Eiskalte Reise – »Der Husky«

»Der Husky« ist eine meiner früheren Kurzgeschichten von vor vier Jahren. Offen gestanden hatte ich sie aus purer Einfallslosigkeit geschrieben, der Protagonist ist ein Husky namens »Pancake« :).

Ich wünsche frohes Frieren.

Brrr.

1


Eiskalt waberte der Schnee um ihn herum. Weiße Schneemassen schlugen ihm unbarmherzig entgegen. Die Zeit hatte er schon vollkommen vergessen, denn es gab keine mehr, seit er aufgebrochen war. Warum, wusste er selbst nicht mehr. Unermüdlich zog ihn der Schlitten vorwärts. Das knirschende Eis drohte jeden Moment zu brechen, doch nie geschah es. John Kennedy war einsam. Nie war er auf der gleichen Ebene mit anderen Menschen gewesen. Ihn faszinierte die Welt ohne Menschen. Die unendlichen Weiten, die man noch erkennen könnte, wenn es keine Menschen mehr gäbe. Er versuchte sich wieder auf seine Sicht zu konzentrieren, doch es gelang ihm nicht. Donnernde Schneestürme tobten um ihn herum. Ab und zu konnte er ein paar verkrüppelte Bäume sehen, die ihre Äste wie flehende Arme in die Luft streckten. Hier gab es kein zurück mehr. Es brachen die Abendstunden an. Einmal hatte ihn jemand gefragt, ob er Angst vor dem Tod hätte. Darauf hatte er nur kurz erwiderte: »Ich habe keine Angst vor dem Tod, denn er ist das Erwachen.« Wenn es dunkel wurde, war es selbst für ihn zu gefährlich weiterzumachen. In den Legenden der Schamanen wurden von mysteriösen Erscheinungen berichtet, man nannte sie auch „die Lichter des Südens“ Viele Menschen schon hatten in ihnen das sichere Verderben gefunden. Er fand unter einem umgestürzten Baumstamm in der Nähe Schutz. Der Wind legte sich über das eisige Tal. Kennedy zog eine zerknitterte Karte hervor und schaute sich um. Es gab hier keine Orientierungspunkte. Warum auch? Hier war das Ende der Welt. Dort, wo sich die Erde dreht. Kennedy hatte nicht geplant zurückzukehren. Zu oft hatte er schon das Unheil und Elend der Welt gesehen und erlebt. Schon bald dürfte er endlich »Death Man’s Point« erreicht haben. Niemand war bis dahin vorgedrungen, jemals. Nur Legenden und mythisch erscheinende Geschichten waren von dort zu hören. Dort hatte er vor zu bleiben. Nur er und sein treuer Freund Pancake. Ein eigenartiger Name, wie er dachte. Pancake war sein Hund. Er hatte ihn schon, seit er 12 war. Damals hatte ihn der erste Schicksalsschlag getroffen. Nun war er allein. Pancake schaute ihn aus tiefen, eisblauen Augen an und schmiegte sich knurrend an ihn. Kennedy öffnete seinen Rucksack und zog ein kleines, in Leder gebundenes Buch hervor. Aus ihm hätte ein wunderbarer Schriftsteller werden können, sagte er oft über sich selbst. Er zog den mit blauer Tinte befüllten Füller hervor und begann zu schreiben. Einige Anekdoten aus seinem Leben waren dabei, andere Niederschriften zeigten trübe Episoden aus seinem früheren Leben. Er hatte es so vorgesehen, dass er hier den Rest seines Lebens verbringe. Pancake liefe dann mit dem Buch zurück zum Basislager, wo er es dann schlussendlich auf abliefern würde. Er würde nicht zurückkehren. Pancake würde sichtlich betrübt über den Verlust seines Herren sein. Trauer kann schnell zur Sucht werden. Kennedy sah ihn aus schweren, vom Leben gezeichneten Augen an. Kennedy dachte über sein Leben nach. Was hatte er geleistet, das ihn bewegen könnte, nicht hierzubleiben?

Die Stunden vergingen und doch verging keine Minute, ohne dass Kennedy etwas in sein Notizbuch kritzelte, während ihm der Schnee ums Gesicht peitschte. Er saß auf dem Sitz seines kleinen Schlittens, der nur mit dem Nötigsten beladen war. Ein wenig Holz, Werkzeuge, Nahrung. Weiter in die Tiefen des weißen Landes ohne Wiederkehr. Kennedys Augen funkelten vor Entschlossenheit.

Der Schlitten wirbelte Unmengen von Schnee auf. Die Kufen knirschten unter dem Gewicht des Schlittens, auf dem alles geladen war, was man zum Leben brauchte. Ob es eine Überlebensexpedition oder die kalte Wahrheit war, wagte der Hund nicht einmal zu mutmaßen. Er zog einfach nur an. Die beiden verband der unendliche Drang der Wildnis, der immerwährende Drang zu den Ursprüngen. Auf einmal, ein Krachen. Ganz nahe. Pancake spürte die Last nicht mehr. Er rutschte aus. Ein plötzlicher Ruck riss ihn dann nach hinten. Vor ihm erstreckte sich eine endlose weiß gepuderte Steppe. Er sah den Schlitten nicht mehr. Da, die Leine. Sie hing an einem großen Eisklotz fest, der sie davor bewahrte abzurutschen. Nach Hilfe rufende Schreie drangen aus einer Schlucht. Vorsichtig trat Pancake auf den Rand der Klippe zu. Kennedy hing am Schlitten der im Wind bedrohlich schaukelte. Seine Augen waren voller Tränen. Der hilfloseste Mensch, den er je gesehen hatte. Pancake biss das Seil durch und schlich auf seinen Pfoten auf den Eisblock zu. Er schaute sich die Leine an. Sie war schon viel zu gespannt, als dass man sie hätte wegzerren können.

Kennedy fühlte ein Gefühl, das er nie zuvor gespürt hatte. Dieses Gefühl am Ende der Wildnis zu sein, war für ihn erreicht. Doch was hatte er davon? Nichts, denn er baumelte an einer steil abfallenden Klippe und er konnte jeden Moment in den Tod stürzen. So hatte er sich sein Ende nicht vorgestellt, sondern ruhig und einsam. Gut, einsam war es, aber er würde in Angst sterben. Der Wind pfiff eisern durch die kleinen Ritzen in seiner Kleidung. Wem konnte er jetzt noch vertrauen? Seinem Hund? Was könnte der schon ausrichten? Kennedy ließ sich baumeln. Nach und nach lösten sich die Seile des Schlittens und verschwanden in der Schlucht. Bald würde auch seines sich lösen.

Pancake dachte nach. Sein Herr bedeutete ihm mehr als die saftigen Steaks, die er immer zum Frühstück bekam. Doch welchen Preis musste er zahlen, um ihn zu retten? Er war ein kluger Hund und weise noch dazu. »Pancake«, rief Kennedy. Dieser lief zur Klippe. Kennedy sah ihn an, in seinen Augen lag ein Abschiedsgruß. »Bring das zur Polarstation.«Er warf sein ledernes Notizbuch in einem kleinen Beutel über die Klippe. Pancake griff ihn mit dem Mund auf und schleuderte es auf seinen Rücken. Dann bleib er stehen. Sollte es wirklich hier enden? Eine ungewöhnliche Freundschaft? »Geh«, forderte ihn Kennedy auf. »Irgendwer muss meine Geschichte bekommen. Die Welt soll erfahren, wer ich war.«

Pancake zweifelte. Wägte ab. Dann jedoch entschied er sich für die Variante, mit der niemand gerechnet hätte. Er ging einfach davon. Er ging davon, in der Hoffnung, jemanden zu finden. Vor ihm war jedoch nichts. Die nächste menschliche Zivilisation war über 1000 Meilen entfernt. Bis dahin würde er jedoch elendig verendet sein. Ohne Nahrung, ohne Wasser. Kennedy wäre tot. Doch er hätte seinen Auftrag erfüllt.

Dann, aus heiterem Himmel stand jemand vor ihm. Es war John Kennedy mit seinem Schlitten. »Da bist du ja«, sagte er, »ich habe dich schon überall im Lager gesucht!« Pancake sank verdutzt zu Boden. Aber was war geschehen? »Ich habe mir es doch anders überlegt. Hier ist es viel zu kalt, um zu überleben. Wir werden zurückkehren!«. Pancakes Wunsch war in Erfüllung gegangen. Nie wollte er seinen Beschützer verlassen, was sollte aus ihm werden? Doch immer noch unerklärlich blieb sein Traum, oder was auch immer es gewesen war. Der Abschnitt war ihm nicht geheuer, und so brachen sie gleich nach Tagesbeginn auf. Aus der Ferne betrachtet wirkte das Tal unscheinbar, doch Pancake war froh, es noch lebend verlassen zu haben. »Death Man’s Point« blieb ein Phantom und er war froh, es nicht ergründen zu müssen. Schlafende Hunde bellen nicht, dachte er sich.


11.06.2011 – Niclas Frederic Sturm

2 Kommentare zu „Eiskalte Reise – »Der Husky«

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