Paragons of Awkwardness #3

Regen, Regen, nichts als Regen. Dieser schlechte Anfang eines jeden mit Weltschmerz triefendem Romans beschreibt den heutigen Tag sehr gut, trotz der klischeehaften Darstellung. Wohin ich heute auch meinen Fuß setzte, er wurde nass. Unter der Dusche, in der Stadt, zwischen den Häusern. Vom Regen in die Traufe, sozusagen. Gut, wenn man in diesen Situationen einen Regenschirm besitzt. Dieses kleine Wunderwerk der Technik ist eine Meisterleistung der modernen Ingenieurskunst. Mit nur einem einzigen Handgriff verwandelt sich ein handliches kleines Etwas in ein ganz wunderbares Instrumentarium, das mich vor Regen, Wind und notfalls auch Sonne beschützt. Vorzüge über Vorzüge. Ohne einen Regenschirm wäre die moderne Zivilisation zweifellos verloren.

Und so machte ich mich auf den beschwerlichen Weg über die Straße, um noch ein paar geschäftliche Angelenheiten zu klären. Schließlich machte es mir der Regenschirm möglich, ganze Straßenzüge ohne nur einen Tropfen auf meinem Blazer, zu durchqueren. Ich nahm mir also meinen gut gefütterten Dufflecoat vom Haken (er erhielt jeden Tag ein gutes Stück Steak), band mir einen bunten Schal um, sattelte die Stiefel und begab mich außer Haus, natürlich nicht ohne meinen guten Regenschirm. Am Himmel hatten sich bereits zahlreiche dunkle, drohende Wolken manifestiert, jederzeit bereit, donnernd loszuschlagen. Glücklicherweise sollte die geschäftliche Angelegenheit nicht viel Zeit erfordern, es mussten nur zwei DINA4-Seiten ausgedruckt werden, da mein Drucker nicht funktionierte (er streikte, wie ich feststellen musste, aber seit wann gab es denn eine Gewerkschaft der Tintenstrahl-Drucker? Vielleicht sollte ich auf Laser wechseln…). Ich ging die Stufen meines Stadthauses hinunter, zog mir meinen Mantel enger an den Körper und eilte schnell über die Straße, da weit und breit kein Fußgängerstreifen zu sehen war. Der Regen peitschte auf mich hernieder und die verschwommenen Lichter der fahrenden, nicht stehenden, Autos irritierten mich. Ich hörte das Quietschen von Reifen, dann fernes Donnergrollen. Angst durchfuhr mich: Hatte ich mein Kartoffeln im Ofen vergessen? Ich wusste es nicht. Sobald ich zurück in meiner Wohnung war, würde ich mich bei einem guten Glas Wasser dessen vergewissern. Ich klopfte an der Haustür meiner geschäftlichen Bekanntschaft und mir wurde sogleich geöffnet. Hastig stellte ich den Regenschirm in die Ecke, sicher verwahrt, so hoffte ich. Schnell erledigte ich die ungeheuer anstregende Arbeit und verabschiedete mich, vollkommen erschöpft, meine Hände konnten kaum die zwei DINA4-Blätter halten, meine Arme waren schwer wie Uran. Ich musste zurück zu meinem Regenschirm.

Doch er war weg.

Verschwunden. Vom Erdboden verschluckt. Ich suchte die Ecke ab, aber fand nur Kreise. Was sollte ich tun? Es wäre ungeheuer peinlich, wieder zu klopfen, nur um einen Regenschirm zu erhalten, den ich dann mitnehmen würde, um ihn – an der eigenen Haustür angekommen – wieder zurückzubringen. So viel Aufwand für so wenig Weg. Außerdem konnte es sein, dass der Regen weiter an Stärke gewann und ich bis zum nächsten Tag warten müsste, um den Schirm zurückzubringen. Ohne Schirm die Straße zu überqueren, wäre wahnsinnig, fast schon Selbstmord. Bei diesem Regen würde ich doch ganz nass und vor Kälte schlottern. Ich konnte meinen Mantel ausziehen und ihn mir über den Kopf halten, so würde immerhin meine Frisur nicht in Mitleidenschaft gezogen. Aber der Mantel wäre dann von einer dünnen Schicht Wasser benetzt, das wäre unmöglich wieder abzuwaschen.

Ich war verzweifelt. Wer hatte den Schirm genommen? Zweifellos war er von einem hundsgemeinen Regenschirmdieb entwendet worden, der schon seit einiger Zeit die gesamte Stadt unsicher machte und Angst und Schrecken unter seinen Bewohnern verbreitete. Was wollte diese Person damit bezwecken? Lösegeld erpressen? Wohl kaum, für einen Schirm aus dem Markt zahlte ich manchmal nur etwa 5 Denarii, das waren gerade einmal 20 Sesterzen, also nicht sondern viel, gerademal den Preis eines Pfaueneis also. Andererseits war ich im Besitz von weiteren Schirmen, für besondere Anlässe. Dazu zählte ich meinen Regenschirm aus Mahagoniholz, mit einer Bespannung aus feinstem Leinen und Gestänge aus Platin. Darüber hinaus war ich noch im Besitz eines Hightech-Schirmes mit integriertem Regenradar, einem Bezug, der sich entpolarisieren konnte, sodass ich hindurchzusehen vermochte und einer Spitze, in die ein Messer eingebaut war. Warum? James Bond hatte eine ähnliche Apparatur schließlich auch. Mit Regenschirmen war es letztlich wie mit Schuhen, Taschen oder Uhren. Man konnte nie genug haben, ich erst recht nicht. Ohne Schirme war ich höchstens mich Charme und Melone, aber mehr nicht. Ich fühlt mich stets schutzlos, außerdem lässt sich ein Schirm wunderbar als Gehstock benutzen, wenn es gerade nicht aus Eimern gießt. Ich muss zugeben, dass ich ein wenig besessen mit Schirmen war. Ganze Schränke in meiner Wohnung füllten sie, in allen Farben und Größen. Ein Regenschirm ist das Schwert des modernen Mannes. Sonst könnte er keiner Dame den Schirm in größter Not aufspannen, geschweide denn sich vor den Fluten schützen. Einer meiner Regenschirme konnte sogar als Rettungsring verwendet werden, da er bieg- und aufblasbar war. Wundervoll!

Aber ohne Schirm konnte ich die Straße nicht überqueren. Wehmütig starrte ich mein eigenes Haus an, in dessen Inneren die Kartoffeln sicher schon verkohlt waren. Es war traurig. Jetzt blieb mir nur das Wasser. Möglicherweise hatte ich noch etwas Brot, ein Gefängnisessen. Ha! Wie im Gefängnis fühlte ich mich auch, eingesperrt unter dem Vordach des Hauses meines Bekannten, halb erforen und wie paralysiert. Nirgendwo sah ich einen Passanten, unter dessen sicheren Schirm ich mich flüchten konnte. Resigniert setzte ich mich auf die trockenen Stufen und vergrub unter dem Ausstoß eines Schreis der Verzweiflung meine Gesicht in meinen Händen. Ich war hier gefangen, jämmerlich saß ich auf den Stufen eines Wohnhauses, mein Ziel so nah vor Augen. Was wohl der Dieb mit dem Schirm tat? Bei der Endlosigkeit der Möglichkeiten wurde mir ganz bange ums Herz. Er konnte ihn zerbrechen, verbiegen, auf ihm herumspringen oder ihn aufspannen und damit durch die Straßen flanieren. Es war scheußlich. Vor lauter Erschöpfung und Aufregung schlief ich schließlich ein.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, rüttelte mich jemand an den Schultern. »Was machst du hier, hast du die ganze Nacht auf den Stufen hier geschlafen?«, hörte ich eine Stimme fragen. »Ja, hatte keinen Schirm«, erwiderte ich müde, noch einmal beherzt gähnend. »Du bist vielleicht ein verrückter Hund, du hattest keinen Schirm dabei, als du hergekommen bist.«

Ich schrak zusammen. Keinen Schirm? Hatte ich mir alles nur eingebildet, war ich vor lauter Schirmen dem Wahnsinn verfallen? War das die Möglichkeit? Ich hoffte nicht, denn sonst wäre es sehr schade um den Schirm, den ich nie besessen hatte, und der doch so nett anzusehen war. Das ist das Leben!

Niclas Frederic Sturm

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