Die Unwissenheit des Moments

Während mancher Momente, in denen ich mich eigentlich glücklich schätzen dürfte, sie erleben zu dürfen, überfällt mich manchmal eine melancholische Stimmung, die ich nur begrenzt beeinflussen kann. Ich falle in einem plötzliche Starre, mein Blick richtet sich in eine unbestimmte Ferne und meine Gedanken heben von ganz selbst an. 


Ich denke darüber nach, wo ich stehe. Der Boden unter mir ist Milliarden Jahre alt, eine unvorstellbar lange Zeit. Doch die Natur denkt nicht in Menschenaltern, sie hat viel mehr Zeit, um sich zu wandeln, sich zu verändern, sich veränderten Bedingungen anzupassen. Die Menschheit ist nur ein Wimpernschlag in ihrer Warnehmung. Ich frage mich, wie die Zukunft aussehen wird. Die Moderne hat das Leben zur messbaren Größe werden lassen, ein planbares Instrument ist es gewoden. Wofür? Ja, wofür eigentlich? Wir können sein, wer wir sein möchten, Künstler, Bohémes, Politiker oder doch Anwalt. Wir können uns durch den Staat absichern lassen, wir können reisen, da die Erde zu einem einzigen Dorf geworden ist. Technischer Fortschritt »erlöst« uns von Aberglauben, bringt uns Flugzeuge und Bomben. Und die Welt dreht sich immer weiter. Alte Riten erwecken die Illusion, wir lebten noch im Mittelalter und nicht in einem Zeitalter der Selbstbestimmung. Doch die Welt von heute ist komplizierter. Gemacht für einen anderen Menschentypus. Die Schnellen, die Unermüdlichen, die Lasttiere der modernen Zeit sind die Menschen, die an Computern sitzen, analysieren, recherchieren, kompilieren, ohne Sinn für Ideale vegetieren. Wofür ist unser Wohlstand? Wir, vielleicht unsere Kinder zehren davon. Wir leben in einer Welt ohne Ideen, ohne Visionen. Eudaemonia werden wir nicht erreichen, Apathia ist tot. Wir sind Gefangene in der Welt, die wir geschaffen haben. Was es uns ermöglicht hat, unbegrenzte Möglichkeiten zu erhalten, hält uns nun gefangen. 

Uns trotzdem wandern die Menschen über die riesigen Plätze der Welt, über den Times Square, über den Tiananmen-Platz, Trafalgar. Sie suchen ein besseres Leben, mehr Wohlstand. Aber sie werden das Problem des modernen Menschen finden. Die Überforderung mit der eigenen Existenz, alle Konventionen, alle Orientierung ist eingerissen, in Scharen suchen Menschen die Gewalt. Jede persönliche Ebene ist eingerissen und wird durch Technik ersetzt. Der Kuss am Ende eines Briefs, die Umarmung in einer warmen Sommernacht: Wir kennen uns viel weniger als noch vor 100 Jahren. Wir wissen nur noch, dass wir Menschen sind, aber über unsere Gegenüber wissen wir nichts, noch weniger können wir sie einschätzen. Uns ist das Gefühl für Gemeinschaft abhanden gegangen, komplexe Algorithmen suchen uns den »optimalen« Lebenspartner aus. Dabei bedarf es nur einer einzigen Krise und die sensiblen Stützen der Zivilisation kollabieren, auf sich alleingestellt, ist der Mensch machtlos und ohne Perspektive.

Ich kann nur träumen, träumen davon, dass die Menschen den Raum begreifen, dass sie sehen, dass ihre Zukunft nicht hier liegt. Der Mensch selbst ist eine Idee, eine Idee, die es lohnt, fortzuführen. In Staunen versetzen uns die Bilder des Alls, der unendlichen Weiten von Raum, den noch nie ein Mensch durchkämmt hat. Wir hätten die Möglichkeit, die anthropogenen Probleme zu lösen, Armut, Wasser, ein bescheidener Wohlstand. Die Lösungen dafür existieren, wenn wir nur für einen Moment Zweckrationalität für den Dienst an der Gemeinschaft eintauschten.

Doch wir müssen warten, warten auf eine bessere Zeit, in der die ureigenste Eigenschaft des Menschen, sein Drang, zu entdecken, nicht zu zerstören, zu erkunden, nicht zu verwüsten, wieder in den Köpfen der Menschen auftaucht. 

Und ich wache auf. Fragende Blicke richten sich auf mich. Und ich denke mir: Warum denkt ihr nicht auch so? Wenigstens für eine Sekunde, ruft euch in Erinnerung, wie klein und unbedeutend die Erde im Weltraum ist, und wie bedeutend ihr Beitrag zur Geschichte des Universums. Hier existiert Leben, und wir sollten nicht leichtfertig mit dieser Tatsache umgehen. Unsere Existenz verdanken wir eines kosmischen Wunders, einem Meisterwerk der Evolution. Und dann begreife ich etwas: Unser Zeitalter ist verzweifelt, klammert sich an materielle Hoffnungen, um ihre immateriellen Ängste zu überwinden. Doch kein Gold der Welt überwindet den Tod, kein Silber kann das ewige Leben kaufen. Begriffe wie Unsterblichkeit oder Ruhm wurden dafür erfunden, dem Menschen eine wohltuende Illusion zu geben, dass nach seinem Tod noch etwas von ihm weiterlebe. Aber alles führt zu den Sternen. Das Leben an sich und erst recht unsere Träume, die so hoch reichen wie es uns unser Geist erlaubt.

Niclas Frederic Sturm

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