Machiavelli House – Erpressung


Erpressung

Er schlich heimlich über den Rasen, der seine Schritte verschluckte. Niemand konnte ihn sehen, würde ihn hören. Er trug komplett schwarze Kleidung, eine sinnvolle Anschaffung. Wie das Mitglied eines mittelalterlichen Ordens suchte er die Schatten und mied das Licht. Eine kleine Kamera trug er am Körper. Sein Ziel war ein großzügiges Appartement in der Nähe des Kapitols, des Zentrums des Internats. Es gehörte niemand anderem als Anthony, der rechten Hand von Edward Astor, dem Schulsprecher.

Jeder, der das System verehrte, vor den Mächtigen duckte, durfte in den beinahe dekadenten Wohnungen wohnen, die mit allem erdenklichen Komfort ausgestattet waren. Die Sache hatte natürlich das Ziel, die Schüler zu korrumpieren, damit sie der Partei aus der Hand fraßen, um ihre Position behalten zu dürfen. Es klappte erwartungsgemäß gut. Der Professor schlich näher heran. Bereits aus der Ferne vernahm er den Lärm der Musik und das Gelächter der Gäste. Er lächelte, denn er war seinem Ziel nahe. Er holte die kleine Kamera aus der Tasche. Sie war nur so groß wie eine Armbanduhr, schoss aber gestochen scharfe Fotos. Nun brauchte er nur noch letztere und die erste Phase des Plans wäre so gut wie abgeschlossen. Entschlossen war er, Grausames zu tun. Ein nobler Zweck, man tue alle, greife zu allen Mitteln. Er hatte seine Zweifel überwunden, denn in ihm brannte es. Nun war er bei einer der Fensterfronten angelangt, die nicht abgeriegelt waren. Ihm krochen verschiedenste Gerüche in die Nase: Schweiß, Alkohol, stickige Luft. Er schaute vorsichtig hinein. Dort lag Anthony auf einer Couch, umringt von mindestens sechs leicht bekleideten Frauen, ungefähr in seinem Alter, vielleicht etwas älter. Die Scheiben war schallgedämpft, aber es war nicht nötig, etwas zu hören. Er holte seine Kamera hervor und machte einige Aufnahmen, einmal wie Anthony aus einer übergroßen Flasche Champagner trank, wie er sich durch die Nase ein weißes Pulver zog. Würde dies an die Öffentlichkeit dringen, wäre er ruiniert. Denn die Partei ging mit solchen, die an der Disziplin zweifeln ließen, nicht sehr zimperlich um. Im schlimmsten Falle wartete das Lager auf sie. Schnell entfernte sich der Professor wieder. Er hatte genug Beweise, um Anthony zu zerstören. Doch das wollte er gar nicht. Ihm ging es um Macht. Er würde Anthony kontrollieren.

Am nächsten Morgen ging der Professor wie gewohnt zum Unterricht. Astrophysik stand auf dem Programm, ein Fach, das ihn regelmäßig an seine intellektuelle Grenzen trieb. Er war nicht der Einzige, dem es so erging. Er kam absichtlich ein paar Minuten früher, denn Anthony und er besuchten den gleichen Kurs. „Anthony?“, sprach ihn der Professor an. Der Angesprochene wandte sich skeptisch um und schaute den Professor mit einem fiesen Gesichtsausdruck an. Er hatte eine Ähnlichkeit mit einer Hyäne. „Bittest du um Strafminderung?“ Der Professor verzog keine Miene. „In gewisser Weise schon, wir müssen uns unterhalten.“

Er führte Anthony an ein ruhigen Ort in der Nähe des Vorlesungsraums. „Was soll das ganze? Du hast mir wohl kaum etwas Wichtiges zu sagen!“, meinte Anthony widerwillig. „Ich glaube schon!“, erwiderte der Professor und zog aus seiner Tasche die Fotos, die er vorherigen Abend geschossen hatte. Er merkte, wie Anthony langsam die Gesichtszüge entglitten. „Woher hast du die?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe da meine Quellen“. Anthony beugte sich vor. „Die wirst du nicht veröffentlichen könne, man wird wissen, dass sie von dir stammen. Du kannst mich nicht erpressen!“ „Das sehe ich ganz anders. Man wird sie noch heute auf dem Tisch der Internatsleitung finden. Ohne dass du etwas dagegen unternehmen könntest.“ Anthonys Gesicht verkrampfte sich. Er sah wohl ein, dass es keinen Ausweg mehr gab. „Ich will nicht deine Feindschaft, vielmehr könnten wir gut zusammenarbeiten.“ Anthony wunderte sich: Was wollte dieser Junge von mir? „Ich verstehe nicht ganz.“ Der Professor schaute ihn wissend an. „Dieses Mädchen auf dem Bild, ist das nicht Edwards Freundin? Wenn ja, dann hast du ein doppeltes Problem. Sollte das rauskommen, bist nicht nur du bloßgestellt, sondern Edward gleich mit dir. Ihr seid am Ende!“ Anthony seufzte. „Okay, Professor, was willst du? Geld, Strafminderung?“ Der Professor schüttelte den Kopf. „Das wäre zu auffällig. Erstmal möchte ich von nun an bei jeder deiner Veranstaltungen dabei sein. Dann verlange ich Loyalität. Wir werden zusammenarbeiten. Ich verstehe, dass du auf Edward neidisch bist. Schließlich ist sein Posten nochmal eine Stufe besser als deiner. Wenigstens ein wenig Komfort möchte ich: Ein Gläschen Wein vielleicht, Schokolade wäre auch nicht übel…Kannst du das einrichten, mein Freund?“ Anthony knirschte mit den Zähnen. Woher wusste er das alles? Dieser Junge war ihm unheimlich. Aber ihm blieb wohl  nichts anderes übrig, als dem unmoralischen Angebot zuzustimmen. Wobei? Was hieß schon moralisch. Er besaß selbst keine Moral. „In Ordnung, Professor. Dann sind wir nun Partner.“ Der Professor streckte seine Hand aus, die Anthony zögerlich schüttelte. „Du wirst von mir hören.“, sagte der Professor. Dann ging er.


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