Endlich 18?

Endlich 18?

Vor wenigen Tagen wurde ich 18. Ich kann bis heute nicht die Tragweite dieses Tages begreifen. Was bedeutet das schon, dachte ich mir vorher?

Sicher könnte ich nun mit meinem fahrbaren Untersatz fahren, ohne dass von rechts ständig Kommentare und wahrscheinlich gut gemeinte Anweisungen kämen. Ich könnte auch wählen gehen, um meiner Rolle als Bürger gerecht zu werden (Blabla…). Ja, ich kann nun auch ohne Gewissensbisse einen schottischen Whisky trinken. Meiner Meinung nach ist das Alter aber nur ein ziemlich subjektives Etikett. Es gibt Jugendliche, die den Ernst des Lebens wesentlich besser begreifen, als ihre „erwachsenen“ Pendants. Diejenigen, die um mich herum „erwachsen“ werden, tun so, als würde sie ihr Alter auf eine höhere Bewusstseinsstufe heben.

Dabei erwartet die Gesellschaft viel von uns. Wir müssen sie erhalten, uns für sie einsetzen, produktiv sein. Uns Einreihen in die schier nie endende Reihe von Anzugsträgern mit zu kurzen Hosen. Steuern müssen wir nun zahlen. Wir sollen verantwortungsbewusst sein, wir sind die Schreiber unserer eigenen Geschichte. So schön das auch klingt, so unsanft wirft man uns aus der fröhlichen und unbeschwerten Jugendlichkeit heraus. Schlecht vorbereitet sind wir auf das „echte“ Leben, die Bürokratie, die Regeln. Schule oder Ausbildungsstätte sind etwas anderes als das Leben. Ich selbst fühle mich hilflos. Zu schön ist die Ordnung, die mein Leben bildet. Wir sind mit Methoden aus dem Mittelalter in die Moderne geworfen worden. Frei und ungezwungen leben möchte ich gerne leben, nur wie? Freiheit bedeutet, ein festes Lebensmodell von oben abzulehnen und sich ein eigenes zu schaffen. Wodurch? Die Gesellschaft ist zerrissen, viele denken, die Vergangenheit könne einfach so fortgeführt werden. Die Was läuft, läuft-Mentalität treffe ich immer wieder an. Veränderung ist Gift. Ach, und Is‘ mir doch egal höre ich auch sehr oft. Das sind gute Aussichten…Das kann nicht lange gut gehen. Eine neue Idee brauchen wir. So viele Probleme müssen angegangen werden und kleinliche Streitereien, endloses Lavieren helfen niemandem. Ich verweise auf die Hauptfigur meines Romans, ein junger Mann, dessen familiäre Probleme und die Moderne in der Großstadt ihn zur Flucht in de Wildnis und in die Einsamkeit treiben. Thoreau zog es weg aus dem modernen Leben und viele andere. Ich fühle mich nicht besser, dass ich älter bin. Ich werde nur einmal wieder daran erinnert, dass Zeit eine Einbahnstraße ist. Sie mag zwar relativ sein, aber im hier und jetzt, auf der unbeweglichen Erde läuft sie absolut ab. Es gibt keinen Weg zurück. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der sich unheimlich viel verändert. Überall herrscht Krieg, worauf soll ich noch vertrauen? Eine Welt von Kindern, die noch keine Vorurteile kennen, die in Frieden leben können, ein netter Gedanke. Immer mehr junge Menschen werden in ein Leben geworfen, ohne Perspektive. Sie greifen zu radikalen Methoden, um sich Gehör zu schaffen. In ihnen schlafen schlummern unerfüllte Wünsche, Gedanken, dessen Ausleben die Gesellschaft nicht erlaubt oder nicht sehen will, nur um ein Weltbild zu erhalten, das antiquiert ist und in den Mottenschrank der Geschichte gehört. Wir leben in neuen Zeiten. Was wir damit anfangen, wird sich noch zeigen.

Ich bin jetzt erwachsen und was liegt vor mir? Ich glaube, die echte Freiheit ist tot. In den Sanddünen verschwunden. Ohne Kommunikation können wir nicht mehr leben, ohne dass Gefühl, dass Tausende uns beobachten, um uns per Knopfdruck Selbstbewusstsein zu verleihen, all das ist der Alltag. Wir sind unfreier als je zuvor, wo braucht man keine Regeln beachten. Ist es nicht furchtbar, dass wir für alles Regeln brauchen? Dass nirgendwo das Zusammenleben so gut funktioniert, dass wir einfach mal leben können? Wer libertas für mich wiederentdeckt, dem gebe ich einen ordentlichen Händedruck.


Niclas Frederic Sturm

12 Kommentare zu „Endlich 18?

  1. Ich wünsche dir Glück, Niclas, und eine erfolgreiche Suche nach der Freiheit.
    In meiner Jugend wurde man erst mit 21 Jahren „18“, und es war ein ebenso bedeutender Schritt. Mehr in Gedanken natürlich, denn soviel Erwachsenwerden ereignet sich nicht innerhalb von 24 Stunden. Freiheit habe ich auch mein Leben lang gesucht und um sie gekämpft. Ich habe sie in dem Moment gefunden, als ich den Irrtum aufgab, sie mit Freiheit von Regeln zu verwechseln. Freiheit liegt in dir selbst, in deiner Fantasie zum Plänemachen, in deinem Mut zu Entscheidungen (auch zum Neinsagen) und in deiner Unabhängigkeit von Modefirlefanz und von der Meinung dummer Menschen.
    Du schaffst das, glaube ich.

    Gefällt 3 Personen

    1. „Freiheit liegt in dir selbst, in deiner Fantasie zum Plänemachen, in deinem Mut zu Entscheidungen (auch zum Neinsagen) und in deiner Unabhängigkeit von Modefirlefanz und von der Meinung dummer Menschen.“

      Da steckt viel Weisheit hinter. Danke dafür!

      Und noch alles Gute nachträglich unbekannterweise an dich, Niclas. Wobei, sorry, Herr Sturm. So „redet man unter Erwachsenen“. 😉

      Gefällt 2 Personen

      1. Ist mir auch angenehmer so. Die Förmlichkeit kann man sich für seinen Sachbearbeiter von der Bank sparen.

        Freu dich schonmal drauf, wenn in spätestens zehn Jahren die 18-Jährigen dich auf der Straße siezen. 😀

        Gefällt 1 Person

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