den nächsten Wochen soll immer am Mittwoch ein „Beispiel von Merkwürdigkeit – Paragon of Awkwardness“ erscheinen, das verschiedene Situationen unter die Lupe nimmt und beschreibt.

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Ein Koloss aus Eisen und Stahl ist er. Dröhnend nähert er sich seinem Ziel. Die Rede ist von einem Fahrstuhl. Oft schon bin ich damit gefahren, rauf und runter, mal schneller, mal langsamer. Doch stets überfällt mich die gleiche Beklemmung, wenn ich kurz vor der Etage, in der ich aussteigen möchte, anhalte, der Fahrstuhl einen Moment stockt und mir der Schweiß ausbricht: »Bleib‘ ja nicht stehen!« Das Stehenbleiben dieses stählernen Monstrums war in vergangener Zeit nicht die größte Sorge der Reisenden, sondern der plötzliche Absturz und ausweichlicht Tod seiner Insassen. Erst im 19. Jahrhundert wurde dieses Gerät mit einer Innovation versehen, die das Abstürzen verhinderte. Seitdem sind Fahrstühle ein Inbegriff der Moderne geworden, die unter Zeitdruck stehende Büromenschen recht schnell von A nach B bringen und den anstrengenden Weg über die Strecke ersparen. Wenn sie denn verlässlich wären.

Ich stehe vor einer Fahrstuhltür und drücke auf einen der Knöpfe. Ich möchte nach unten. Ich stehe vor einem Fahrstuhl, dessen Anzeige die baldige Ankunft verheißt: Nur noch ein Stockwerk ist er entfernt. Der Nebenmann hatte ebenfalls auf den Knopf gedrückt, seiner ist aber noch vier Etagen entfernt. Siegesgewiss wippe ich mit den Füßen, um mir die Zeit zu vertreiben. Doch die Anzeige wandert nicht nach unten. Ich werde nervös, mein Pfeifen wird immer schriller, bis mir die ältere Dame hinter mir mit barschem Ton gebietet, meinen fröhlichen Singsang einzustellen. Beschämt muss ich feststellen, dass der Fahrstuhl meines Nachbarn zuerst angekommen ist. Mit gesenktem Kopf vermeide ich es, ihm in die Augen zusehen. Im Prinzip ist ein Aufzug sehr belastungsfähig, doch mit einer Großfamilie mit Doppelkinderwagen, schreienden Kindern, sowie überfordertem Vater und telefonierender Mutter ist auch er nicht sonderlich zufriedenen ächzt ein wenig unter dem Gewicht. Ich steige entspannt ein und möchte ganz nach unten. Zu meinem Erschrecken muss ich jedoch feststellen, dass anscheinend in jeder Etage jemand das gleiche vorhat. Ich atme tief durch. Alles gut. Indes fährt der Aufzug nicht weiter, da ein Jugendlicher in meinem Alter die Tür offen hält. Gerade als ich ihn ansprechen möchte, die Tür zu räumen, kommt eine Freundin des Jungen mit einigen Taschen beladen um eine Ecke geeilt. Der Jugendliche ist so überrascht, dass er sein Handy fallen lässt, das unglücklicherweise indem schmalen Spalt sich Fahrstuhltür und Schacht verschwindet. Seine Augen weiten sich und er schluckt.  Er hat sich damit abgefunden, dass dieses Herzstück der neuen Welt, dieser digitale Polymatt, wohl für immer verloren sein würde. Zerschellt auf dem kalten Betonboden des Fahrstuhlschachts. Dann geht die Tür zu. Ich blicke mich im Fahrstuhl um. Hauptsächlich sehe ich mich durch die verspiegelte Kabine. Wo hin ich auch schaue, ich sehe meine Visage. Ich ziehe Grimassen, was mir irritierte Blicke der anderen Passagiere einfängt. Ich weiß einfach partout nicht, wohin ich schauen soll. Mal kreuzen sich meine Blicke unangenehmerweise mit einem Nebenmann. Dann holt ein weiterer Fahrgast ein saftiges Heringsbrötchen hervor, dessen wohliger Duft sofort die ganze Kabine einnebelt. Dazu besitzt er noch einen etwas »extravaganten« Körpergeruch und ich unterdrücke den Instinkt, mir die Nase zuzuhalten. Die zahlreichen Scharniere, Schlaufen und Taschen meiner Kleidung scheinen plötzlich sehr interessant zu sein und ich nestele an meinem Gürtel herum, der meine Hose geradeso über der Hüfte hält. Die Fahr zieht sich ewig. Immer wieder steigen Leute ein und aus. Ich verliere langsam die Geduld. Ich kann mich genau nicht bewegen. In die Ecke gedrängt, versuche ich es mit Humor. »Sie werden sich wundern, warum ich Sie heute hier versammelt habe«, spreche ich mit ernster Stimme. Sofort richten sich alle Blicke auf mich. Leider kam der Gag nicht sonderlich gut an un der Jugendliche sagt:»Oh, da haben wir einen Spaßvogel unter uns«, woraufhin seine Freundin in ein unerträgliches, kreischendes Gelächter ausbricht, das mir heute noch in den Ohren hallt. Es klingt wie das Lachen einer Hyäne mit Atemswegsproblemen. Ich seufze. Endlich kommen wir meiner Zieletage, dem Erdgeschoss näher. 4,3,2,1. Dann hält der Fahrstuhl, ohne seine Tür zu öffnen. »Papa, was war das für ein Knopf?«, fragt plötzlich der kleine Junge aus dem Doppelkinderwagen. Der Vater, sichtlich peinlich berührt, erwidert: »Der Notstopp, Bronx Leonardo«. Ich muss in ein unwillkürliches Kichern ausbrechen, der Name passt so gut zueinander wie kalter Espresso und Braten mit Sauerkraut. Ich stelle mir vor, wie ein Leonardo da Vinci durch die unsicheren Straßen der Bronx streift, deren Straßen von brennenden Autoreifen gesäumt sind. Dazu noch in einem Renaissance-Gewand. Die Blicke der Einwohner…Köstlich!

Mein Lachen hat den Vater noch mehr verunsichert und versucht nun verzweifelt das Kind mit einem Versprechen auf ein lang begehrtes Spielzeug ruhig zu stellen.Ich schweige nun weiter, da ich mich nun freue, den Fahrstuhl bald hinter mir gelassen zu haben. Endlich ertönt ein vertrautes »Ping« und der Fahrstuhl hält. Wie unter Drogen besetzen, dränge ich mich zur Tür durch und lasse alle Regeln von Sitte und Anstand fallen, pflüge wie Rambo durch die Menschenmassen.  Als ich aus dem Schacht heraus bin, falle ich erleichtert auf die Knie und richte meine gefalteten Hände zum Himmel. Danke, dass man mich aus dieser Hölle aus Stahl erlöst hat. Dann setze ich mich in ein Café, um mich zu erholen, trinke einen Espresso und verspeise gierig Braten mit Sauerkraut.

So viel Leid und so viel Anstrengung für die paar Stockwerke. Das nächste Mal nehme ich die Treppe. Wenn kein Stau ist.

Niclas Frederic Sturm

2 Kommentare zu „#1 Paragons of Awkwardness

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