Leben als Autor?

Eine Ironik

Ich hoffe, die hier beschriebenen Zustände sind in der echten Welt eher die Ausnahme.

Ich habe so ein Leben: Jeden Morgen quäle ich mich mit dem Gedanken aus dem Bett, dass ich schon am nächsten Tag wieder Probleme mit meinem Vermieter bekommen könnte. Denn ich bin Schriftsteller. Ja, ein Kulturschöpfer, so jemand, mit dem die Politiker gerne vor Kameras die Hände schütteln und versprechen, Leute wie mich zu unterstützen, am Ende kommen dann aber wieder nur immer dieselben Ausflüchte. Ja, ich habe es schon schwer. Die Last von Goethe, Schiller und anderen großen Geistern lastet mir auf den Schultern. Da komme ich mir so unbedeutend vor. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto unwohler fühle ich mich in meinem Leben. Ich sage gerne, ich sei überfordert. Ständig befinde ich mich im Spannungsfeld zwischen dem, wie ich mich als Autor verwirklichen möchte und dem, was tatsächlich gelesen wird. Warum aber sollte ich mich den Massen beugen? Wenn ich mal mit Freunden unterwegs bin, zitiere ich gerne Stellen aus meinen eigenen Werken. Das wirkt so intellektuell.

Ich lebe in einer kleinen Wohnung, die Glühbirne an der Decke fällt ständig aus. Kühlschrank ist leer, Geldbeutel auch. Ich trinke Espresso und Tee, Hauptsache Koffein. Soll aber schlecht für das Gedächtnis sein. Wo war ich stehen geblieben? Die Nachbarn sind entweder Alkoholiker, zerstrittene junge Eheleute, und, wenn ich ganz viel Glück habe, ist mal einer mit einer Persönlichkeitsstörung oder Ödipus-Komplex dabei (Kafka fände das großartig). Familie? Wäre schön, bin aber wieder pleite. Muss mal wieder ins Casino. Reserven verprassen, Leben vergessen. Meine erste und einzige Freundin hat mich verlassen, nachdem ich im 20. Semester das Germanistik-Studium abgebrochen habe. Ich kann ja nicht mal mich selbst ernähren. Ich esse immer die Pappe von den Cornflakes-Packungen mit. Wird ja nichts weggeworfen. Ich glaube, ich muss niemandem mehr klarmachen, dass mein Leben echt besser sein könnte.

Gelegentlich arbeite ich in einer Buchhandlung bei mir um die Ecke. Sie gehört einer alten Dame, die den Laden schon in fünfter Generation führt. Meistens aber verwickelt sie mich in Gespräche, ihr Mann ist bereits vor vielen Jahren gestorben. Das Geschäft läuft auch nicht mehr so gut. Ich sagte ihr, sie könne es ja einmal mit einem Online-Shop versuchen, schließlich ist eine lange Tradition gutes Marketing. Dann sieht sie mich aber wieder an, als würde ich ihr von schwarzen Schwänen erzählen und ich fahre fort, Bücherregale einzuräumen.

Wenn ich an einem Manuskript arbeite, lese ich es immer wieder meinem Teddybären vor, den ich seit meiner frühen Kindheit besitze. Er ist ein guter Zuhörer, sonst tut es niemand. Ihm scheinen die Geschichten zu gefallen, unabhängig davon, ob sie gut oder schlecht enden. Wenn ich mit meinen Werken zufrieden bin, schicke ich sie zum Verlag. Bekomme natürlich keine Antwort. Dann heißt es, weitere 20 Umschläge zu verschicken. Wiede ohne Ergebnis. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Warum auch? Man sagt, die Hoffnung stürbe zuletzt. Autoren müssen nun einmal tragisch leben. Ich erinnere mich an Balzac, der vermutlich an seiner eigenen Kaffeesucht gestorben ist, Schiller, der sich von faulen Äpfeln inspirieren ließ und John Cheever wiederum arbeitete nur in seiner Unterwäsche. Vielleicht sollte ich mir daran ein Beispiel nehmen.


Niclas Frederic Sturm – 2015

 

6 Kommentare zu „Leben als Autor?

  1. Na, Niclas, welch schweres Los. Was mich stutzen lässt: „Immer wieder frage ich mich, was die Leute eigentlich lesen wollen.“
    Was willst du denn sagen? Niemand will lesen, was geschrieben wurde, weil es erwartet wird. Glaube ich.
    Gruß
    Ule

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Ule, nun ja, ich habe die Geschichte als „Ironik“ konzipiert, so ist mein Leben zum Glück nicht 🙂 Allerdings wollte ich auf Folgendes hinweisen: Ein (materiell) gescheiterter Autor ist kein schlechter Autor. Es ist für Autoren – das ist auch meine Erfahrung – schwierig, einen Kompromiss zu finden zwischen den eigenen Erwartungen an einen Roman/ein Theaterstück/einen Text und dem, was nicht zu exzentrisch ist.
      Das meinte ich damit.
      Viele Grüße,
      Niclas

      Gefällt 1 Person

  2. Hat dies auf Change your destiny rebloggt und kommentierte:
    Herr Kollege – Kopf hoch;) und mehr Energien ins Marketing investieren. Self-Publishing ist ein Geschenk, seine Werke ohne Lektorenschelte in die Welt entsenden zu dürfen. Und was ist schöner, als das gänzlich auszuschlachten? Ein voller Kühlschrank ist allerdings auch nicht verkehrt!:)

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