Die gute #Zukunft…

Dystopie vs. Utopie


»Er sieht sie um sich. Die hasserfüllte Menge. Zum Glück nur durch einen Bildschirm. Der Raum ist an den Wänden mit Glaspaneelen ausgekleidet, die Bilder der Bevölkerung zeigen, die patriotisch die blau-graue Flagge schwenkt. Der Richter selbst thront hinter einem mindestens 3 Meter hohen Pult, dahinter wacht ein drohender symbolischer, zweiköpfiger Adler. Hasserfüllt blicken seine Augen auf ihn hinab. Doch auch er ist nur eine Marionette des Regimes, dem er selbst einmal angehört hat. Wird er nun für seine Verbrechen an der Bevölkerung verurteilt? Oder doch für das Verbrechen, das dem Ansehen der gegenwärtigen Regierung geschadet hat?« – Septembermord (Niclas Frederic Sturm), 2013

Die Geschichte dahinter

Das 20. Jahrhundert stellte einen gewaltigen Umbruch in der Geschichte dar. Die alte, monarchische Ordnung Europas brach krachend zusammen und hinterließ verunsicherte Gesellschaften. Junge Demokratien konnten den extremistischen Kräften von links und rechts kaum widerstehen und vielerorts etablierten sich extreme Ideologien in der Mitte der Gesellschaft. Daraus erwuchsen die schlimmsten Katastrophen der Menschheitsgeschichte. Die Zeit nach 1945 war vor allem in Europa durch ein Ausweichen vor und Verdrängen der Vergangenheit geprägt, über allem drohte das nukleare Gespenst.

Dennoch oder vielleicht sogar genau deswegen zeichnete sich ein starker Fortschrittsglaube ab, der sich im »Wettlauf um das All« zwischen den USA und der Sowjetunion manifestierte, in den 50er-Jahren wurde prognostiziert, dass bald schon fliegende Autos die Lüfte bevölkerten und Kolonien auf dem Mond keine ferne Zukunft mehr wären. Die Jahre bis in die 1980er bedeuteten ebenso die Hochzeit der »guten« Zukunftsvisionen: Star Trek in einer von Armut und Gewalt befreiten Welt, Star Wars mit seinem Sieg über das Böse sowie andere Filme und Serien sahen die Zukunft des Menschen nicht auf der Erde, in Kriege verstrickt, sondern im Weltraum, forschend und neue Welten entdeckend. Eine Gesellschaftsform, in der alle Menschen gleich sind (Pavel Chekov aus der ersten »Star Trek«-Serie ist Russe, der friedlich man den eher »amerikanisch« geprägten Charakteren friedlich zusammenlebt), sich selbst nach ihren Wünschen und Fähigkeiten verwirklichen können. Der lebendige Traum.

Stark verbreitet waren solche Darstellungen, in denen die Menschen außerirdischen Lebensformen begegneten. Ein Grundprinzip der Utopia ist häufig auch eine extreme, überspitzte Version des technischen Fortschritts, der sich allmählich in einen Alptraum verwandelt (siehe »2001- Odyssee im Weltraum«).

Hier kommen wir zu einem wichtigen Begriff: »Utopie«. Als Utopie wird ein »Nicht-Ort« bezeichnet, dessen Existenz in der Realität nicht möglich wäre. Obwohl der Begriff der »Utopie« prinzipiell eine positive als auch eine negative Utopie zulässt, zeichnen sie sich durch ein positives Menschenbild aus, in denen Institutionen derart gut funktionieren, dass alle eventuellen Streitigkeiten durch das Gesetz beigelegt werden können. Besonders wurde diese Entwicklung durch Thomas Morus »Utopia«, in dem dieser einen idealen Staat erschuf.

Utopien liegen zwei Grundsätze zugrunde: Erstens setzen sie (wie im Falle von »Star Trek«) auf die Beilegung menschlicher Konflikte durch die Überwindung dieser durch die Technik. Konflikte um Geld und Ressourcen würden überflüssig. Ideologien selbst würden überflüssig, da sich jeder selbst verwirklichen kann, da ihm der »Staat« diese Mittel zur Verfügung stellt. Manche bezeichnen die in »Star Trek« anzutreffende Gesellschaftsform als »Luxus-Kommunismus«. Dabei ist nur eine logische Konsequenz aus technischen Entwicklungen: Nahrung und Geld wurden einfach überflüssig, weil fortschrittliche Methoden der Energieerzeugung einen »Replikator«, der Speisen und andere Gegenstände »baut«. Dadurch wird der Markt als solcher überflüssig, da Replikatoren für jeden frei verfügbar sind. Dadurch sind Konflikte verschwunden, da die Armut als Quelle für sozialen Sprengstoff überwunden wurde. Der Selbstverwirklichung steht nichts mehr im Wege. Utopien sind schließlich selbst auch nicht ohne Ideale, die Föderation strebt wissenschaftlichen Fortschritt und die Erhaltung des Friedens an, eine selbstgestellte Aufgabe, die ein stetes Engagement fordert und gewissermaßen selbst die Gefahr eines Konflikts bietet, da Fortschritt oft ein Grund für Rebellion und Ängste darstellte.

Zweitens sind sie gesellschaftskritisch. Dieser Punkt mag vielleicht erst einmal wie eine Tautologie wirken, da Utopien einen gänzlich anderen Entwurf einer gesellschaftlichen Gegenwart abbilden, allerdings lohnt sich hier die genauere Betrachtung. Utopien müssen oft in einem historischen Kontext gesehen werden: In die Zeit der Entstehung von Thomas Morus »Utopia« fiel die anglikanische Revolution in England, in Zuge derer sich England vom Papsttum löste. Dadurch wurde eine Gewaltspirale in Gang gesetzt, die das ganze Land erfasste und der schließlich auch Thomas Morus zum Opfer fiel. In dieser Zeit der Wirren ist es nur verständlich, dass Menschen sich nach Ordnung und einem funktionierenden, friedlichem Staatswesen sehnten. Der französische Schriftsteller Louis-Sebastién Mercier erlebte die Französische Revolution am eigenen Leib und wäre beinahe selbst während des »Grand Terreur« hingerichtet worden. Auch er verfasste ein utopisches Werk namens »Das Jahr 2440 – ein Traum aller Träume«, das in Deutschland zumindest relativ unbekannt ist. Hier ging es genau um die Verwirklichung der Revolutionsideale, Vernunft, ein Staat der »Bürger«, Moral und ein hoch entwickeltes Gemeinwesen, die infolge der Napoleonischen Kriege nicht umgesetzt wurden. Utopien bilden – von einer Intention ausgehend – eine Idealvorstellung der tatsächlichen Lebenswirklichkeit des Autors ab. Autoren heute beschreiben andere Utopien, da sie ganz andere Sorgen und Träume haben, als die Menschen von vor 200, vielleicht 300 Jahren.

Chancen des Autors?

Was lässt sich daraus also Gutes für einen Autor herausholen? Nun, zunächst einmal sind Utopien bei weitem nicht die beliebtesten Zukunftsvisionen, Dystopien bilden das Rückgrat der Zukunftsliteratur. Auf diese werde ich allerdings noch gesondert zu sprechen kommen. Utopische Werke sind politische Literatur, das steht fest. Allerdings darf man sie nicht zwangsläufig als »naiv« beschrieben und sie als idealistische Literatur sofort verwerfen. In ihnen werden oft auch die furchtbaren Hintergründe erläutert, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass »paradiesische« Zustände erreicht werden konnten. In »Star Trek – Die nächste Generation« spielt die Anfangsszene bereits in einem Gerichtssaal, in dem der Captain der »Enterprise« stellvertretend für die Menschheit angeklagt wird. Im Hintergrund ist eine entstellte Menschenmenge zu erkennen, Opfer eines schrecklichen Atomkrieg Mitte des 21. Jahrhunderts. Der Weg zu einer friedlichen Welt war kein rationaler Schluss, sondern die furchtbare Notwendigkeit, um solche Katastrophen in der Zukunft zu verhindern. Utopien können als Teil der Literatur dazu beitragen, Wege zu einer besseren Welt aufzuzeigen, indem sie aus einer zukünftigen Perspektive die Gegenwart kritisieren können, um anschließend Vorschläge zu machen, wie eine zukünftige Weltordnung aussehen könnte. Dabei geht eine Utopie weiter als die »normale« politische Literatur. Es gibt zwar eine politische Strömung des »Utopismus«, doch wird diese oft für ihren mangelnden Wirklichkeitsbezug kritisiert, ein Argument, dass an der Aussage des Begriffs vorbeigeht. Genau nämlich das ist eine »Utopie«, nicht in der Wirklichkeit anzutreffen. Doch würde dies als Argument gegen jede Form des Idealismus anwendbar sein und eine Welt der Ideale wäre »sinnentleert«. Ideale wie der Fortschritt, die Freiheit und Gerechtigkeit sind die Triebmotoren des tatsächlichen, menschlichen Fortschritts.

Nicht zuletzt ist die Utopie aus einem gänzlich anderen Bereich stammend, als dem der Politik. Es sind Schriftsteller, die sie verfassen, die vielleicht einen persönlichen Hintergrund haben, die aber nicht an eine Partei gebunden sind und daher in der Regel mehr Freiheiten besitzen. Utopien denken nicht in politischen Kategorien, sondern sie drücken essenzielle Ängste und Hoffnungen der Menschen aus. Sie ebnen den Weg für Diskussion, für ein Umdenken, dass eine ferne Zukunft der Gegenwart näher bringt. Die neue, moderne utopische Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass sie wie ihr historisches Vorbild an der Gegenwart anknüpft, dass sie konventionelle Vorstellungen verwirft und dass sie das »Wohl aller« und nicht nur das »Wohl vieler« bedenkt. Eine Utopie überwindet menschliche Auseinandersetzungen. Dabei vermeidet sie es allerdings, einen echten Weg zur Erreichung des Ideals zu zeigen, denn dies ist Aufgabe derjeniger, die sie lesen und durch sie inspiriert werden.


Niclas Frederic Sturm

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