Hypotaxe oder Parataxe?


An dieser Frage scheiden sich regelmäßig die Geister. Wie keine andere Stilfrage in der Literatur beschäftigt sie die Gemüter seit Jahrhunderten, bewerfen sich die Vertreter der jeweiligen Positionen mit intellektuellen Torten.

Dabei ist es sinnlos, sich in einem Krieg der Ideologien gegenseitig zu kritisieren, da beides über gewiss Vor- und Nachteile verfügt.

Ich möchte keine Analyse der beiden Stilrichtungen vornehmen, nur eine kleine, für diesen Zweck ausreichende Definition:

Als Parataxe bezeichnet man eine Satzkonstruktion, bei der hauptsächlich auf kurze, aneinandergereihte Hauptsätze zurückgegriffen wird.

Als Hypotaxe bezeichnet man eine Satzkonstruktion, die sich durch viele unterordnende Satzbausteine auszeichnet, welche mit Konjunktionen (oder nicht) miteinander verbunden sind

Der essenzielle Unterschied zwischen beiden ist nicht unbedingt die Länge selbst, sondern der inhaltliche Gehalt. Während hypotaktische Konstruktionen gerne mal schlappe 13.000 Wörter erreichen, sind parataktische Sätze, wie man sie beispielsweise in Büchners Lenz findet, von einer anderen Natur. Hypotaktische Sätze schaffen einen gehobenen, fast schon wissenschaftlichen Stil, der Distanz schafft, aber gleichzeitig über einen sehr hohen Informationsgehalt verfügt und so stilitisch sehr schön wirkt. Selbstverständlich kann man eine derartige, semantische Schönheit der parataktischen Konstruktion nicht absprechen, vielfach ist sie einfacher zu lesen. Für einen Stream of Consciousness, wie man in beispielsweise in vielen Werken, darunter James Joyce Ulysses findet, sind paraktische Konstruktionen  geeignet, da sie mehr das Wesen der Gedanken wiederspiegeln, d.h. die Unvollkommenheit dergleichen. Hypotaktische Gedanken verleihen einem Abschnitt dagegen einen gewissen Anspruch. Romane und Texte aus der Ich-Perspektive können sehr gut mit Parataxen funktionieren, für meinen eigenen Roman habe ich jedoch auf eher Hypotaxen zurückgegriffen, da es mehr meinem persönlichen Stil entspricht und das ganze dadurch authentischer wirkt. Für Septembermord habe ich die Perspektive eines Erzählers gewählt, in Kombination mit kurzen Hauptsatzkonstruktionen. Für viele, denen ich das Werk zum Lesen gab, war der Stil schließlich etwas gewöhnungsbedürftig, was sich darauf zurückführen lässt, dass Parataxen den Lesefluss ständig unterbrechen. Auch zum Schreiben sind sie anstregender. Es ist also falsch zu sagen, Parataxen schufen keine Distanz zum Leser, im Gegenteil. Hypotaxen sind meiner Meinung nach – entgegen der Lehrmeinung – viel besser dazu geeignet, Immersion zu schaffen – also das Versinken in einer textlich-sprachlichen Ebene, da sie verhältnismäßig ununterbrochenes Lesen ermöglicht, solange man es nicht zu weit treibt (siehe oben).

Hier ein paar Beispiele:

Er stand auf. Er streckte sich. Sah sich um. Wo war er? Ein Raum ohne Licht. Keine Fenster.

Während er im Zug saß, sah er die Landschaft förmlich an sich vorbeifliegen, die mit allen Elementen der Farbpalette bestrepenkelt war, so sah er grau-weiße Bergspitzen, saftig grünes Land und das Blau des Himmels.

Ich denke, es dürfte deutlich sein, welcher Abschnitt zu welchem Stilrichtung gehört. Hypotaxen wirken – wie im zweiten Beispiel erkennbar ist – manchmal lebendiger, da sie nicht der sinnlichen Beschränkung des Menschen unterliegen. Das erste Beispiel gibt hingegen die Beschränkung der menschlichen Wahrnehungsfähigkeit wieder, nicht jedes Detail des Raumes ist für den Menschen sofort erkennbar und beschreibbar.

In summa möchte ich keine Empfehlung aussprechen, da sich beide Stile für verschiedene Texte in unterschiedlichem Maß anbieten. Ich würde kein Sachbuch mit Parataxen schreiben, da es nicht dem wissenschaftlichen Stil entspricht und akademische Leser eher verwirrt. Die Entscheidung zwischen beiden ist letztlich auch ein Spiel der Erwartungen, was der Leser erwartet und was er letztlich liest. Literatur – so denke ich – ist ihrem Wesen nach ein Spiel, ohne das sie sich nicht halten könnte. Das Durchbrechen von literarischen Konventionen macht unheimlich Spaß und hat in einer Zeit, die oft aus standardisierten Themenpaletten besteht, auf jeden Fall einen Platz und eine Zukunft!

Niclas Frederic Sturm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s