Machivelli House

In einer anderen Zeit, einem anderen Ort. 

Prolog: Eine Schule wie keine Zweite

Man soll den Menschen entweder schmeicheln, oder sie sich unterwerfen.– Niccolò Machiavelli

Es hätte sein großer Moment werden können. Der Moment, in dem er sich zu den hohen Höhen der Macht hätte aufschwingen können. Jubelnde Massen, ein Titel, das Glück, beliebt zu sein. Macht ist eine Droge. Niemand konnte je ihrer Versuchung widerstehen. Warum sollte man auch? Macht ist ein einziger Selbstzweck. Aber ihm blieb sie verwehrt. Die Menge war auf seiner Seite, aber das System stand ihm im Weg. Alle hatten sich gegen ihn verschworen, seine Gegner, sogar seinen Verbündeten konnte er nicht unbedingt trauen. Man legte ihm Worte in den Mund, die er nie gesagt hatte. Wut staute sich in ihm an. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt. Die Gewinner der Wahl kamen zu ihm und sagten: „Schade, vielleicht beim nächsten Mal.“ Sie lachten insgeheim über ihn. Das sollte sich bald ändern. Sie würden es alles zurückgezahlt bekommen. Sie sollten spüren, was es heißt, sich mit ihm anzulegen. Man nannte ihn nur „den Professor“. 

„Wir müssen etwas tun! Und das sofort.“, meinte er. Seine Gesichtszüge waren verhärtet, sie strahlten eine unabwendbare Bereitschaft zum Konflikt aus. „Es ist wie im Mittelalter. Uns wird mutwillig Wissen vorenthalten, Tag für Tag werden uns falsche Dinge erzählt. Diejenigen, die sich nicht anpassen wollen, werden stumm gemacht, sie werden geschlagen und gebrochen. Die Professoren haben zu viel Macht.“ Es war ein Dienstag Abend, ungefähr ein Jahr nach den obigen Ereignissen. Der Professor hatte den Moment nie vergessen, als er von der Bühne gejagt worden war, die Sieger selbstzufrieden lachend. Es war nicht nur eine persönliche Niederlage, wie viele tausend litten unter dem System, das er ändern wollte. „Ja und? Was sollen wir machen? Die Direktoren sind gewählt, was sollen wir tun? Wir müssen warten.“, erwiderte Phil, einer der Vertrauten des Professors. „Warten ist zu wenig. Wir müssen sie stürzen.“, warf dieser ihm entgegen. „Und wie? Die werden von der Internatsleitung beschützt, da sind wir machtlos.“, stimmte Julian zu, der zusammen mit dem Professor Anführer der Untergrundorganisation „Das Zentrum“ war. Das ganze Treffen war hochkonspirativ. Sie trafen sich abends im Keller des Internats. Sie hatten sich Zweitschlüssel anfertigen lassen, als die Schlüssel einmal unbewacht waren. Niemals hätten sie sich öffentlich treffen können. Zu sehr wussten die Lehrer, dass die Gruppe Unruhe bedeutete. Sie wurden getrennt unterrichtet und die Kleiderordnung war über die Maße streng. Sie erhielten weniger Essen, mehr Aufgaben und hatten weniger Freizeit. Jeder auf dem Internat musste die gleiche, schwarze-weiße Uniform tragen, die jegliche Individualität aus dem Schulleben entfernte. Jeden Morgen versammelten sich die knapp 2000 Schüler auf dem Campus, brüllten unisono die Worte „Gerechtigkeit, Freiheit, Pflicht“ und gingen in den Unterricht. Der Professor hatte sich von Anfang her verweigert und missbilligend auf die Ansprachen der Internatsleitung geblickt. Nur denjenigen Schüler, die hervorragende Noten hatten, Kontakte besaßen oder das verhasste System stützten, durften die blaue-goldene Galakleidung tragen, die wesentlich bequemer war. Die Standardausführung war viel zu eng, aus schwerer Wolle, die sich im Regen schön vollsog und kratzenden Ausschlag verursachte . Er und seine Freunde trafen sich jeden Dienstag in den Katakomben, um sich zu beraten. Nach der Niederlage bei der Wahl, bei der sie für viel Zündstoff gesorgt hatten, waren sie in die Enge getrieben worden. Ihre vermeintlich „subversiven“ Gedanken hatten eine Reihe von Sanktionen zur Folge. „Wir müssen die Direktoren entfernen. Diese Leute, die keine Schüler, sondern nur ein Sprachrohr der Partei sind, müssen beseitigt werden.“, forderte der Professor energisch. „Da ist dieser Anthony, die rechte Hand von Edward, dem Vorsitzenden des Direktoriums. Wenn wir den ausschalten, haben wir schon viel erreicht.“, sagte Matthew, ein weiteres Mitglied des Geheimbundes, dessen Symbol eine Pyramide war. Der Professor war ein eigentlich ein angesehener Schüler, aber das Ansehen ging nur so weit, als dass er sehr gute Noten einfuhr, ansonsten aber von den Lehrern ignoriert wurde. Man hatte ihn damals auf dieses Internat gesteckt, weil er auch auf anderen Schulen rebelliert hatte. „Wir müssen die beiden gegeneinander ausspielen. Anthony kontrolliert den Schülerrat. Er treibt die Stimmen zusammen, sodass die Abstimmung immer einstimmig ausfällt. Ich darf zwar an den Sitzungen teilnehmen, darf aber nicht sprechen oder abstimmen. Wir müssen ihn diskreditieren.“, schlug der Professor vor. „Die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, ist das Verbrechen. Daran führt kein Weg vorbei, Freunde. Seid ihr dabei? Wenn nicht, braucht ihr nicht wiederzukommen. Wir werden Dinge tun müssen, die kein anderer zuvor tun würde. Wir müssen die Moral ablegen. Tausende werden es uns danken. Nur so hat diese Schule, dieses Land, eine Zukunft, die lebenswert ist.“

Dies war der entscheidende Moment, auf den der Professor schon seit langer Zeit hingearbeitet hatte. Seine Freunde wurden genauso schikaniert wie er, doch er hatte absichtlich dafür gesorgt, dass er Strafen nicht leisten musste. Ein Pakt mit dem Gegner, um ihn zu stürzen, war doch rechtens. „Ich weiß nicht“, meinte Matthew. Er war moderat, aber innerlich glühte der Zorn, wie der Professor erkannte. Er wusste, dass sie nicht nein sagen würden. Nach und nach stimmten alle zu. Der kleine Kreis der Verschwörer hielt zusammen. „Ich habe da auch schon einen Plan.“ Sein berüchtigtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Niemand wusste, wie weit er noch gehen würde, um seinen Plan zu vollziehen. Anthony, du bist der erste, dachte er. Dieser war dafür bekannt, sein Amt oft schamlos auszunutzen. Das wird dir zum Verhängnis werden. Seine Freunde schauten ihn nur verständnislos an, da er wieder einmal still in sich hinein gelächelt hatte. „Zur Tat“, sagte der Professor.


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