Septembermord Pt. II

Salve!

Da die Resonanz nach dem ersten Teil von »Septembermord« sehr groß war, folgt nun der zweite Teil! Ich war schon sehr früh von Werken wie George Orwells »1984« oder Aldous Huxleys »Brave New World« interessiert, ja regelrecht fasziniert. Meiner Meinung sind stellen dystopische Entwürfe in Kunst und Literatur den besseren Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft dar, da sie Wege in die Katastrophe zeigen und den zu interessierenden Dritten zum Nachdenken anregen (Eigentlich mal ein Thema für einen weiteren Beitrag).

Eine Warnung allerdings nach vorneweg: Ab diesem Teil nimmt die Brutalität im Werk stark zu. Gewisse, verwendete Begriffe sollen der Verdeutlichung des totalitären Regimes dienen und spiegeln nicht die Sicht des Autors wider.

Ansonsten viel Spaß!


Ende September:

Graue Mietshäuser ziehen an Grey vorbei. Dann wieder verödete Industriegelände. Die Landwirtschaft innerhalb der Stadt floriert. Die Bauern sind dennoch arm. Überschüsse sind selten, und wenn müssen sie in die gute Verpflegung für den Staat investiert werden, der sie zudem gnadenlos auspresst. Alles ist automatisiert, sodass auch kein unnötiger Wohlstand geschöpft wird.. Er tippt gedankenverloren an seiner Glasscheibe herum. „Wie lange dauert die Fahrt noch?“, fragt er den Chauffeur. „Etwa eine Viertelstunde, Sir“, antwortet dieser in der emotionskalten Art der Umerzogenen.

Grey lächelt. Ist es Freude? Exakt eine Viertelstunde später hält die Limousine vor einem gräulichen Haus in der Stadt. Der Putz blättert schon ab. Das Unkraut wuchert. Doch für eine Kaserne reicht dies. Erst spät sieht er die in Camouflage gekleideten Soldaten, die für ihn, den großen Kommandanten, stramm stehen. Ihre Augen blicken starr nach vorne. Grey steigt aus der Limousine. Er reibt sich die Hände. Doch nicht, weil es warm ist. Im Gegenteil. Es grenzt schon an ein Wunder, wenn sich überhaupt mal ein Abschnitt blauen Himmels zeigt. Das Wetter reflektiert die Meinung der meisten Menschen, so ein bissiger Kommentar eines Oppositionellen (Mittlerweile exekutiert). Grey begutachtet die kurz die Bajonette, Gewehre und Pistolen. Auch die Panzer. Besonders die Sturzkampfbomber faszinieren ihn. Die Armee hat für ihn nach altmodischer Art ein Pferd bereitgestellt. Ein wunderschöner weißer Schimmel. Stolz trabt er auf der Stelle. Grey schwingt sich elegant in den Sattel und beginnt zu sprechen:

„Soldaten der Republik, ich freue mich sehr, heute euer Kommandant sein zu dürfen. Eure Schlagkräftigkeit ist ebenso unbestritten wie eure Disziplin. Genau dieses wird euch heute zu weiterem Ruhm verhelfen. Heute wird ein Aufstand des Frauenbundes niedergeschlagen! Doch es sind nicht die ehrbaren Frauen, die Haus und Hof verteidigen, nein, es sind militante emanzipierte Frauen, die sich der Gerechtigkeit der Männer widersetzen. Dies wird ein großer Tag für unsere stolze Nation werden! So folgt mir in den Kampf gegen diese Rebellen, die seit jeher die Gedanken unserer bemitleidenswerten Mitbürger mit dem Gedanken der Demokratie verpesten! Auch sind es nur sehr wenige, sodass wir uns auf einen sicheren Sieg einstellen können!“

Grey schließt damit seine Rede ab. Selbstsicher wartet er auf stürmischen Applaus. Er bleibt aus. „Nun los, applaudiert doch endlich!“, seine Stimme klingt mehr und mehr verzweifelt. Eindringlich sieht er den Soldaten vor sich an. Er ist kaum 20 Jahre alt. „Und du? Warum applaudierst du nicht? War meine Ansprache nicht großartig?“

Der Junge hebt seinen Kopf und sieht ihn aus angsterfüllten Augen an. „Doch Sir, ganz großartig.“, sagt er mit einem gewissen Trotz in der Stimme, der Grey nicht entgeht. Dieser verzieht die Augen zu Schlitzen und setzt ein irres Lächeln auf. „Junge, ich dulde keinen Disrespekt! Ich bin hier der Chef über eure wertlosen Leben! Ich bestimme, ob ihr zu leben oder zu sterben habt! Hast du das verstanden?“, „Ja“, antwortet dieser mürrisch. Grey neigt leicht den Kopf zur Seite. „So, so, jemand der den Staat und die Autorität nicht respektiert?“, Grey richtet sich auf, „Dieser Junge wird erschossen!“, bellt er seinen Offizieren zu. Diese nicken nur. Der Junge sieht es mit Gelassenheit. „Glauben Sie mir, der Tod ist eine Erlösung von all dem Elend, aus dem es offenbar kein Entrinnen gibt. Dieses Land steht am Abgrund! Ich nehme den Tod gerne an!“

Grey zuckt zusammen. Wenn sich schon ein einzelner Minderjähriger so respektlos verhält, wie wird es dann erst mit der gesamten Truppe sein? Der Junge wird in ein Gebäude abgeführt. Grey sieht in die Augen der anderen Soldaten. Ist da etwa Angst? Nein, es ist Gleichgültigkeit.

Ein Schrei. Ein Knall. Kein Leben.

Unverzüglich bricht die Armee auf. Das Marschieren der Soldaten hallt durch die Straßen. Unaufhaltsam schiebt sich die Maschinerie des Todes voran. Grey reitet mit seinem Pferd vorneweg. Die Pose bedient seine Eitelkeit. Das Epizentrum des Aufstandes wird auf einem zentralen Platz im Viertel B vermutet. Grey schaut in die mürrischen Gesichter des Soldaten. Niemand ist freiwillig hier. Vergebens hatte er versucht, sie zu dieser Aktion zu motivieren. Stattdessen hatte er nur unverständliches Gemurmel gehört. Leider stützt sich ein Großteil der Staatsmacht auf die Streitkräfte. Von Ferne hört Grey bereits einige unverständliche Rufe. Sie rufen geradezu nach Vernichtung.

Grey atmet tief ein und befiehlt anschließend seinen Soldaten, Stellung in den Eingängen der Häuser zu nehmen. Er zielt auf eine Umfassung ab. Sofort teilt sich das Heer.

Nun hat er einen freien Blick auf den zentralen Platz. Rote gewandete Frauen stehen laut lärmend dort. Ihre Gesichter wirken entschlossen; immer wieder recken sie die Faust zum Himmel. Grey verzieht das Gesicht.

Auch ist dort eine Rednertribüne aufgebaut. Grey reitet ein wenig näher. Die Frau, die dort steht, löst ein leichtes Unbehagen in ihm aus. Wie Francesca sieht sie aus. Entschlossen. Schön. Eine Stimme wie ein Donnerhall. Doch Francesca verlor all diese Eigenschaften. Über den Zeitraum mit Churchill verlor sie all die herrlichen Eigenschaften, die sie in Greys Augen so verehrungswürdig gemacht hatten.

Plötzlich schaut sie ihn an. Fixiert ihn. Angst liegt nun in ihrem Blick. Grey lächelt teuflisch. Mit einer tiefen Stimme ruft er: „Angriff!“

Unmittelbar danach stürmen die Truppen den Platz. Das hohe Sirren der Schüsse ertönt. Präzisionswaffen erledigen eine Demonstrantin nach der anderen. Doch sie leisten erbitterten Widerstand. Sie ziehen ihrerseits Messer und lange Dolche. Sie reißen sich ihre Kleider vom Leib. Wie fanatisiert schwingen sie mit infernalischen Lauten die Dolche und brechen die Umfassung auf. Die Soldaten sind derartiges nicht gewohnt. In dieser repressiven Gesellschaft gibt es keine sexuelle Freiheit. Alles ist sehr stark eingeschränkt. Die Soldaten geraten völlig aus der Fassung. Die Nacktheit ist die Waffe, die selbst die härtesten Männer erschüttert.

Der Platz ist gepflastert von Leichen. Doch es sind Soldaten.

Grey ist überrascht. Seine eigenen Truppen weichen zurück.

Er schreit: „Wer zurückweicht, wird erschossen!“ Keine Chance. Die Soldaten sind nun völlig in Panik geraten. Sie lassen Gewehre und Schilde fallen. Einige kämpfen sogar gegen ihre Kameraden. Eine Katastrophe.  Nun schauen sogar die Bewohner aus den Fenstern. Und sehen Märtyrerinnen, die entschlossen, ungeachtet ihres drohenden Todes die Staatsmacht bekämpfen. Grey ist wie gelähmt. Viele Soldaten töten sich selbst oder lassen sich ohne Widerstand niederstechen. Die Bewohner johlen und feuern die Demonstrantinnen an. Ein explosive Atmosphäre legt sich über den Platz. Auf Widerstand gegen die Staatsmacht steht die Todessstrafe. So wie auf vieles. Die Leute werfen Blumentöpfe, Dachziegel. Ein Reiter neben Grey bricht zusammen. Grey fletscht wutentbrannt die Zähne. Er befielt als Ultima Ratio seiner Kavallerie einzugreifen. Hunderte Pferde galoppieren auf den Platz und werfen die Protestierenden endgültig zurück. Ohne Schutzkleidung sind sie den scharfen Lanzen und Säbeln der Reiter hoffnungslos unterlegen. Die Reiter genießen das Gemetzel, ganz wie Grey. Schließlich sind sie die Elite, die handverlesene Garde des revolutionären Staates. Er schwingt euphorisch seinen Säbel. Der Wahnsinn brennt in seinen Augen. Tot. Tot. Tot.

Eine Frau, die kaum älter als 25 ist, kniet vor ihm nieder und bittet ihm um Gnade. Er kennt keine Gnade. Mit wutentbranntem Gesicht lässt er seinen Säbel niederfahren. Blut färbt sein Pferd rot. Auch die Bewohner ziehen sich zurück. Sie haben ihr eigenes Todesurteil unterschrieben. Nach einiger Zeit ist der ganze Platz von Leichen bedeckt. 4000 Soldaten sind gefallen. Ein militärisches Fiasko.  Grey erlaubt seinen verbliebenen Männern, wahllos im Viertel zu morden, zu brandschatzen. Zu töten, alles was irgendwie Widerstand leistet. Irgendwie müssen die toten Soldaten ja gerächt werden…

Grey kommt schwach und der Ohnmacht nahe in der Kaserne an. Seine Soldaten sind in eine Art demütige Apathie verfallen. Teilnahmelos ziehen sie wieder ein. Für Grey war dieser Tag eine Katastrophe. 4000 Soldaten. Eine fatal hohe Zahl, wo doch die Gesamthöhe des Heeres nur knapp 50.000 beträgt. Niedergeschlagen fällt er im Ledersitz des Wagens in sich zusammen und schüttelt fassungslos den Kopf. Das Wagen setzt sich in Bewegung. Der Fahrer fragt nicht. Und Grey hat auch nichts zu sagen. Sein Mobiltelefon vibriert. Erschrocken springt er. Stößt sich den Kopf. Verdammt. Es ist die Behörde.

„Grey?“, fragt dieser vorsichtig. Er hört die kalte Stimme: „Das war schlecht. Wir mögen nichts schlechtes, Grey!“

„Ich bereue keine meiner Entscheidungen, alles war perfekt.“

„Offensichtlich nicht!“, die Stimme ringt sich zu einem rauen Lachen durch.

„Hören Sie, die Aufständischen sind alle tot. Was wollen Sie mehr?“

Unterdrückung, Grey. Wir wollen absolute Beweise unserer Macht, nur so können wir sie legitimieren. Das wollen Sie doch auch, dieses Gefühl der eigenen Macht hier und der Ohnmacht dort, oder?“

„Ja“, gibt Grey zurück.

„Dann sind wir uns einig. Erster Fehler. Der Zweite wird Konsequenzen haben.“

„Ja, Großer Führer.

Stille. Auf dem Weg zu seinem Apartment fällt ihm eine schöne Frau ins Auge. „Halten Sie an!“, befiehlt Grey. Der Wagen hält. Grey steigt grinsend aus. Die Augen der Frau fixiert. Er entdeckt Trotz darin. „Na, wohin des Weges, junge Dame?“ Sie ist kaum älter als 18.

„Zum Sport.“

Sir“, korrigiert Grey.

„Zum Sport, Sir.“

„Das klingt doch schon viel besser.“, Grey grinst vielsagend.

„Lust auf einen kleinen Ausflug?“, fragt Grey und legt seinen gesamten Charme in seine Stimme.

„Nein danke, Sir, ich muss nun wirklich weiter.“

Greys Miene verfinstern sich. Wie kann ihm jemand widerstehen? Gar ablehnen?

Er schlägt der Frau brutal ins Gesicht. Blut spritzt ihm entgegen. Manchmal befriedigt ihn dies mehr als anderes. Die Frau bricht in Tränen aus und rennt davon. Grey sieht ihr kaum trauernd, mit eiserner Miene nach. Er steigt zurück in den Wagen. Und fährt weiter, als sei nie etwas gewesen.

Sein Mobiltelefon vibriert erneut. Ein Klingelton würde Emotionen verraten, doch Emotionen behindern den Erfolg. Rücksichtslosigkeit hat ihn auf den Olymp, in den guten Willen der Götter gebracht. Es ist eine Nachricht:

Grey

Süßr

Wir treffen uns bei mir

20Uhr

Victoria

Grey lächelt, auch wenn beim Anblick der Grammatik am liebsten geweint hätte. Seit heute Mittag hat er sich nicht mehr amüsiert. Seine „Assistentin“, wie er sie immerzu nennt, möchte sich mit ihm treffen. Selbstverständlich geschieht das beinahe wöchentlich. Heute war eine Ausnahme von der Regel. Er hatte nach ihr verlangt…Grey macht sich etwas später in seinem Appartement ausgehbereit.

Eine sandfarben-beige Hose aus feinstem Garn. Darüber ein nachtblaues Jackett. Er zieht das weißblaue Hemd straff. Keine Krawatte, da diese dem Anlass nicht gerecht wird. Mit einer Menge an Haargel formt er sich die für ihn charakteristische Igelfrisur. Zuletzt parfümiert er sich mit einem Duft, den ein Designer entworfen hat. Er ist mittlerweile tot.

Er trinkt ein Glas Wasser und schaut sich anschließend im Spiegel an. Er sieht einfach herrlich aus, denkt er sich. Das Wort Eitelkeit kennt er nicht.

Er geht die Treppe hinunter. Er legt seinen Mantel an. Ein teurer Stoff. Ein solcher für den Menschen töten würden. Er lacht über seine eigene Verschwendungssucht. Sie schafft ihm viele Anhänger, die ihm willenlos gehorchen. Um selbst etwas davon zu erhalten. Und nur deswegen. Er gibt dem Obdachlosen auf der Straße Geld. Kann er sich so von seinen Sünden freikaufen? Wohl eher nicht.

Wenig später steht Grey vor der Tür von Victorias. Es ist eine gefährliche Gegend. Niemand würde freiwillig hierher kommen. Niemals. Dunkle Gestalten bevölkern die Gassen. Jeden Tag wird hier ein Leichnam gefunden. Meist ist dieser grausam entstellt. Grey hofft, dass er nicht so endet. Er ist aufgeheizt. Ein mysteriöser Stoff flutet seine Blutbahnen. Er ist wie im Rausch. Victoria öffnet die Tür. Grey nimmt sie nicht richtig wahr, nur ihre wohlgeformte Silhouette. Seine Sicht ist eingeschränkt. Doch die Droge schützt ihn vor der Fahndung der Behörde. Er tritt ein und hängt seinen Mantel an einen Haken.

Manchmal fragt sich Grey, ob er sich als einer der wichtigsten Personen des Landes strengeren, ethischen Maßstäben unterwerfen müsste. Warum, denkt er sich, ich bin losgelöst vom Willen des Volkes, ich bin nur mir selbst verpflichtet.

Zu jeder Tages- und Nachtzeit nutzt er dies aus. Wie auch heute…


Niclas Frederic Sturm

2013

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