Die moderne Tragödie

Die moderne Tragödie

Bereits in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts verkündete der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker »Uns kommt nur noch die Komödie« bei, die antiken Tragödien hätten ausgedient und die Komödie sei die einzige Möglichkeit, einen Gegenwartsbezug herzustellen. Die klassischen Tragödien der Griechen stellten eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, mit eigenen Mythen dar und bedient sich historischer Vorbilder und sind laut Dürrenmatt »ohne Einfall«. Die Tragödie überwinde Distanz, die Komödie schaffe sie. Schuld und echte Verantwortung fänden sich nur in einer »gestalteten Welt«. Die heutige Welt dagegen hätte die persönliche »Schuld« in eine »kollektive Schuld« verwandelt (Hier spielt Dürrenmatt auf die Nachkriegszeit an). – Zitiert und bearbeitet aus: Friedrich Dürrenmatt. Theater. Diogenes Verlag.

Dürrenmatt war nicht der einzige, der mit der aristotelischen Form des Theaters bricht, mit Bertolt brecht findet sich ein weiterer, prominenter Name, der mit herkömmlichen Konventionen bricht. Ich möchte die These aufstellen, dass auch heute noch die Tragödie eine Bedeutung besitzt, die über die der einfachen Unterhaltung hinausgeht.

Die Tragödie als die umfassende Ethik

Historische Vorbilder und Anekdoten werden immer wieder herangezogen, um der moderneren Gesellschaft Lehrbeispiele für Gut und Schlecht zu geben. So werden mit dem Untergang des Römischen Reiches Parallelen zu aktuellen Großmächten gezogen, über dringende politische Fragen mit aktuellen Beispielen geantwortet (z.B Diokletians Höchstpreisedikt). Die Antike ist auch der Ursprung der europäischen Zivilisation und ihre Philosophie prägte einen ganzen Kontinent. Gerade antike Tragödien geben uns darüber Aufschluss, dass die Vergangenheit, vergangene Taten und Gedanken, von den unsrigen nicht sonderlich verschieden sind. Daraus lässt sich eine historisch begründete Ethik ableiten, um den Zuschauer/Leser zum Nachdenken anzuregen und Handlungsoptionen zu eröffnen.

Die Tragödie ist Geschichtsschreibung

Moderne Tragödien müssen nicht vollständig historisch sein, in ihnen sind aber Interpretationen von Figuren und Handlungen enthalten, die beinahe als »Geschichtsschreibung« zu verstehen sind. Tragödien machen Geschichte manchmal zugänglicher als ein Sachbuch, da sie fremde und vergangene Welten zeigt. Die Aufgabe eines Regisseurs bzw. Autors muss es an dieser Stelle sein, der Vorlage entsprechend Authentizität herzustellen.

Eine moderne Tragödie muss den Anspruch an sich selbst haben, alternative Geschichten zu erzählen. Die Trennung zwischen Komödie und Tragödie ist verwaschener denn je. Eine Tragödie ist für mich als solche zu bezeichnen, wenn sie sich der Vergangenheit annimmt und nicht der Gegenwart. Die moderne Tragödie ist aber dennoch »mit Einfall«. Sie kann Ausblicke geben, auf das, was noch kommen wird, sie darf sich Anachronismen erleben, ohne jemals ihre Ebene zu verlassen.

Warum sich ein Zuschauer ein drei- bis vierstündiges Stück anschauen sollte? Die Tragödie lebt durch ihre Darstellung, aufwendige und authentische Bühnenbilder. In Komödien zählt oft nur das Gesagte, die Bühne wird überflüssig, ist karg und leer und ist symptomatisch für die »leere« und »offene« Moderne. Die Tragödie hat einen Rahmen, der flexibel, aber nicht zu brechen ist. Dies spendet Trost. Die Tragödie hat »echte« Helden und »Widersacher«, sie vereinfacht eine komplexe Welt. Sie drückt die Möglichkeit aus, dass Menschen sich ändern können. Aus eigener Kraft können Figuren sich wandeln. Die tragischen Figuren verkörpern eine Selbstständigkeit, die heutzutage rar geworden ist. Sie können ideal sein – was jedoch relativ langweilig wäre – müssen es aber nicht. Antike Figuren geben einen Handlungsradius vor, sind jedoch nicht in einen unbeweglichen Rahmen gezwängt. Die Antike ist wie keine zweite Epoche imstande, »Größe«hervorzubringen, einen Begriff, der sich nicht definieren lässt, sondern gefühlt werden muss. Das zeitgenössische Theater ist dazu nicht in der Lage, die moderne Tragödie dagegen schon. Moderne, antike Tragödien (ein wenig widersprüchlich, aber ja) stehen auf einer Stufe mit tragischen Stoffen, die man in vielen der heutigen Serien und Filme findet (bspw. »Game of Thrones« oder »Rome«). Entscheidungen eines Helden, die ins Desaster führen oder auch im aristotelischen Sinn Charaktereigenschaften, die den Helden zugrunde richten. Das Grundmuster findet sich in der zeitgenössischen Literatur und Medien wieder, warum sollte es dann nicht möglich sein, weiter aus der reichhaltigen Geschichte zu schöpfen?


Niclas Frederic Sturm

2015

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