Paragons of Awkwardness #4.5 – Die Fortsetzung

IV


Das Fitnessstudio Pt. II

Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ich hatte in einem Anflug von Eifersucht und Selbstüberschätzung einen Koloss herausgefordert, der zum Frühstück vermutlich Rinderhoden verspeiste und Blut aus Menschenopfern trank. In welcher Fitness-Disziplin vermochte ich gegen ihn zu bestehen? Andererseits hatte es Vorteile, wenn ich gegen ihn antrat, mein Mut würde bald das Gespräch in der Szene sein und ich ein Held der Schwachen (buchstäblich!) und Unterdrückten. Und nun würde er mich zum Frühstück verspeisen.

Plötzlich mischte sich das Model ein: »Lass mich Schiedsrichterin sein, Egon. Und lass mich die Wettkämpfe bestimmen.« Der Angesprochene nickte kurz. »That goes clear, my dear, harharhar!« Auch ich nickte. Vielleicht würde das mein Elend etwas lindern. Um uns hatte sich mittlerweile eine recht formidable Menge gebildet, die jeweils den einen und den anderen anfeuerte, während sie den jeweiligen Gegner mit Schmährufen überschüttete. Ich war im Zentrum der Aufmerksamkeit und ein Sturm würde jeden Moment über mich hinwegfegen. »Gut, dann lasst die Spiele beginnen! Die erste Disziplin: Liegestützen!“ Die Menge tobte. Ich verdrehte innerlich die Augen. Das konnte ja heiter werden! Wir wurden zu einer Gymnastikmatte geführt und legten uns mit dem Bauch nach unten darauf. Das Mädchen hob ihren Arm und rief »Los«. Ich konnte am Anfang sogar recht gut mithalten, meine Zähigkeit war ein großer Vorteil. Mit Schrecken musste ich jedoch feststellen, dass meine Liegestützen sich allmählich in fischähnliche Wellenbewegungen verwandelten und ich mich nur noch mit Mühe auf den Armen halten konnte. Ich schnaufte, ich kaufte Erdbeeren, ich verbrauchte meine Energie. Meine Muskeln schrien in schierer Verzweiflung. Dann brachen meine Arme zusammen. Ein Stöhnen ging durch die Menge. Die Menge ekstasierte. Mein Gegner grinste mich nur fies an und fuhr fort. Noch weitere vier Minuten hielt er die Liegestützen durch, dann hörte er auf und stand locker auf, ich konnte ihm keine Anstrengung ansehen. Er musste doch gedopt sein!

Die nächste Disziplin war wenig überraschend der Schwertkampf. Mein Gegner wählte ein beidhändiges Langschwert, da er so seine brutale Kraft auf mich anwenden konnte. Ich entschied mich für eine Hiebwaffe und einen großen Schild, ähnlich wie die römischen Legionäre kämpften. Diesmal war ich überlegen. Mehr als auf meinen Schild zu schlagen, vermochte mein Gegner nicht zu leisten. Er wurde immer wütender und holte über seinem Kopf zu einem wuchtigen Schlag aus. Das war meine Chance. Ich wagte mich aus der Deckung in die Seite, woraufhin er sein Schwert fallen ließ und ich ihn zu Boden rang. Die Menge sabberte. »Was sagst du nun?«, fragte ich im gleichen spöttischen Tonfall, mit dem er mir begegnet war. Er schwieg. Eine weise Entscheidung. Schließlich gab ich auch in jedem meiner Lebensläufe an, ein Meister des Schwertkampfes zu sein und den schwarzen Gürtel im Karate zu besitzen. Das beeindruckte jeden Arbeitgeber. Bisher wurde ich noch nie aus einem Vorstellungsgespräch verjagt…

Nun stand es also unentschieden. Eine letzte Disziplin musste entscheiden. Das Mädchen, dessen Namen ich immer noch nicht wusste, wählte den Lyrik-Agon. Ja, den Lyrik-Agon. Der Koloss blickte seine Freundin böse an, als sie dies verkündete und murmelte unverständliche Worte. Freundlich würden sie wahrscheinlich nicht gemeint sein. Die Menge war verwundert. Ich auch, offen gestanden. Was hatten Schwerkampf und Lyrik im Fitnessstudio zu suchen? Wenig. Eigentlich. Mit betörender Liebeslyrik konnte man noch jedes Herz schmelzen und mit martialer Rhetorik einem Gegner die Knie weich werden lassen. He used to be an adventurer like me, but then he took a rhyme to the knee. »Egon, du zuerst.«, sagte sie. Es konnte nur auf eine Blamage für ihn hinauslaufen, dachte ich mir. Und das was er von sich gab, würde Goethe und seine Kollegen im Grab rotieren lassen, bis die Fliehkraft (die nur eine Scheinkraft ist, btw!) sie auseinanderiss. Ich verdrängte dieses Bild jedoch schnell.

Mein Haus ist groß,

meine Hosen sind nicht zu groß

ich fahre BMW

und bekomme niemals (Pause) Heimweh!

Mein Bizeps, ja mein Bizeps der ist krass

im Gym mach‘ ich damit jeden Nass

Auf der Autobahn

macht mein Motor einen Affenzahn

Dieser Reim

der sitzt rein

Hier und da ertönte zögerlicher Applaus. Als ich vortrat, um mein Gedicht vorzutragen, wurde es plötzlich ganz still. Meine Stimme hob an und alles lauschte. Als ich geendet hatte, brach tosender Applaus los. Ich wurde von allen Seiten beglückwünscht. Der Sieger stand nun eindeutig fest: Ich! Mein Gegner war am Boden zerstört, nicht nur hatte er sich als wenig kreativ bewiesen, er war auf ganzer Linie gescheitert. Er schaute seine Freundin hilfesuchend an, doch sie reichte ihm nicht einmal einen Strohhalm. Schlimmer noch! »Wir sind durch und das weißt du.« Er stand mit wankenden Beinen auf und ging. Die Menge macht Platz. Er ging zur Drückbank und legte dort hohe Gewichte auf die Stange, zweifellos, um seinen Frust loszuwerden.

Das Mädchen wandte sich nun an mich und lächelte. »Das wäre geschafft«, sagte sie. Ich lächelte zurück. Dabei fiel mir auf, dass ich am Morgen keine Zahnseide benutzt hatte. Es würde schon nicht auffallen…»Hättest du Lust, mich zu meinem Yoga-Kurs zu begleiten?« Das konnte ich ihr doch nicht ausschlagen.

Im Nachhinein hätte ich es vielleicht doch nicht tun sollen. Ich stellte mich an wie richtiger Amateur. Die Figuren waren ungeheuer anstrengend und meiner Meinung nur darauf ausgelegt, die Leute zu frustrieren. Meine weibliche Begleitung dagegen konnte sich in unmöglichen Weisen verdrehen, während meine Knochen laut knackten. Die Leiterin des Workshops war erbarmungslos und zeigte jedesmal hysterisch schreiend auf mich, wenn ich etwas falsch machte. So konnten das die indischen Erfinder dieses Sports doch nicht gemeint haben…Schlichtweg, es war die reinste Qual und ich war froh, als ich den Raum verlassen konnte. Meine Kleidung war völlig durchnässt. Diese Verrückten hatten zusätzlich zu den anstrengenden Übungen die Raumtemperatur auf 32° Celsius erhöht! Warum? Warum nur? Jedoch wurde ich aufgemuntert dadurch, dass das Mädchen mich im Anschluss noch in das hauseigene Café mitnahm, dessen Sortiment an okkulte Substanzen grenzte: Ginkgo-Schokolade mit Stevia-Zucker, Chai Latte mit Pfeffer und Chili, Nudel aus Karotten mit fettfreiem Parmesan…Ich könnte die Liste noch mindestens zwei Beiträge weiterführen, es war einfach absurd. Zudem wurde mir noch übel von der Anstrengung. Immer wieder kamen Leute an unserem Tisch vorbei und klopften mir anerkennend auf die Schulter. Ich hatte mir einen Namen gemacht. Ich sah meiner neugewonnenen Freundin in die Augen und überwand meine Zurückhaltung. »Würdest du…ich meine, würdest du…?« Argh. Warum streikte gerade jetzt mein Verstand? Sie versuchte, meinen Satz zu vollenden. »Nochmal aufs Laufband?« Meine Augen weiteten sich erschrocken, doch dann brach sie in ein herrliches Lachen aus, in das ich sofort einstimmte. Die Physik stimmte. »Nein, ich meinte, ob du mit mir Essen gehen würdest? Ich kenne da ein schickes Restaurant…« Zu meiner Erleichterung schien sie mehr als geneigt, mein Angebot anzunehmen. »Gerne. Hier hast du übrigens meine Nummer, du Philosoph.«

»Hey, das bin ich nur halbtags.« Sie konnte sich ein Lächeln ob dieses schlechten Witzes nicht verkneifen. »Jedenfalls, call me maybe!« (Schreiber, warum lieferst du mir immer derart krampfhafte Anspielungen?!) Ich wollte mich gerade entspannt zurücklehnen, einen erfolgreichen Tag genießen, als die Tür des Fitnessstudios rückartig aufgerissen wurde, dort stand mein Freund, hielt sein Telefon in der Luft und rief für jeden hörbar. »Superman wird gerufen! Ein Notfall« Ich lächelte schelmisch, sprang auf und riss mir meine Sportkleidung vom Körper, darunter war mein Supermankostüm. Dann streckte ich meine Hände zum Himmel und hob magisch vom Boden ab, winkte meiner Bekannten zu und flog durch die Eingangstür hinaus dem Himmel entgegen, um wieder einmal die Welt vor sich selbst zu retten.


Niclas Frederic Sturm

2 Kommentare zu „Paragons of Awkwardness #4.5 – Die Fortsetzung

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