Paragons of Awkwardness #5

V


Das Restaurant

In meiner Wohnung konnte es im Herbst ziemlich kalt werden. Die Zentralheizung tat nur selten ihren Dienst und dann auch noch antizyklisch: Ich Sommer war es meist zu warm, um sich dort aufzuhalten und im Winter froren selbst Eisbären. Vor einiger Zeit hatte ich in einem Fitnessstudio in einem ehrgeizigen Wettkampf einen Koloss besiegt und seine damalige Freundin hatte ihre Beziehung auf »terminiert« umgestellt. Sie hatte mir ihre Nummer gegeben und wir standen in regem Kontakt. Was mir nur manchmal wunderte war, dass meine Geschenke per Brieftaube nie ankamen, geschweigedenn meine Telegramme, wenn ich einmal keinen Empfang hatte. Aber mit diesen Wirkungen musste ich leben. Eines Abends lud ich sie zu mir ein, ich hatte für den späteren Abend einen Tisch in einem sehr guten Restaurant reserviert, das mir einer meiner Freunde empfohlen hatte. Ich dachte, ich könnte seinem Urteil trauen.

So kam sie also eines schönen, warmen Abends zu mir herüber. Ich setzte mein nettestes Lächeln auf, das ich besaß. Es war etwas eingestaubt, schließlich bewahrte ich es in einer separaten Vitrine für Sonderfälle wie diesen auf. Sie umarmte mich kurz und ich drückte ihr sanft einen Strauß in die Hände. Sie sah mich etwas verwundert an, warum ich ihr ausgerechnet einen Vogel schenkte, dann machte ich lachend eine wegwerfende Handbewegung, führte den Strauß kurz weg und gab ihr einen Blumenstrauß, der mich sehr viel Geld gekostet hatte. Mit meinem Humor musste sie wohl leben, wie jeder andere auch. Sie musterte verstohlen meine Wohnung, wie es das andere Geschlecht eben so tat, da sie dadurch Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen konnten. Ich bat sie freundlich, auf einem meiner Lounge-Sessel Platz zu nehmen. Wir unterhielten uns rege und ich schenkte ihr regelmäßig Mineralwasser und Apfelschorle nach. Man musste es ja am frühen Abend noch nicht übertreiben. Ich rutschte unruhig hin und her, da ich es nicht gewohnt war, attraktiven Besuch zu haben. Daher lenkte ich das Gespräch auf unauffällige Themen wie Pop-Art Kunst, romanische Sprachen und Astrophysik. Sichtlich gespannt lauschte sie meinen Ausführungen, die in ihrer Unterhaltsamkeit von nichts Anderem übertroffen wurden.

Die Uhr schlug sieben und wir machten uns auf den Weg zum Restaurant. Da ich kein Automobil besaß, mussten wir wohl mit der U-Bahn vorlieb nehmen. Ein ungemein umweltfreundliches und schnelles Mittel der Fortbewegung. Es war mittlerweile klirrend kalt und sie hatte ihre Arme um den Körper gelegt, wohl um mir zu signalisieren, dass sie fror. Ich dagegen hatte vorsorglich meinen Dufflecoat übergeworfen, der mich warm hielt. Ich beruhigte sie und sagte: »Keine Sorge, wir sind ja gleich da.« Ihren schockierten Blick übersah ich dabei.

Das Restaurant war ein schickes, internationales Restaurant an einer geschäftigen Straße. An den Leuten, die die Straße passierten, erkannte ich, dass in dieser Gegend das Geld etwas lockerer saß. Aber das schreckte mich in feinster Weise ab. Hinter mir hörte ich plötzlich einen dumpfen Schlag und wandte mich um. Meine Begleitung war auf dem eisigen Boden ausgerutscht. Ich war etwas erbost, da wir schon zu spät waren. »Die werden immer etwas ungemütlich, wenn man zu spät ist.«, rief ich ihr leise zu. Sie verdrehte nur die Augen. und richtete sich mühsam auf. Das Restaurant würde ihre Stimmung haben. Der Oberkellner erwartete uns bereits. Er trug einen metropolitanen Bart, der ihn als Hipster auszeichnete. Ich schaute kurz auf seine Füße und sah, dass er Ringelsocken trug. Er geleitete uns zu einem Tisch, der glücklicherweise direkt neben der Küche lag, sodass wir schnell zu unserem Essen kamen. Ein großes, geöffnetes Fenster lag ebenfalls nahe, um frische Luft einzuspeisen, die häufiger in einem kalten Hauch über unsere Haut strich. Die leckeren Gerüche, die regelmäßig aus der sich öffnenden Tür drangen, waren einfach nur herrlich. Meine Freundin schien darüber eher unglücklich, dabei konnte ich dies ob der eindeutigen Vorteile nur schwer nachvollziehen konnte. Was mich allerdings ärgerte, war, dass ich von der Karte nur Bahnhof verstand. Die Gerichte waren in ihrer jeweiligen Landessprache gehalten und dabei handelte es sich um Fusion Cuisine aus allen Erdteilen. Der Schweiß brach mir aus, da ich partout nicht wusste, was ich nehmen sollte. Ich wählte zufällig ein Gericht für mich aus und erklärte ihr in gönnerhafter Manier, was es mit den Speisen auf sich hatte. Sie schien sehr angetan von meinen Erläuterungen. Glücklicherweise gab es in dem Lokal auch normale Getränke und ich bestellte mir die interessante Flasche mit dem Totenkopf darauf. Das Zeug brannte mir zwar den Mund aus, aber es hatte das gewisse Etwas.

Dan kamen auch schon unsere Speisen. Meine Freundin bekam ein Krokodil, wobei sie bei dessen Anblick einen lauten Schrei ausstieß, da auf dem Teller ein Krokodilskopf lag, der sie mit seinen Augen fixierte. »Was hast du da bestellt? Bist du wahnsinnig? Ich bin Vegetarier!« Ich hatte ein ganz normales Steak bekommen, was mich sehr freute. »Ach, komm schon! Sieht doch ganz appetitlich aus.« Ihr war der Appetit jedoch gründlich vergangen und sie aß den ganzen Abend über nur noch Weißbrot, das war an unserem Tisch in rauen Mengen orderten. Im Verlaufe des Abends holte sie dann ihr Smartphone heraus und begann, darauf herumzutippen. Verständlich, denn während ich aß, sprach ich nie ein Wort. Das Essen könnte ja sonst kalt werden. Die Leute am Tisch gegenüber schüttelten schon wissend lächeln den Kopf, als sie uns ansahen. Als ich mit dem Essen fertig war, versuchte ich, meine Begleitung in ein Gespräch zu verwickeln, doch ihre Antworten waren nur noch einsilbig. Der großartige Abend hatte ihr wohl die Sprache verschlagen. Nun gut, dachte ich mir und bestellte die Rechnung. Das Essen war ziemlich teuer, zu teuer, wenn es nach mir ging. »Also, ich fürchte, du musst dein Essen selbst bezahlen, das ist mir zu teuer.«, sagte ich. Sie schaute mich nur ungläubig an, als hätte ihr jemand mit der Post ein Bild von einem ausgetrockneten Wasserfall geschickt und brachte kein Wort hervor. Sie legte dann zögerlich das Geld auf den Tisch, mich die ganze Zeit über starr ansehend.

Wir beide verließen das Lokal. Ich war gesättigt, außerdem würde gleich meine Lieblingsserie laufen. Zum Abschied gab ich ihr die Hand, die sie zurückhaltend schüttelte, ihren Blick nicht auf mich gerichtet. Ich sagte ihr, dass dies ein sehr schöner Abe gewesen war, was sie mit einem gequälten Lächeln quittierte. Ich glaube, sie hatte seit einer ganzen Stunde nichts gesprochen. Die Kälte sorgte natürlich auch für Halsbeschwerden. Dann ging ich fröhlich pfeifend meines Weges.

In den nächsten zwei Wochen hörte ich nie von ihr. Nicht ein Wort hatte sie seit diesem Abend mit mir gewechselt. Über kein soziales Netzwerk, weder Google Plus noch Myspace war sie erreichbar. Das Wort »Ghosting« kam mir in den Sinn. Mir kam der fürchterliche Verdacht, dass ich an jenem Abend im Restaurant alles, aber auch wirklich alles falsch gemacht hatte. Ich seufzte in dieser Zeit bestimmt 30-mal am Tag. Was war ich nur für ein Narr? Ein Trottel, ein Tor und was mir sonst noch einfiel. So sehr ich auch versuchte, sie zu finden und mich zu entschuldigen, es gelang mir nicht. Einsamkeit griff um mich und mir wurde winterlich im Herzen.


Niclas Frederic Sturm

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