Paragons of Awkwardness #6 – In die gleiche Richtung loslaufen

VI


Nach Verabschiedung in die gleiche Richtung laufen

Schon seit einiger Zeit geriet ich vermehrt in Situationen, die zwar seltsam, aber keineswegs mehr »awkward« im eigentlichen Sinne waren. Aber dennoch sind diese Situationen längst nicht aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden. Sie verbergen sich in den Abgründen des Alltags, sind meist nur von kurzer Dauer, entfalten ihre Wirkung aber sofort und mit besonderer Heftigkeit.

Wie kein zweiter besaß ich das Talent, wunderbare Momente und Situation fachmännisch zu ruinieren. Ich ließ auf höchst ungeschickte Art mein erstes Date in einem Restaurant platzen, dann erschien ich als letzter auf einer Party…Die Liste ließe sich beliebig weit fortsetzen, ohne dass es besser würde. Ich brauchte jemandem zum reden. Ich ging mit einem meiner Freunde in ein nettes, urbanes Café, das alle Ansprüche an die moderne Kaffeekultur erfüllte. Stilvolle Kaffee-Variationen mit Mango, Zimt und weiteren Gewürzen, kitzelten in meiner Nase. Die Bariste (der italienische Plural vo »Barista«!) waren sehr zuvorkommend, schrieben meinen Namen allerdings falsch. Na ja, was machte das schon? Wir setzten uns in eine ruhige Ecke auf der Terrasse. Die Sonne schien ein wenig und dennoch war die Luft angenehm kühl. Nach einer Weile, in der ich genussvoll meinen Espresso schlürfte, fragte mich mein Freund: »Also, worum geht es?«

»Mein Leben ist schwierig.«, erwiderte ich ruhig. »Wessen Leben ist das nicht? Auch wenn man in einem großzügigen Appartement lebt, einen begehbaren Kleiderschrank besitzt, eine Modelfreundin mit einem Harvard-Abschluss in Philosophie und Neurogenetik hat und regelmäßig auf Gala-Abende eingeladen wird, deine Worte werden mantraartig wiederholt.« Er lehnte sich zurück und nippte an seinem Frappuccino. Dabei wäre sein Stuhl beinahe nach hinten umgekippt. »Mag sein, mag sein, aber darum geht es mir gar nicht. Ich habe das Gefühl, das mich das Leben immer in alberne, bis groteske Situationen bringt, ohne dass ich es will.« Er lachte nur und fügte hinzu: »Das ist eine der interessanteren Interpretationen des Lebens, Mann. Sonst bekomme ich oft nur zu hören, das Leben sei ein Spiel, was hohe Einsätze rechtfertigt, eine Qual, was mir lauter melancholische und übel gelaunte Menschen in die Praxis treibt oder eine Tragödie, was bedeutet, das die Leute ihre Bedeutung hemmungslos überschätzen und in sich selbst den Ausgangspunkt für den Zustand der Welt sehen.Wenn in der Arktis ein Gletscher kalbt, werden sie nervös und kontrollieren jedes Mal, wenn sie nun das Haus verlassen, dass alle Lampen ausgeschaltet sind. Eine Komödie ist doch die wesentlich passendere Darstellung der Irrungen und Wirrungen, die wir durchlaufen. Aber daran ist nichts Schlechtes, im Gegenteil, das ermöglicht es uns, zu lachen.« Wie der aufmerksame Leser vielleicht herausgefunden hat, ist mein Freund ein Psychologe. Er heißt auch noch Freud mit Nachnamen, sodass sein späterer Beruf geradezu vorbestimmt war.

Wir unterhielten uns für eine ganze Weile intensiv und angeregt. Als wir schließlich gehen wollten, bemerkte ich aus den Augenwinkeln, wie er der Kellnerin etwas ins Ohr flüsterte. Diese schaute zu mir hinüber und nickte kurz, während sich schelmisch lächelte. Sie brachte mir die Rechnung, auf der eine Telefonnummer mit Kugelschreiber gekritztelt war. Ich lief rot an und entschloss mich, der jungen Frau ein nettes Trinkgeld zu geben. Als wir das Restaurant verließen, schaute ich aus Neugier nach, wem die Nummer gehörte. Als ich die Nummer anrief, meldete sich bloß der Anrufbeantworter des Cafés, das wir gerade besucht hatten. Ich schaute meinen Psychologen schief an, der nur vergnügt lächelnd seines Weges ging. Wir verabschiedeten uns und vereinbarten, uns bald wieder zu treffen.

»Bis dann«, sagte ich. »Man sieht sich«, hieß die Antwort. Dann passierte etwas unheimlich Peinliches: Wir gingen in die gleiche Richtung los. Wie war das nur möglich? Normalerweise nahm ich eine andere Route, doch diesmal war das nicht möglich, da mein Auto durch einen Marder sabotiert worden war. »Musst du etwa auch hier lang?«, fragte ich. Psychologicus war es ebenfalls peinlich. »J…ja, dort ist die U-Bahnstation, von der ich gekommen bin.« »Na, dann war das wohl ein verfrühter Abschied.«, meinte ich grinsend. Ich musste geschehen, dass ich selbst noch nie bei Psychologicus gewesen war. Wir hatten uns an der Universität kennengelernt, hatten uns aber stets nur bei mir oder in Cafès getroffen. Aber den Weg, den er nahm, musste ich auch entlang, also liefen wir noch eine Weile die Straße entlang, eine merkwürdige Stille zwischen uns, als seien bereits alle Worte ausgetauscht. Ich hielt viel von ordentlichen Abschieden. So konnte immer eine Grenze gesetzt werden und ich mochte Grenzen, klare Bezeichnungen, Orte und Zeiten, alles andere lief meiner Natur zuwider. Das hatte ich wohl von meinen Eltern. Aber was sollte ich nun sagen? Jeder Versuch zu kommunizieren, lief auf einen Gesichtsverlust beider Parteiein hinaus. Also musste ich improvisieren und pfiff vergnügt vor mich hin. Unbewusst schien auch er dem Reiz der bilabialen Töne zu verfallen und stimmte ein. Mein Freund musste eigenartigerweise an der gleichen Station aussteigen wie ich, was mich nur noch mehr verwunderte. »Sag mal, wo wohnst du eigentlich? Nach all diesen Jahren, in denen wir uns schon kennen?« Er dachte kurz nach, was er sagen sollte. »In der Elm Straße, gut schlafen kann ich dort zwarnicht, aber die Miete ist günstig.« »Die Elm Straße? Das ist doch nur ein paar Häuser  weiter als ich. Warum hast du mir nie davon erzählt? Das macht die Dinge doch viel einfacher.« »Ja, aber es gibt da ein Problem…« Ich hatte anscheinend ein wunden Punkt getroffen, sehr präzise wie immer. »Was meinst du?« Er hüpfte nervös vom einem Bein aufs andere. »Naja, ich wohne noch bei meiner Mutter.« Wow, ich hatte wirklich mit Schlimmerem gerechnet. »Ja, ich habe dadurch allerdings ein komplexes psychologisch-somatisches Problem.« »Du brauchst keine Fachbegriffe bemühen. Du hast Probleme, eine Freundin zu finden.«

Er nickte schwach. »Du verdienst doch gut genug, warum legst du dir keine eigene Wohnung zu?«, fragte ich verwundert. »Ich weiß auch nicht. Bequemlichkeit. Ich muss keine Miete zahlen, du kennst mich doch, ich bin ein alter Geizhals.« »Dafür nimmst du aber viel in Kauf. Das ist ziemlich unromantisch, wenn plötzlich die Mutter ins Zimmer spaziert und dir geschnittenene Apfelstückchen bringt, auch wenn es sehr nett gemeint ist.« Er nickte vehement, er war sich der  Agumente wohl bewusst. »Ich muss darüber nachdenken.«, er war durch meine nachdrückliche Bitte nachdenklich geworden. An der letzten Straßenkreuzung sollten sich dann unsere Wege trennen. Dachte ich zumindest. Denn wir trafen uns an meiner Haustür wieder. »Du wohnst hier??«, fragte ich entgeistert. Die Sache wurde immer verrückter. »Offenbar schon.«, er war nicht minder erschrockener. In den ganzen Jahren, in denen ich dort wohnte, war ich ihm noch nie über den Weg gelaufen. Und all das erfuhr ich nur, weil ein Marder meine Kupplung lahmgelegt hatte, und ich somit von meiner gewohnten Route abweichen musste. Meine Güte!

Niclas Frederic Sturm 

2015

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