Das Dorf – Eine Kurzgeschichte

Das Dorf mit den drei Pforten

Im Folgenden werdet ihr eine Kurzgeschichte lesen, die ich vor ungefähr 4 Jahren geschrieben hatte, mit zarten 13 Jahren. Einigen, die meinen Roman kennen, wird so manches Motiv vertraut vorkommen. Das machte sie für mich damals allerdings nicht minder gruselig…


In den Tiefen des englischen Landes, anno 1860

Die schwarze Kutsche jagte über den holprigen Feldweg. Die düsteren Weiten des Moores und der unbarmherzige Nebel, machten jedes Steuern zu einem Glücksspiel. Steine pflasterten den Weg. Notdürftig angelegte Begrenzungen halfen nur bedingt. An vielen Stellen waren sie durch Wind und Wetter umgerissen und einige Scherzbolde machten sich einen Spaß daraus, die Markierungen so umzustellen, dass der unglückliche Fußgänger sich gleich in den Nebel verirrte.

Flavius Sherwood war eigentlich nicht der Typ Mensch für solche abenteuerlichen Expeditionen. Er kam aus London und wurde wegen seiner hervorragenden Dienste als Mediziner für diese Expedition als würdig befunden. Kurzerhand hatte man ihm den Auftrag gegeben, einige der unwegsamsten Gebiete ganz Englands zu Erkunden. Damit er in der Gunst des Königshauses weiter steigen konnte, hatte er diesen Auftrag widerwillig angenommen. Hier in den Landen, wo die Menschen den Teufel fürchteten, wie das Feuer das Wasser. Gegen die eisige Luft, die von außen heranwehte und ihm einen Schauer über den Rücken laufen ließ, konnte er nur seinen Mantel enger um sich ziehen. Die Kutsche schaukelte so stark, als ob sie jeden Moment auseinanderbrechen könne. Doch der Kutscher machte seine Arbeit hervorragend. Endlich klarte der Nebel etwas auf, sodass man nun schon die fernen Lichter eines Dorfes erkennen konnte. Flavius ermahnte sich, nicht zu sehr zu hoffen, denn hier im Moor konnten sich die warmen Lichter schnell als gemeine Werlichter entpuppen.

Die Zeit kroch schleichend dahin und am Fenster zog die Landschaft karg und eiskalt, wie sie war, vorbei.

Endlich erreichten sie das Dorf Dartmoor (nicht zu verwechseln mit Dartmoor!). Ungefähr zwanzig Häuser umgaben einen alten Steinweg, der mitten durch das Dorf führte. Es schien, als ob dieser Ort die Zeit jahrhundertelang überdauert hätte. Neugierig beäugten die Menschen den Neuankömmling, schenkten ihm aber keine weitere Beachtung.

Flavius stieg aus der Kutsche aus. Ein reges Treiben herrschte auf den Straßen. Menschen schleppten Säcke voller Korn in ihre Hütten und Häuser. Dennoch war die Atmosphäre angespannt. Flavius wunderte sich, warum hier in diesem Dorf die Menschen derart gut gekleidet waren. „Henry, wir rasten hier.“, erklärte er und ging auf das kleine Gasthaus vor ihm zu. Henry, der Kutscher folgte ihm wortlos. Schon von hier drang ein unwiderstehlicher Geruch von englischem Earl Gray und dem zarten Fleisch entgegen.

„Zwei Einzelzimmer, bitte“, sagte er höflich, „Nun, da hätten wir welche, …aber was suchen ehrenwerte junge Burschen wie sie hier, in dieser verlassenen Gegend.“, „Der Grund ist simpel: der König schickt mich.“, der Mann hob die Augenbrauen und stellte ihnen beiden ein Glas Whiskey hin. Henry verzog die Mundwinkel: „Ähm…, mir wäre ein Glas nicht vorhandene Milch lieber.“ Nachdem Flavius 5 Gläser Whiskey jeweils in einem Zug geleert hatte, und dies ihm offensichtliche Bewunderung des Wirtes eingebracht hatte, kamen sie ins Gespräch. „Wissen Sie, ich bin Reisender und suche nach Geschichten von Orten.“, äußerte Flavius, „Hm…, dann wird sie die Geschichte der drei Pforten interessieren.“, meinte der Wirt und schenkte Henry ein Glas Milch ein, „Die drei Pforten, die das Dorf umgeben, haben für uns eine große Bedeutung. Jeder dieser Pforten führt ins Moor, aber niemand weiß so genau, wo man endet. Erst vor ein paar Jahren verirrte sich eine Gruppe junger Reisenden und kam nicht zurück. Die Mauern stammen noch aus der Zeit von Königin Elisabeth I. Durch eine dieser Pforte verschwand auch das weiße Mädchen, wie sie sicher wissen.“, „Durch, durchaus“, „Was allerdings seltsam ist, dass Horatio, der alte Geschichtenerzähler, der direkt neben den Pforten wohnt, immer wieder ein geheimnisvolles Wispern vernimmt, das vom Moor aus zu ihm herandringt und manchmal soll er ein weiß gekleidetes Mädchen die Mauern entlangwandeln gesehen haben.…“

Beitragsbild XIV
Wer weiß, was in diesen Gassen sich herumtreibt?

Das Zimmer hatte zwar nur zwei Räume, war aber für diesen Anlass zweckmäßig.

Henry hatte schon erwähnt, sich für den Abend zurückzuziehen. Flavius blickte aus dem Fenster. So weit das Auge reichte, sah er nichts, außer verkrüppelten Bäumen, unheimlichen Geisterlichtern und Nebel. Von alten Erzählungen her wusste er, dass hier im Moor schon allerlei ungeklärte Unglücke passiert waren. Ganze Armeen waren nie zurückgekehrt. Bekannt war ihm auch die Geschichte des weißen Mädchens, da er Heimatgeschichte immer sehr gerne mochte. Ein Mädchen schlich eines Abends durch die Gassen, da sie im Moor etwas verloren hatte. Am Morgen fand man dann nur noch ihren blutverschmierten Schuh. Dies war zwar schon hunderte von Jahren her, doch noch immer sind die Menschen von dem Geheimnis dieses Ortes fasziniert. Flavius besann sich wieder auf die Tatsachen. Er war hierhergekommen, um die Region und ihre Leute zu studieren. Er setzte sich an den hölzernen Schreibtisch, tauchte die Feder in das Tintenfass und begann zu schreiben. Die Stunden ergingen wie ihm Flug, sodass ihm schnell die Augen zufielen. Doch es war ein unruhiger Schlaf. Die drei Pforten des Dorfes ließen ihn nicht los. Das Gefühl des Unfriedens ließ ihn nicht los und er beschloss, ein wenig spazieren zu gehen. Er warf sich seinen Mantel über und verließ das Wirtshaus. Kühle, neblige Luft drang durch seine Poren. Ein erfrischendes Gefühl von Kälte und doch umgriff ihn die Klaue. Es war gespenstisch in den verlassenen Straßen. Nur der Wind pfiff durch die Straßen. Er heulte, als er durch die Ritzen in den Hauswänden zog. In beide Richtungen war nur Nebel. Wie eine weiße Wand, welche dich jederzeit verschlingen konnte. Das Gehör wartete geradezu darauf, dass sich etwas regte, als dann ein Schrei die Luft zerriss. Flavius ging er durch Mark und Knochen. Und er kam ausgerechnet aus der Richtung der drei Pforten. So schnell es ihm seine Beine erlaubten eilte er zu dem Ort, wo er den Schrei vermutete. Das Einzige, was er noch erkennen konnte, waren die Staubschwaden. Ein Rattern war zu Hören. Flavius tat zuerst, was ein Instinkt von ihm verlangte: Rennen. Die Kutsche kann nicht sehr schnell sein, denn die Schreie waren noch deutlich zu hören. Jedoch fand er die Situation merkwürdig, da keiner der Bewohner aufwachte. Er folgte einfach den Schreien und begab sich außer Reichweite der drei Pforten. Die Laterne in der Hand durchquerte er das Moor. Körperlose Rufe fanden durch die Luft seinen Weg zu ihm. Sie jagten ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Das Rattern kam immer näher und es schien, als ob das Gefährt anhielte. Dann tauchte sie vor ihm auf: die Kutsche. Schwarz und bedrohlich. Ein Schlag in die Magengrube aus dem Nebel streckte ihn nieder. „Zeig’ dich du Feigling.“, röchelte Flavius und krümmte sich auf dem Boden. Ein weiterer Schlag in seinen Brustkorb presste ihm sämtliche Luft aus den Lungen. Er zog sein nicht vorhandenes Messer aus dem Mantel hervor. Als ob er es geahnt hätte, wich er dem nächsten Schlag aus und stürzte sich auf den Angreifer, doch er fasste ins Leere. Eine schemenhafte Gestalt mit Zylinder rund Gehstock zeigte sich kurz. Er bekam sein Gegenüber nicht zu fassen. Ein kehliges Lachen ertönte. Blitzschnell drehte er sich um, doch die Kutsche war verschwunden und mit ihr auch die Schreie. Er hatte sämtliche Orientierungspunkte verloren. Er ging noch einen Schritt, schreckte dann aber zurück. Unter ihm erstreckte sich nur ein Abgrund. Der Stein, den er hinunterwarf, brauchte fast 10 Sekunden. Dadurch dass er weder Kompass noch Ähnliches besaß, war er nur aufgeschmissen. Das Einzige, was er noch halbwegs deutlich erkennen konnte, waren seltsame Werlichter, die zu Tanzen schienen. Gelblich leuchteten sie im diffusen Licht seiner Lampe. „Schwefel!“, dachte er. Da ihm nichts anderes übrig blieb, folgte er ihnen und tatsächlich: Nach einigen Minuten kam er zu den drei Pforten zurück, aber er hatte keine rationale Erklärung für dieses Phänomen. Eine dunkle Ahnung beschlich ihn. Er eilte zum Wirtshaus zurück und ließ die Tür absichtlich so laut ins Schloss fallen, dass es sogar einen Stein geweckt hätte. Nichts geschah. Er hechtete die Treppe zu Henrys Zimmer hoch. Henry schien noch zu schlafen. Er weckte ihn auf. „Henry, wir müssen dieses Dorf so schnell wie möglich verlassen!“, „Warum sollten wir?“, „Du wirst es nicht glauben, aber zuerst müssen wir hier weg.“, „Aber vorher müssen wir noch beim Juwelier vorbeischauen und seinen Laden leer räumen. Ohne Beute ziehe ich hier nicht ab!“, „Von mir aus.“

Schnell machten sie das Pferd und die Kutsche bereit und schwangen sich, nachdem sie festgestellt hatten, dass im Haus des Juweliers niemand mehr war und diesen ausgeplündert hatten, in die Kutsche. Schwer beladen schwangen sie sich aufs Pferd und brausten davon.

Als sie sich weit genug vom Dorf entfernt hatten, wagten sie es zu sprechen: „Warum mussten wir dieses Dorf so überstürzt verlassen, zudem hätten wir in die andere Richtung gemusst.“, Flavius steckte sich seine Pfeife an, „Nun, ihnen ist es als Kutscher natürlich nicht vergönnt, mit einer so genauen Beobachtungsgabe versehen zu sein.“, in seiner Stimme schwang seine Arroganz mit, die er schon so oft bei besonderen Anlässen gezeigt hatte, „aber, es ist durchaus bemerkenswert, was die Bewohner dieses Dorfes getan haben. Als ich mitten in der Nacht einem Schrei nachging, sah ich niemanden aufwachen, geschweigedenn nach dem Rechten sehen. Dies war der erste Punkt, der mich stutzig machte. Dann der Abgrund bei den drei Pforten. Es wäre unser Verderben gewesen.“ Zuerst sagte Henry nichts, denn er dachte nach. „Sie wollen mir jetzt nicht ernsthaft sagen, dass wir hier Moorgeistern begegnet sind?“, „Nein, natürlich nicht. Etwas Ähnliches. Diese Werlichter nehmen doch von Zeit zu Zeit eigenartige Formen an.“

Hinter ihnen rumpelte es. Ein Krachen. Stein schlug auf Stein. Flavius und Henry schauten in die Karte, und ihre beiden Augenpaare wurden groß. Sie waren fast 10 Meilen vom Kurs abgekommen. Sie waren in eine instabile Gegend gekommen, denn hier war das Gestein so porös, dass es jeden Moment einbrechen konnte. Auch die Sage des weißen Mädchens hatte einen Grund, doch diesen wollte Flavius nicht preisgeben. Noch nicht. Für diese Erkenntnis war die Menschheit noch nicht bereit.

Erstellt am: 6. November 2011


2 Kommentare zu „Das Dorf – Eine Kurzgeschichte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s