Paragons of Awkwardness #2

II

Sämtliche Ereignisse sind fiktiv und entspringen der Fantasie des Autors

Normalerweise bin ich selbst kein großer Partygänger, ganz im Gegenteil, auch wenn das nicht dem Vorurteil über meine Generation entspricht. Doch manchmal bin auch ich einer guten »Festivität« gegenüber nicht abgeneigt. Nur wenn sich die folgenden Ereignisse abspielen, bin nicht nur ich es, der an seinem Verstand zweifelt…


Der Letzte auf der Party

 Ich möchte ja nicht schon wieder alle Schuld auf die öffentlichen Verkehrsmittel schieben, aber die öffentlichen Verkehrsmittel sind schuld. Wie sonst sollte es möglich sein, dass ich nach fast zweiminütiger, sorgfältiger Planung meiner Reiseroute in die Stadt am Bahnhof feststellen muss, dass heute kein Zug fährt. Ich unterdrücke selbstverständlich meine Wut und berufe mich auf den guten, alten Seneca, der stets von der Seelenruhe sprach, sogar als er sich selbst auf Befehl Kaiser Neros die Pulsadern aufschnitt. Aber genug der Gewalt…Ich bezahle überteuert ein Taxi, dessen Fahrer während der Fahrt mit mir kein einziges Wort wechselt. Warum habe ich heute ausgerechnet ein graues Polohemd angezogen? Solche Farben ziehen gewisse salzhaltigen Ausdünstungen geradezu magisch an. Egal. Ich bin auf einer Party eingeladen und dort wird es ohnehin niemanden stören. Einer meiner etwas entfernteren „Freunde“ feiert seinen 18. Geburtstag, daher habe ich mir vorsichtshalber bereits vor Anreise eine kleine Dose mit Medikamenten in die Jackentasche geschoben. Bargeld führe ich zu solchen Veranstaltungen nie mit und wenn jemand Geld von mir möchte, soll er sich doch bitte mit meiner Bank in Verbindung setzen.

Schließlich erreiche ich viel zu spät den Ort, an dem es laut eigener Aussage meines „Bekannten“ „so richtig krachen soll“. Na, dann wollen wir doch mal sehen. Der Türsteher hat sich anscheinend schon zurückgezogen, ich kann ungehindert durch schwere Teppichvorhänge den Raum betreten. Ein undefinierbares Gemisch aus Schweiß, Alkohol und anderen Dingen steigt mir in die Nase und lässt mich sofort an der Bar nach wohlriechendem Ananassaft verlangen. Ich beuge mich tief über das Glas, halte mir dabei den Mund zu und atme mit meinen Nasenflügeln den süßlichen Duft ein. Der Barkeeper beäugt mich etwas seltsam, aber ich ignoriere ihn. Die leicht alkoholisierte Frau an der Bar neben mir, die sich wohl freute, einen nicht-alkoholisierten Gesprächspartner gefunden zu haben, wendet sich verstört von mir ab. »He!“, rufe ich ihr noch hinterher, aber sie ist schon wieder in der tanzenden Menge verschwunden. Ich seufze und bestelle mir einen Wodka Martini, woraufhin der Barkeeper nach meiner favorisierten Zubereitungsart fragt und ich in bester James Bond-Manier antworte: »Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?“

Er mischt mir achselzuckend das Getränk und ich genieße den bitteren Geschmack, der wenig wohlschmeckend ist, aber nach außen hin den Anschein erweckt, ich wäre ein »harter Kerl«. Ich brauche nicht die Masse an Getränk, sondern die Stärke. Danach gehe ich zum Gastgeber, der für dieses Datum wirklich alle Register gezogen hat, ein Live-DJ, der seine Sache sogar richtig gut macht, bewegt seine erhobene Hand rhythmisch auf und ab, während er die Lautstärke der Musik entsprechend erhöht oder senkt. Der Host ist schon schwer angetrunken und fällt mir sofort in die Arme. »Schön, dass du auch da bist. Habe dich noch gar nicht gesehen, dein Geschenk kannst du da hinten abstellen«. Sofort schießt es mir in den Kopf: Hatte ich ein Geschenk? Nein. Verflucht. Wird schon nicht auffallen. Man stellt mich einigen Mädchen vor, da ich ja offensichtlich noch Single bin, sonst würde ich ja die ganze Zeit am Bildschirm kleben und mit meiner Freundin, die vielleicht zwei Meter von mir entfernt steht, über WhatsApp schreiben oder über eine verschlüsselte Software, wenn ich möchte, dass auch ja kein Hacker mitliest. Der beste »Life-Hack«: Einfach unauffällig auf den Bildschirm schauen, Problem gelöst!

Im Laufe des Abends werde ich dann auch tanzfreudiger, die Musik sorgt dafür, dass sich die Tanzfläche immer mehr füllt und ich ungewollt intensiven Körperkontakt mit den Leuten neben mir erhalte. Da wäre zum Beispiel ein gutes aussehendes, aber wenig tanzbegabtes Mädchen. Ich muss laut lachen, als ich ihren eigenwilligen Tanzstil sehe. An der Seite der Tanzfläche steht ein Junge, der verzweifelt versucht, Future Trance Musik mit Standardtänzen zu kombinieren, was freilich nicht so gut klappt. Ich konzentriere mich auf meine klassischen Tanzschritte zu passender 135-155 bpm Musik. Der Ägypter, indem ich meine Arme in entgegengesetzte Richtung vom Körper abspreize und rhythmisch vor- und zurückbewege, der Friseur mit den schlangenartig bewegenden „Victory-Zeichen“ und die Gangschaltung, die – wer hätte es gedacht – dem realen Ein- und Auskuppeln nachgeahmt ist. Wie nicht anders zu erwarten, bin ich sofort die Hauptattraktion und denke mir immer ausgefallenere »Moves« aus. Der Alkohol tut langsam seine Wirkung und lässt drängt meinen sich brüllend wehrenden Verstand zurück. Eine typische Konversation zwischen den Über-ich und dem Es:

Es: Jetzt bin ich dran, mach‘ Platz!

Über-Ich: Du weißt nicht, was du tust, das könnte schlimm enden!

Es: I’ve got one shot! 

Über-Ich: Hör‘ auf mit deinen blöden Anspielungen.

Die Konversation schlägt sich als langsam eintretende Kopfschmerzen in mir nieder, Müdigkeit überfällt mich. Wo sind eigentlich meine Medikamente? Die Dose ist nämlich leer. Bei Bacchus, das war nicht so geplant! Ich stolpere von der Tanzfläche weg in eine verlassenere Ecke des Raumes, wo ich auf einen melancholisch-grummeligen Besucher treffe:

»Und, was machst du so?« (Aus Redaktionsgründen ist dieser Text lall-bereinigt)

»Ich frage mich, was das alles soll. Die Welt ist doch sowieso kurz vor dem Untergang, Wirtschaftskrisen, die Moralkrise, die Friedenskrise, Kriegskrisen, Krisengebiete…«

»Wenn du ne Krise hast, bist du hier falsch, hier ist Party.«

»Wir dürfen niemals vergessen, dass unsere ganze Zivilisation auf Ausbeutung beruht, angefangen bei den Arbeitern des 19. Jahrhunderts, bis hin zu…«

Aber da habe ich ihn auch schon verlassen, der Typ ist mir wirklich zu langweilig. Ein bisschen langweilig ist okay, bin ich ja selbst auch, aber das war dann doch zuviel des Guten. Irgendwann im Laufe des Abends verliere ich dann mein Gedächtnis. Da ich als Letzter auf der Party eingetroffen bin, hatte ich selbstverständlich eine Menge mehr oder weniger interessante Gesprächspartner, die mir mal unter Tränen, ein anderes mal humorvoll ihre Lebensgeschichte erzählten. Ich konnte doch unmöglich der letzte hier gewesen sein, dafür war die Stimmung einfach zu gut. Steckten da etwa die Illuminaten dahinter? Hatten sie mir falsche Erinnerungen eingepflanzt und mich in Wahrheit für ihren Plan, die Weltherrschaft an sich zu reißen, eingespannt? Alles sehr mysteriös.

Als ich jedenfalls am nächsten Morgen aufwache, ist außer den merkwürdigen Zeichen auf meinem Gesicht nichts mysteriös, sondern real. Ich befinde mich in einem…Raum, den ich nicht genau identifizieren kann, bis ich gegen einen Putzeimer stoße. Alles, aber auch wirklich alles tut mir weh, sogar an Stellen, von denen ich nicht einmal weiß, dass sie existieren. Ich trage einen merkwürdigen Blumenkranz um den Hals, steckte in einem furchtbar bunten Kimono, sehe ein bisschen aus wie PSY. Es ist, als sei ich in einem richtig schlechten Film, der »Leben« heißt. War es nun eine Strafe, dass ich in einem solchen Zustand aufwachte oder nicht? Ich weiß es nicht. Ich rüttele an der Tür, die sofort aufspringt und ich durch sie falle. Absurder konnte es wirklich nicht werden. Ich sehe ein rosa Einhorn durch das Fenster fliegen, das sich in eine Brille verwandelt, mit grünen Gläser. Eine orientalische Boyband zieht saxophon-spielend durch den Raum und wird dabei von einer Horde Delfine begleitet? What? Ich musste dringend hier weg. Ich brauchte Schlaf, eine Dusche und Ruhe. Ein gutes Buch vielleicht. Die Regale sind ja noch so voll. Ich hatte eine Lektion gelernt: Niemals als Letzter auf einer Party aufkreuzen. Die Konsequenzen sind grausam, das Leben danach nicht mehr wie vorher. Dabei habe ich noch nicht nach Bildern von mir geschaut…Oh je!

Ein Kommentar zu „Paragons of Awkwardness #2

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