Septembermord Pt. I

Salve!

Zum ersten Mal möchte ich in den kommenden Wochen ein vollständiges Werk
von mir veröffentlichen: Meine (Kurz-)Geschichte Septembermord, die ich allerdings eher in das Genre einer Novelle einordnen würde. Vielleicht habt ihr bereits Greys Biografie gelesen und euch mit der Figur vertraut gemacht. Ich verfasse sie vor über 3 Jahren und experimentierte mit meinem Stil herum. Kurze, manchmal auch abgehackte Sätze, die einen kalten und distanzierten Eindruck erzeugen. Ich lese sie heute immer noch gerne, da sie  von meiner Vorliebe zu Dystopien zeugt.

Viel Spaß beim Lesen!


Prolog:

Regen nichts als Regen. Trübes Licht auf den Straßen. Riesige Menschen drängen. Glasbauten bewachen den Weg. Hier ist kein Platz für Freiheit. Nicht hier, und nirgendwo sonst. Er steigt die Treppe hinunter. Kalter Beton von allen Seiten. Nasse Fliesen, ein Mann ist ausgerutscht. Blutend liegt er auf dem Boden. Keiner hat Mitleid. Jeder bahnt sich seinen eigenen Weg. Er gibt dem Mann die Hand und zieht in auf die Beine. Dieser bedankt sich. Er lächelt zufrieden. Ist es Zufriedenheit? Oder vielmehr Grausamkeit?

Er sieht Menschen davoneilen. Neonröhren beleuchten das Geschehen. Wie trist die Welt doch ist…Ein kalter Luftzug erfüllt den Raum. Er schließt genussvoll die Augen. Seine Lippen öffnen sich. Ein letzter Moment…Ein Signalton ertönt. Türen werden geschlossen. Er lacht auf.

Der Zug setzt sich in Bewegung. Er beschleunigt. Bis er nicht mehr zu sehen ist. Der Zug verschwindet im dunklen Tunnel. Zufrieden setzt er sich auf eine Bank in der U-Bahn-Station. Er lächelt ein wenig und schlägt eine Zeitung auf. Es soll unauffällig wirken. Nach ca. 5 Minuten holt er sein Mobiltelefon hervor. Das neueste Modell, wie es nur hohe Tiere haben.Als er den Bildschirm betrachtet und den Inhalt erfasst, fühlt er tiefe Zufriedenheit. Eine Kamera hat das Geschehen gefilmt, dass er doch so genossen hat. Er drückt auf den Senden-Knopf.

Er setzt sich eine Sonnenbrille auf und verlässt den Bahnhof. Er schaut zum Himmel hoch. Grau wie immer…

September:

Mitten in der Nacht vibriert das Mobiltelefon von Grey. Ohne Vorwarnung. Wütend springt er auf, er vermutet, wer es sein könnte, doch er irrt sich. Die Nummer ist unterdrückt. Es ist kein Anruf, es ist eine Nachricht. Möglicherweise ein Bild, oder ein Film, der Ladebalken ist noch nicht voll. Auf einmal springt es ihm ins Auge: Das pure Grauen. Seine Hände zittern, das Telefon fällt zu Boden. Allein schon die Vorschau des Videos jagt ihm einen Schrecken den Rücken hinunter. Eine Frau liegt gefesselt auf dem Boden, ihr Gesicht ist schmerzverzerrt. Grey kennt den Ort: es ist die U-Bahn-Station, die er früher als Student oft benutzt hat. Mit zitternden Fingern lässt er den Film abspielen. Exakt 30 Sekunden lang. Der Bildschirm wird heller, als der Zug auftaucht. Aus der Dunkelheit heraus verschwindet die Frau unter ihm. Das, was er übrig lässt, ist noch ein verdrehtes Etwas, vage als Mensch zu erkennen. Dann liest er die Nachricht. September. Es ist der Einundzwanzigste. Er tätigt einen Anruf. „Die Leiche muss verschwinden. Werft sie in den Fluss.“ So geschieht es.

Die Erinnerung brennt noch in seinem Kopf, als er auf die Stadt hinunterblickt. Hektisches Treiben auf den Straßen und Gassen. Niemals aufgeben, heißt es. Wie gerne würde er jetzt aufgeben, doch es gibt einfach zu viele Dinge, die ihm sein Leben geschenkt hat. Ein unglücklicher Zufall, ein Opfer für seine Größe. Er lacht. Und es ist triumphal. Nicht ein Hauch von Mitleid schwingt in ihm mit. Grey wendet sich vom Fenster ab. Er trägt gerne Dinge, die andere nicht bezahlen können. Bilder an der Wand, die Millionen wert sind, Uhren, die nur zum Tragen dienen, die Uhrzeit wird von einem Mobiltelefon abgelesen. Es klopft. Grey ruft: „Herein“. Die milchige Glastür schwingt auf. Seine „Sekretärin“, wie er sie nennt. Für ihn ist sie nur ein Objekt, ein Gegenstand, den man behandeln kann wie es beliebt. Und sie weiß es. Darum ist sie gekommen. Und nur darum. Sie blickt ihn verführerisch an. In diesem Moment ist alle Sorge vergessen. Es dreht sich alles um ihn. Nur um ihn.

Am Nachmittag ist es dann vorbei. Eine letzte, sanfte Berührung. „Fantastisch“, sagt Grey. Sie lacht. Ist es Naivität? Grey lacht ebenfalls. Und es ist ehrlich. Langsam entfernen sie sich voneinander. Grey liegt noch verschwitzt auf dem Schreibtisch. Sie wirft ihm noch einen Kuss zu und zieht die Tür hinter sich zu. Er prägt sich ihr Gesicht ein. Er schaltet seine Mobiltelefon ab und schwingt sich vom Schreibtisch, knöpft sein Jackett zu. Der Schweiß darauf will nicht gesehen werden. In dieser Welt darf er sich keine Fehler erlauben. Er hat ohne Rücksicht auf andere diese Position erreicht. Er darf sie nicht aufgeben. Mit einem Lift erreicht er das tiefste Stockwerk. Ehrfürchtige Blicke werden auf ihn geworfen, keine Freundlichkeit kommt zurück. Er grüßt nicht einmal.

Grey steigt unbeeindruckt in den schwarzen Wagen. Er weiß, dass den Posten, den er innehat zu wichtig ist, um Schwäche zu zeigen. Viele Menschen würden für seine Position über Leichen gehen…Grey dreht sich nicht um. Er kann einfach nicht zurückblicken

Er muss zu einem wichtigen Treffen der höchsten Häupter, die genauso schnell wieder kopflos sein können. Alles wirkt hier perfekt, doch das ist es nicht. Die Menschen, die noch ihrem Gewissen folgen, sind längst tot oder warten in einem engen, inhumanen Verlies auf ihre Hinrichtung. „Das ganze totalitäre System, das hier herrscht, kann sich alles erlauben, solange es die Oberen als unfehlbar darstellt.“ Grey hat sich oft gefragt, wie er sich selbst der totalen Überwachung unterwerfen konnte. Ist es Geltungssucht oder der Wunsch nach einem besseren Dasein, das ihm seine Herkunft zunächst verwehrte? Er weiß es nicht.

Sie halten vor einem verglasten, ziemlich sterilen Gebäude. Ein Portier mit Glatze und einem albernen Schnurrbart empfängt ihn: „Mr. Grey, es ist mir eine Ehre.“, Grey bezweifelt, dass er es ernst meint und geht mit erhobenen Blick vorüber. Über einen Lift gelangt er in die oberste Etage. Die Tür öffnet sich und gibt den Blick auf einen kreisrunden Tisch frei, an dem bereits 6 andere Männer Platz genommen haben. Grey tritt aus dem Fahrstuhl heraus und nimmt an dem für ihn vorgesehen Sessel Platz. Vor ihm steht ein Glas Wasser und eine goldene Namenskarte „Grey, Agentur für politischen Willen“

Mit eisernen Blicken schauen ihn die Anderen an. Dann erst fällt ihm ein, dass er sie noch nicht begrüßt hat. „Guten Tag, meine Herren. Wodurch habe ich das Vergnügen, diesem Treffen beiwohnen zu dürfen?“, „Vergnügen haben Sie doch auch so!“. Verhaltenes Lachen im Raum. „Morgan, dieser „Scherz“ verdient es nicht, in meiner Gegenwart ausgesprochen zu werden.“

Ericsson, ein anderer Mann räuspert sich und möchte Sachlichkeit in das Gespräch bringen: „Hm…ich darf doch sehr bitten. Mr. Grey, was sagen die Statistiken“, mit seiner absolut sauberen Stimme wendet er sich an Grey. Dieser holt eine Glasscheibe aus seinem Aktenkoffer und auf den Bildschirmen vor den Männern leuchten einige Zahlen auf. Grey erhebt sich: „Vergangenen Monat ist es gelungen, über 30.000 Menschen von der Wichtigkeit der Autorität zu „überzeugen“. Der Rest der politisch inhaftierten wird in Umerziehungslagern gehalten. Unter humanen Bedingungen, wie ich doch sehr betonen muss!“

Die Männer nicken nur zustimmend. Wie es diesen Menschen eigentlich ergeht, interessiert sich nicht. Sie tun nur ihre Arbeit. Tatsächlich gibt es in dieser Runde Menschen, die sich noch vielmehr der „Autorität“ unterworfen haben, und ganz von ihr durchdrungen sind. Und Grey ist zufrieden. Alles ist sein Werk. Es füllt ihn mit tiefer, innerer Zufriedenheit.

Die Restzeit des Treffens wird vor allem über die anfallenden Reparationszahlungen geredet, Redmond, der neben Grey sitzt, flüstert diesem etwas zu: „Grey, an Ihrer Stelle wäre ich vorsichtig, wie sie mit ihrem Amt umgehen. Es gibt Menschen, denen wollen Sie nicht wieder begegnen!“

Grey lauscht ihm, achtet jedoch nicht weiter darauf.

Viel interessanter ist die nächste Abstimmung, bei der es um den Oberbefehl über eine Armee geht, die eine plötzliche Demonstration innerhalb der Stadt niederschlagen soll. Diese sind nicht selten, müssen aber mit voller Härte vergolten werden. Grey meldet sich sofort für den Oberbefehl. Er leckt sich schon die Lippen über die Macht, die er damit erhält. Keine Gegenstimmen.

Die anderen drei Mitglieder des Kabinetts leiern in gewohnt langweiliger Art ihre Berichte hinunter. Niemand hört mehr zu. Er ist froh, als er das Gebäude endlich verlassen hat. Die Treffen finden in unregelmäßigen Abständen an wechselnden, unauffälligen Orten statt. Das Kabinett besteht zwar aus de jure sieben Personen, er hält jedoch die tatsächliche Macht in seinen Händen.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass einige nichts ahnende Menschen die Straßen entlanggehen. Viele von Ihnen funktionieren „korrekt“, wie es im Regierungsjargon heißt. Doch es gibt immer wieder Untergrundsvereinigungen, die sich in den seltensten Fällen finden lassen. Und so verfällt die Regierung über Monate hin der Paranoia. Unbedacht schlendert Grey den Bürgersteig zu der schwarzen Limousine entlang.

Den Mann mit der weißen Maske, der sich schnellen Schrittes von hinten nähert, bemerkt er nicht. Erst als er ein Keuchen und ein unverständliches Geschrei hört, dreht er sich um und blickt in die hasserfüllten Augen hinter der weißen Maske, die trotz ihrer plastischen Unbeweglichkeit grausam und rachelüstern wirkt. Grey fällt in Zeitlupe zu Boden. Er sieht ein langes Messer aus seiner Brust herausragen. Ihm wird schlecht. Die Welt um ihn herum beginnt zu verschwimmen. Sie dreht sich immer schneller. Klappernde Schuhe auf dem Boden. Quietschende Autoreifen. Der Gestank von Abgasen.

Dann ist alles schwarz.

Grey wacht in seinem Wagen auf. Er spürt keinen Schmerz. Der Fahrer merkt, dass Grey aufgewacht ist. „Mister, Sie haben gerade noch Glück gehabt, das Messer hat ihre Kevlarweste nicht durchdrungen!“, Grey lacht innerlich auf. Seine wahre Seele ist erneut zum Leben erwacht. Sein messerscharfer Verstand arbeitet wieder. Wenn er nicht ab und zu durch heftige Drogen durcheinander gewirbelt wird…

„Haben Sie den Mann erkennen können?“, „Nein, Sir tut mir leid. Ich konnte nur ganz verschwommen ein Emblem wahrnehmen. Es sah irgendwie nach einer staatlichen Organisation aus…“, „Wollen Sie etwa damit andeuten, dass es im Interesse des Staates liegt, meinem Leben ein Ende zu bereiten?“, „Ich weiß es nicht, Sir.“, „Ich auch nicht…“, murmelt Grey mehr zu sich selbst.

Der Wagen fährt an einem idyllisch aussehenden Park vorbei. Große Bäume verdecken die Sicht. „Anhalten“, befiehlt Grey. Wer würde ihm schon widersprechen?

Der Wagen hält mit quietschenden Reifen vor den Toren des Parks. „Sind Sie sich sicher Sir, dass sie ohne Schutz dorthinein möchten, ?“, Grey muss nicht antworten. Er macht es einfach.

Er öffnet das Tor. Zum Park hin. Schwarze Vögel fliegen über ihn hinweg, angstvoll. Er muss schmunzeln. So wollte er das schon lange. Angst verbreiten.

Grey nimmt auf einer Parkbank Platz. Es ist ein herrlicher Tag. Die Goldene Sonne durchdringt die bunte Blätterdecke und wärmt diejenigen, die sich nach ihr sehnen. Ein Springbrunnen bricht das Licht. Fröhliche Menschen spielen. Grey ist erschöpft. Ein schönes Leben ist immer eines voller Verantwortung. Es ist aber auch eines der Täuschung und Manipulation. Von Westen her umfängt ihn ein Kühler Wind. Winzige Wassertropfen benetzen sein Gesicht. Ein Kind lächelt ihn an. Wie einfältig diese Welt doch ist…Ballons, Rote, Weiße, Gelbe fliegen dem Himmel entgegen. Der wütende Ballonverkäufer rennt den Ballons nach. Glückliche Familien zeigen zum Himmel.

Grey hüllt sich tiefer in seinen Mantel. Er will unerkannt bleiben. Unerkannt von den Menschen um ihn herum, er weiß, was sie denken würden.

Er geht tiefer in den Park. Weniger Menschen kreuzen ihren Weg. Windwogen wirbeln Blätterhaufen auf. Das Schöne bleibt nicht für die Ewigkeit denkt er. Er fängt ein gelb-goldenes Blatt aus der Luft. Betrachtet es. Sieht es akribisch an. Erkennt jeden Makel, jeden Riss.

Lässt es wieder los. Mit Sehnsucht? Er sieht auf die Uhr und denkt an das Treffen mit einer Frau. Sein Brötchen hat ein Hund gefressen. Dieser rennt gerade davon. Ärgerlich. Der Gedanke an das baldige Gemetzel tröstet ihn.

Er schreibt eine Nachricht an Victoria, seine Sekretärin:

Hallo

Muss noch einige Aufständische eliminieren. Danach habe ich Zeit. Geld liegt auf dem Tisch

 Bis dann

Grey


Ende des Septembers 

Niclas Frederic Sturm

Ein Kommentar zu „Septembermord Pt. I

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