Paragons of Awkwardness #4

IV


 Das Fitnessstudio

 Ich muss gestehen, dass ich bis zu jenem Tag nie einen Fuß in ein Fitnessstudio gesetzt hatte, nie. Ich war der Überzeugung, dass »ehrlicher« Sport im Verein genügend körperliche Ertüchtigung böte und die angesprochenen Muskeln sinnvoll wachsen könnten und nicht als puren Selbstzweck verwendet wurden, um vor dem eigenen Spiegel den Bizeps zu küssen, der von einigen bereits als Religion verstanden wird, wenn der Bizeps nicht gerade brennt. Für mich war es reine Neugier, warum ich mich in die Höhle des Löwen begab. Ob ich jemals wieder dort herauskam? Ich konnte es nur hoffen.

Ich hatte sämtliche Vorbereitungen getroffen, die nötig waren, auch eine Rückzugsmöglichkeit hatte ich mir vorsichtshalber offen gehalten, sonst wäre ich wohl verloren und dem Gelächter der Masse preisgegeben. Ein Freund von mir wohnte in Reichweite des Fitnessstudios, in das ich meine Expedition starten wollte. Ich musste ihm nur ein Zeichen zukommen lassen und er würde vorbeikommen, mit eiligen Schritten hineinstürmen, auf ein Smartphone zeigen und rufen: »Der Präsident hat angerufen, du sollst sofort zu ihm kommen, Superman muss zu seinem Einsatz!« Das sollte für das nötige Überraschungsmoment sorgen, um eine peinliche Situation zu verhindern. Denn dann würde ich mir meine Kleidung vom Körper reißen und das darunter verborgenen Superman-Kostüm käme zum Vorschein. Manchmal hatte ich jedoch das Gefühl, dass ich mich absichtlich in solche eigenartigen Situationen brachte, aber mehr als eine vage Vermutung wurde daraus nicht. Ich war recht unbedarft an die Sache herangegangen, hatte eine ganz normale Sporttasche gepackt, eine Flasche stilles Mineralwasser, ein paar Cracker, meine Sportschuhe. Ich rechnete nicht mit dem Schlimmsten. Warum sollte ich auch? Alle, mit denen ich über Fitnessstudios gesprochen hatte, waren lebend zurückgekehrt, ihr Bizeps auf magische Weise vergrößert. Da ich vor kurzem im Hammerwurf gegen ein Fitnessstudio-Besucher verloren hatte, konnte ich diese Schmach natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Ich war schließlich Leichtathlet, ein Nachfolger Milons von Kroton, dem vielleicht berühmtesten Athleten der Antike. Im Gegensatz zu ihm jedoch absolvierte ich sportliche Herausforderung mit Textilien, nicht ohne. Das wäre eher unpraktisch.

Schon war ich auf dem Parkplatz angelangt und schloss mein Fahrrad an. Ein Hochrad aus dem 19. Jahrhundert, auf das ich sehr stolz war, da es aus dem Besitz meiner Familie stammte. »Was hast du da für ein schickes Teil?«, hörte ich eine Stimme fragen. Ich drehte mich um. Dort stand ein junger Mann, der mich spöttisch angrinste. Er lehnte an seinem Rennrad. »Carbon«, sagte er und hob es spielend hoch. »T3 Carbon?«, fragte ich, worauf er keine Antwort wusste.

Es war unmöglich schwül an diesem Tag und so war ich erleichtert, als ich durch die verglaste, sich automatisch öffnende Tür das klimatisierte Gym betrat. Sofort richteten sich alle Blicke auf mich. Zu Mindest bildete ich mir das ein. Ich war schon paranoid wegen der Sache geworden. Aber damit fingen die Probleme erst an, denn nun wusste ich nicht, was ich tun sollte. Achselzuckend steuerte ich zunächst auf die Rezeption zu und kaufte einen Tagespass. »Sie sind neu hier, stimmt’s?«, wurde ich von der attraktiven Frau am Schalter gefragt. »Das bin ich. Meine Neugier hat mich hierhergeführt.«, antwortete ich schnell. »Na, dann hoffe ich, dass das nicht das letzte Mal gewesen ist, ich kann Sie persönlich herumführen und mit den Geräten vertraut machen, Sie müssen nur nach mir fragen.«, sie lächelte mir zu. Ich wurde rot und lächelte unsicher zurück. Meinte sie das ernst oder war das nur eine Masche, um die Kunden an das Studio zu binden? Ich legte meine Tasche auf eine der Bänke, zog meine Laufschuhe und ging auf eines der Laufbänder, die gut frequentiert wurden. Ein älterer Herr schlich im Schneckentempo über das Band, aber wenigstens war er noch im Alter aktiv. Respekt! Ich ging auf das Band und stellte 5 Kilometer ein. Man muss ja erstmal ganz unten anfangen. Das Band neben mir wurde dann auch besetzt, ebenfalls von einem sehr sportlich aussehenden Mädchen. Als sie merkte, dass ich sie anschaute, fragte sie: »Kennen wir uns irgendwoher?«

»Du bist mir in meinen Träumen begegnet.« Autsch! Das war mir rausgerutscht. Ich hatte es nicht kontrollieren können. Sie sah mich irritiert an. Wenn ich jetzt nichts nachschoss, war alles verloren. »Ähem, ich meinte natürlich, vielleicht. Man sieht sich ja immer zweimal. Gehst du öfters hierher?« Ihr schien es sichtlich zu gefallen, dass das Gespräch hierhin gelenkt wurde. »Ja, absolut, mindestens viermal die Woche, wenn mir mein Job nicht dazwischen kommt.« Job? Sie konnte doch kaum älter sein als ich. »Wenn ich so Unverfroren sein dürfte: Was arbeitest du?« Noch so ein literarisches Wort. Mann, wo war ich nur mit meinen Gedanken? »Als Model für Sportmagazine.«, erwiderte sie trocken, als sei sie mit der Frage vertraut. Ich sog die Luft ein. »Ja gut, äh, ich nicht. Also…ich bin kein Model.«

Wir unterhielten uns eine Weile während wir auf dem Laufband liefen, bis sie mich darauf hinwies, dass meines gar nicht eingeschaltet war. Peinlich, peinlich…Nun, aber vielleicht war das hier doch kein Ort des Bösen. Aber ich hatte mich zu früh gefreut, denn in diesem Moment bog ein Breitling um die Ecke und hatte meine nette Freundin vom Laufband angepeilt. »Ah, na wie geht es dir? Mal wieder den Bizeps mords gekillt, 30 Kilo nonstop each. Harharhar!« Er griff sie um die Taille. Ich zog nur die Augenbrauen hoch. Das war wohl ihr Freund, ein Koloss von Mensch. Eher ein Bulle. Stiernacken und einen völligen unproportionierten Körper. Oberarme wie Stahlseile, aber eine Hüfte wie ein Brotstick. Daran erkannte ich, dass dieser Mensch wohl nur hierherkam, um Leute aufzureißen. In einem Anflug von Superbia sagte ich zu ihm: »10 Kilo, das schafft doch meine Oma. Willst wohl ein ganz harter sein.« Das hätte ich lieber nicht sagen sollen, denn er kam direkt auf mich zu. Der Geruch von Schweiß und schlechtem Deo stieg mir in die Nase. »Was haste eben gesagt, du Salzstange? Willst du mich etwa herausfordern? Haste meiner Freundin schöne Augen gemacht, was?« Worauf hatte ich mich da nur eingelassen? »Das gelingt dir wohl nicht, die Leute hier kannst du ja nur mit deinem Bizeps beeindrucken. Einen Agon, ja, das verlange ich.« Mit dieser Äußerung wollte ich seine Unwissenheit herausstellen, um mir einen psychologischen Vorteil zu verschaffen. »Einen Agon, sagst du? Bist wohl ein alter Grieche, warum kannst du dir das überhaupt leisten, dann musst du doch pleite sein. Harharhar!« Sein Lachen dröhnte durch den ganzen Raum. Und wieder einmal richteten sich alle Augen auf mich. Eine Stimme flüsterte mir zu: »Lass das lieber, Junge. Das ist Egon, ein richtiges Tier beim Bankdrücken.« Ich vermutete, dass sein Anwesenheit hier aus Minderwertigkeitskomplexen resultierten. Bei dem Namen wäre das nicht verwunderlich. Das ganze Fitnessstudio fing an, uns anzufeuern. Nun war es unausweichlich. Ich würde mich ihm stellen müssen. Es würde ein Kampf auf Leben und Tod. Dem Verlierer würde nur die totale Demütigung bleiben. Mitleid hatte ich keins zu erwarten. Ein ritterlicher Zweikampf um eine holde Dame. Sie sah mich nur an und in ihren Augen war das Wort »Angst« geschrieben, nicht wortwörtlich, natürlich. Das Fitnessstudio konnte ich nun nicht mehr verlassen, ehe ich diesen Wettkampf bestritten hatte…

Fortsetzung folgt…

(Aus Gründen der Lesbarkeit wird diese Episode von »Paragons of Awkwardness« in zwei Teile aufgeteilt, so wie es bei Blockbustern üblich ist)

Niclas Frederic Sturm

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