Septembermord Pt. III

Wie so oft im Leben verfolgen manche Ideen einen für immer. Auch Grey traf eine folgenschwere Entscheidung, die ihn nicht mehr loslassen sollte und die sein Leben für immer veränderte.  Dies ist der Anfang vom Ende der Welt, die er prägte. Das Jahr neigt sich dem Ende zu. 

Interim

Gedanken in der Nacht

Diese Nacht ist unruhig. Nicht nur, dass es bei weitem nicht so befriedigend wie sonst für Grey war, nein, es war etwas anderes. Etwas düsteres, das ihn umgibt und ihn fest umklammert. Seine Träume sind fiebrig, er redet wie im Delirium. Er würde es nie verstehen. In seinen Träumen ist er in der Dunkelheit gefangen, merkwürdiger Rauch steigt vor sein Gesicht und immer wieder zucken die wie durch einen Blitz grell erleuchteten Antlitze von Verstorbenen auf, sie stoßen schrille Schreie aus, die es vermögen, einem willensschwachen Mann um seinen Verstand zu bringen. „Verschwindet!“, schreit Grey, doch dies tun sie nicht. Immer wieder dringen sie auf ihn ein. Schweiß fließt in Strömen von seinem zitternden Körper. Ihm ist mal heiß, mal kocht er, dann ist er wieder von Schüttelfrost gebeutelt und klappert mit den Zähnen. Immer wieder sieht er seinen eigenen Tod. Immer wieder sieht er seine Kindheit Revue passieren, wie im Zeitraffer. Die Gewalt, die ihm angetan wurde. Den Hass, den er erfuhr. Sein karges Leben ohne Hoffnung, der unbedingte Wille, sein Leben zu verbessern, egal, was er dafür tun muss. Hat nicht jeder Mensch das Recht auf Freiheit?

Oktober:

Grey wacht auf. Es ist still um ihn herum. Nur das leise Ticken einer Uhr durchbricht die rauschende Stille. Er sieht sich um. Das Bett ist aufgewühlt. Es ist warm im Zimmer. Es riecht nach Schweiß. Ihm wird übel. Er stürzt zum Fenster und reißt es auf. Das Gewissen kann er nicht immer beruhigen. Immer wieder warnt es ihn. Er ignoriert es. Er atmet die frische Luft ein. Sie ist verunreinigt von Industriedämpfen. Doch es ist ihm egal. Schnell schließt er das Fenster wieder. Tränen stehen ihm in den Augen. Er wischt sie weg. Victoria, wach‘ auf, ruft er. Keine Antwort. Er stürmt zum Bett. Sie scheint zu schlafen. Er rüttelt an ihr. Sie regt sich nicht. Greys Puls beschleunigt sich. Er schlägt ihm bis zum Hals. Ihm wird ganz heiß. Er fühlt sich auf einmal beobachtet. Sein Blick schweift durch den Raum. In der Spiegelung eines Wandschranks erkennt er einen Mann. Sein Gesicht ist mit einer Maske verdeckt. Grey orientiert sich, um den Mann zu sehen. In dem Moment rennt dieser davon. Grey folgt ihm, und lässt Victoria zurück. Er deckt sie nur noch kurz zu. Er kann den Anblick von Tod nicht ertragen. Es ist keine Ehrerbietung, sondern Pragmatik.

Der Mann ist erstaunlich gut zu Fuß und springt mit einer geschickten Hockwende aus dem Fenster. Er hört ihn keuchend auf dem Boden auftreffen. Grey sieht ihn nur noch fliehen. Doch die merkwürdige Narbe an seinem Hals hat er erkannt und ihm kommt ein fürchterlicher Verdacht, den er jedoch gleich als absurd verwirft.

Grey muss jetzt einen kühlen Kopf bewahren. Noch eine Leiche würde die „Behörde“ nicht mehr hinnehmen. Er eilt in die Wohnung zurück. Auf offener Straße sollte er besser nicht erkannt werden. Man könnte ihn anfallen. Das Viertel ist berühmt für seine Schönheiten, aber auch für seine rebellischen Tendenzen. Er rennt so schnell er kann. Davon. So weit ihn die Füße tragen. Vorbei an Alleen voller Bäume. Sie verlieren ihre Blätter, als er vorbeizieht. Doch er ist zu schnell, um die Szenerie weiter zu beobachten. Kalter Wind umfängt ihn. Eine eiskalte Hand macht ihm eine Gänsehaut. Staub wirbelt um ihn herum. In diesem Moment wünscht er sich, mit dem Staub davon zu fliegen. Weit weg, aus dieser schrecklichen Welt. Er stolpert, sinkt zu Boden und bleibt liegen. Seine Kleidung ist zerrissen. Wie tief kann ein Mensch fallen…

In diesem Moment ist sein Schutz, seine Ignoranz und Skrupellosigkeit verflogen.

Er ist verwundbar geworden. Neben ihm hält plötzlich ein Wagen. Die Scheiben sind getönt. Schuhe mit metallischen Absätzen verlassen ihn. Die Behörde .Jemand reißt ihn an der Schulter hoch. Ihm wird ein heftiger Schlag auf den Hinterkopf verpasst. Blut spritzt und befleckt seinen Körper. Dann wird er bewusstlos.

Grey erwacht. Mal wieder. Eigentlich müsste er nach derart viel Schlaf in bester Kondition sein, doch das Gegenteil ist der Fall. Er fühlt sich miserabel. Erst recht, als ihm jemand Eiswasser auf den Körper schüttet. Er jault auf, doch sein Peiniger lacht nur kalt auf. Grey schlägt die Augen auf. Vor ihm steht Brokovich, der grausame Generalbevollmächtigte der Behörde. Er grinst. Nicht mehr lange.

„Grey, Sie verdammter Idiot, wissen Sie eigentlich, was sie angerichtet haben?“, die Spucke von Brokovich rinnt Greys Gesicht hinunter. Dieser antwortet nicht. Brokovichs Gesicht entspannt sich. „Hier, sehen sie sich das an“, Brokovich schaltet die futuristische Glasplatte unter Strom. Das, was dort läuft, lässt Grey zusammenfahren. Er sieht sich selbst, wie er mit einem Skalpell einen hauchdünnen Schnitt an Victorias Halsschlagader vollzieht. Ein qualvoller Tod. Auf dem Video sieht es aus, als würde er es genießen. Langsam zieht er das Messer hinab. Er sieht in ihre Augen. Sie sind angstgeweitet. Er ignoriert es. Er verachtet ihren Blick, der nach Hilfe schreit. Warum er das tut, weiß er nicht.

Brokovich schaltet die Glasplatte aus. „Kommen Sie mir jetzt nicht erst mit: „Ich war’s nicht!“, er knallt Greys Kopf an die Steinwand. „Dieses Video ist heute morgen in jeder Zeitung des Landes erschienen.“, Brokovich atmet tief durch, seine Nasenflügel beben, „Ich gebe Ihnen 30 Minuten, um Ihr Büro zu Räumen.“, Grey weiß nun, dass jetzt jeglicher Widerstand zwecklos war. Er ist jetzt dem Prozess der Behörde ausgeliefert, welcher jedoch nur darin besteht, ihn höflich oder notfalls mit Gewalt aufzufordern, sämtliche Ämter niederzulegen und sich öffentlich zu stellen.

Grey weiß, dass das Generalgouvernement ihn wegen des Mordes vor Gericht stellen würde, zur Abschreckung. Um zu demonstrieren, dass jeder der Autorität gehorchen muss, bedingungslos…

Grey betritt sein altes Büro. Ein muskulöser Wachmann mit grimmigem Gesicht bewacht die Tür. Langsam schreitet er die eiskalten Fliesen entlang. Sein Büro war nie sonderlich von seiner Persönlichkeit geprägt. An der Wand hängt ein Bild. Für den Laien sind es nur Farbstriche. Zusammengewürfelt. Zufällig. Doch für ihn ist dieses Bild seine Lebensphilosophie. Das Bild hat ihn einiges gelehrt. Nur das fachkundige Auge erkennt die wahre Botschaft dieses Gemäldes. Vorsichtig nimmt Grey das Bild ab. Auf seinem schwarzen Schreibtisch liegt nur ein Notizbuch und der dazugehörige Stift. Mehr nicht. Das Bild packt er in einen Karton. Das Notizbuch steckt er in seine Manteltasche, der Mantel hängt noch im Schrank. Noch 15 Minuten. Er geht zum Computer und möchte sich anmelden. Fehlgeschlagen. Es erscheint nur eine Mitteilung auf dem flimmernden Schirm: Oktober.

Wütend marschiert er aus dem Büro. Den Mantel zieht er sich tief ins Gesicht. Er will nicht erkannt werden. Tränen rinnen seine blasse Haut hinunter. Er sieht ausgezehrt aus. Wie konnte es nur soweit kommen? Er weiß keine Antwort. Der uniformierte Wachmann spricht zu ihm: „Sie dürfen nach Ankunft das Haus nicht verlassen. Tun Sie dies trotzdem, wird dies ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen.“

Er sitzt in einem Café. Betrachtet ein Bild. Es ist ziemlich vergilbt und zerrissen. Eine wunderschöne Frau ist darauf zu sehen. Seufzend steckt er das Bild zurück in die Hosentasche.

Wenn sie doch bloß hier wäre

Doch sie ist tot.

Ist das wahr? Weiß er nicht schon tief im Inneren, was es war? Er ruft sich das Bild in Erinnerung. Die feinen Linien, die sich im Zusammenspiel zu einem ästhetischen Mord zusammensetzen. Ein schreiendes Gesicht, das nach dem Verzicht seiner Pfründe aus dem Gleichgewicht des Lebens gerät. Wie fasziniert hatte er schon als Kind auf das Bild geschaut…

Seine Eltern haben ihn immer weggezogen. Doch insgeheim hat er es sich immer gewünscht, so zu sein wie die Person auf dem Bild. Er kommt aus schwierigen Verhältnissen. In seiner Grey’schen Naivität hat er immer die Schattenseiten des Bildes nicht gesehen. Damals, in den Elendsvierteln hatte er immer die Reden der Demokraten gehört. Seine Lage war dadurch nicht besser geworden, in seinem Bewusstsein zeichneten sich die ersten Keime der Radikalität, der Schaffung einer undurchdringlichen Autorität ab. Das Bild hatte einen Mann gezeigt. Schlank, gutaussehend. Er ähnelte Grey in so vielen Dingen. Im einen Teil des Gesichts zeichnete sich eine lodernde Flamme ab, die Flamme des Rausches und des Genusses, auf der anderen Seite sah man abgestorbenes Gewebe. Es klebt wie der Tod an dem Mann. Der Künstler ist nicht namentlich bekannt.

Rauschende Feste, Frauen und Exzesse haben sein Leben geprägt. Doch warum muss dies jetzt passieren? Warum nicht erst in 3 Jahren? Oder gar nicht?

Er muss zu Fuß gehen. Er ist nun ein Verstoßener. Ein kalter Herbstwind umklammert ihn und lässt ihn nicht mehr los, bis er in seinem eigenen Appartement die Tür hinter sich zuschlägt.

Er nimmt das Bild und geht zum Kamin. Mit der Würde eines ägyptischen Totenpriesters legt er das Bild samt Rahmen ins Feuer und murmelt unverständliche Worte. Noch nie war ihm das Bild so lebendig vorgekommen. Das Gesicht verschwindet im Feuer. Das Pergament aus einer längst vergangenen Zeit löst sich in Asche auf.

Und er genießt es. Sein altes Leben ist abgeschlossen, aber halt! Gibt es für ihn ein neues Leben?

Er geht zu einer eisernen, doppelt gesicherten Ablage. Er zieht ein Skalpell hervor und schneidet sich die Haut auf, um eine winzige Chipkarte aus dem Gewebe zu entfernen.

Diese schiebt er in einen kleinen Schlitz. Mit einem leisen klack springt die Schublade auf. Ehrfürchtig hebt er eine Spritze heraus und betrachtet sie mit einem verschmitzten Lächeln. Er setzt sich in einen großen Sessel mit Lehne. Er atmet tief durch und spritzt sich den Stoff in die Adern. Was er sich davon erhofft? Eine Lösung finden? Wer ist das Narbengesicht? Der Hauch eines Verdachts regt sich in ihm. Es ist wohl schon mehrere Jahre her, dass Grey zum letzten Mal in seiner Vergangenheit gewühlt hat. Doch nun ist sie lebendig wie nie.

Es war ein merkwürdiger Tag, an dem es Grey an diesen Ort zog. Wieder einmal fiel der Regen wie ein Sturzbach vom Himmel. Schwarze Wolken bedeckten den Himmel. Grelle Blitze zuckten aus dem Himmel hervor.

Grey zieht sich den marineblauen Mantel enger ums Gesicht. Vor ihm liegt endlich ein Ziel: das „Liberty Café“. Es ist ein etwas zwielichtiger Schuppen. Von außen wird das Lokal von Neonleuchten illuminiert. Warum man nicht eine der mondänen Lounges der Oberklasse als Treffpunkt ausgemacht hat, blieb ihm schleierhaft. Doch als er den verrauchten Eingang durchquert, wurde ihm schlagartig bewusst, warum dieser Ort so viel explosive Kraft in sich trug. Zigarrenqualm vernebelt ihm die Sicht. An allen Tischen wird heftig debattiert. Bedienungen eilen völlig verschwitzt umher. Sitten scheinen nicht mehr zu existieren. Wie bei einer griechischen Orgie ist jeder nicht mehr er selbst. Jeder schlüpft in utopische Gestalten und lebt sich hier aus. Drogen werden konsumiert. Grey will nicht wissen, was in den dunklen Ecken des Cafés passiert. Endlich sieht er Donald Churchill, der ihn zu sich winkt. Plötzlich packt ihn eine Hand an der Schulter. Es ist ein etwa 14-jähriges Mädchen. Sie ist hübsch. Doch zu jung, denkt sich Grey. „Hilf mir!“, flüstert sie. Grey schüttelt sie los. Er sieht nicht zurück.

Donald begrüßt ihn wie immer mit seiner überschwänglichen Art. In den Sesseln sitzen neben ihm noch drei weitere Leute. Zwei Männer und eine Frau. Die Männer sehen durchschnittlich aus. Typische Akademiker. Die Frau interessiert ihn hingegen mehr. Ihre Schönheit verschlägt Grey fast den Atem. Sie hat dunklere Haut und lange, schwarze Haare, die bis über die Schultern fallen. Ihr Alter schätzt Grey auf Anfang zwanzig. Sie schaut den Neuankömmling aus gütigen bernsteinfarbenen Augen scharf an. „Grey? Ist alles in Ordnung?“, fragt Donald und reißt Grey aus seiner Starre, „Sicher, sicher“, erwidert Grey.

Francesca gibt ihm förmlich die Hand. Er nimmt sie. Doch statt sie zu schütteln, küsst er die Hand nach alter Art und sagt: „Es ist mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen.“

Francesca, völlig überrascht, errötet von Greys Charme, lehnt sich zurück und lächelt ihn an. Grey macht ein selbstgefälliges Gesicht und blickt in das finstere Gesicht von Donald. „Wir würden jetzt gerne anfangen.“, wirft einer der Akademiker ein.

Grey kann sich während der ersten Diskussionen um Staatstheorie kaum konzentrieren. Er ist in Francescas Bann geraten. Er bewundert sie für ihren Intellekt. In der Tat drängt sie mehrmals die Akademiker und Donald an die Wand, nur gegen Grey muss sie in die Defensive gehen. Heftig gestikulierend beweist sie ein überragendes Talent, zu manipulieren. Grey wagt nicht zu schätzen, wie viele Junge Männer ihr schon verfallen sein mögen.

Der Abend vergeht wie im Flug. Anscheinend hat der Drogengestank im Café auch ihn ergriffen. Kurz nach ein Uhr morgens verlässt er völlig zerzaust das Restaurant. Donald muss ihn stützen. Als er ihn vor Greys Haus absetzt sagt dieser: „Wer ist diese Francesca, ich glaube ich bin ihr verfallen. Oh!“, Grey stößt einen ekstatischen Laut aus, „Die Götter meinen es gut mit mir! Himmelhochjauchzend biete ich ihnen meine Seele an, damit ich nun bei ihr sein kann „, er schaut Churchill an. Dieser fixiert Grey jedoch wie entgeistert. „Grey…“, beginnt er. Dessen Miene verfinstert sich. Er ahnt, was nun kommen wird, „Francesca ist…nun ja, meine Verlobte.“

Sämtliche Farbe weicht aus Greys ohnehin sehr blassem Gesicht. „Deine Freundin?“, Churchill nickt leicht. Eine unheimliche Stille breitet sich zwischen den beiden aus. Churchill durchbricht das Schweigen.

„Ich glaube, ich gehe nun besser.“, mit diesen Worten zieht er kurz seinen Hut vor Grey und verschwindet in der endlosen Tiefe der Nacht.

Für Grey brach eine Welt zusammen. Er aß und trank nichts. Er verließ kaum sein Haus. Nur in der Universität war er aufzufinden. Doch sprach er nicht. Niemals. Mit niemandem. So vergingen die Jahre. Und auch als man Grey den Abschluss als Bester Promovierter der Universität verlieh, regte sich keine Emotion in ihm.


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