Paragons of Awkwardness #7

Der Weihnachtsmarkt

Auch die Weihnachtszeit hält allerlei Eigenartigkeiten bereit. Im Ernst.

Unser armer Protagonist verlebt einen großartigen Abend. Auch im Ernst.

O Tannenbaum, o Tannenbaum!

O du fröhliche, o du selige!

Die Zeit vor Weihnachten ist für mich eine der seltsamsten des Jahres. Bereits Anfang Oktober finde ich die ersten Weihnachtsartikeln in den Supermärkten, rote, glitzernde Kerzen und Kugeln, einen unheimlichen Schauspieler, als Weihnachtsmann verkleidet, der – anstatt mir meine Wünsche zu erfüllen – in meinen Alpträumen erscheint und die immer gleiche Musik, die in Dauerschleife in den Einkaufszentren dudelt. Das ist mir nicht neu. Seit ich denken kann, war das so. Man sagt, Weihnachten bringe das Beste im Menschen hervor. Wenn damit gemeint ist, dass zu Weihnachten diejenigen, die das ganze Jahr über nicht wohltätig waren, zu wahren Philanthropen werden, dann stimmt das.

Weihnachten kann auch schön sein. Im Kreise der Familie den Weihnachtsbraten verspeisen, Schlitten fahren in weißen Wüsten und mit der hübschen Freundin Spekulatius essen und Spaziergänge machen. So könnte es sein. Die Realität sieht auch für mich anders aus. Ich sitze in meiner Wohnung ohne Heizung, wickle mich in dicke Wolldecken und friere weiter. Ich entscheide mich dafür, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Das bisschen Geld kann ich noch erübrigen. Als Kind bettelte ich immer meine Eltern an, mir eine Tüte gebrannte Mandeln zu kaufen. Meistens taten sie es auch, mit zerknirschter Miene, als mir der schmierige Budenbesitzer die Tüte mit den überteuerten, glänzend-klebrigen Mandeln in die Hand drückte.

Ich schlüpfe in meine dicksten Stiefeln, hülle mich in den dicksten Mantel und laufe die paar Meter zur nächsten U-Bahn-Station, die eigens für den hiesigen Weihnachtsmarkt eine Station eingerichtet hat. Sobald ich einsteige, steigt mir der würzige Geruch von Glühwein in die Nase. Ich sehe eine Gruppe älterer Herren, mit roten Nasen und roten Mützen, die wohl glauben, sie seien noch Anfang zwanzig. Sie lallen schon, bevor sie überhaupt ihr Ziel erreicht haben. Sie sind schon vorgeglüht.

Der Schaffner kontrolliert mein Ticket. Er fühlt sich sichtlich unwohl in seinem überdimensionierten Nikolauskostüm. Ich nicke ihm mitleidsvoll zu. Dann geht er weiter. Auch er ist froh, wenn er abends wieder bei seiner Familie ist, während er den ganzen Tag in seinem grellroten Kostüm Kinder erschreckte.

Ich steige aus. Die Station heißt: „Weihnachtsmarkt“. Jemand hat den Namen übersprayt: „Sauf-Markt“. Dem kann ich nur zustimmen.

Mittlerweile hat es begonnen, aus allen Eimern zu schneien. Weiße Flocken peitschen mir ins Gesicht. Ich merke, es ist Winter und ziehe die Sonnenbrille ab. Um mich herum befinden sich eine Armada bunter Holzhütten. Fliegende Händler bieten ihre Waren feil. Stricksocken, Handschuhe, Holzschuhe, alles in Handarbeit gefertigt, sagen sie. Na dann. Um mich in die richtige Stimmung zu versetzen, bestelle ich mir eins, zwei, drei Glühwein und sehe zu, wie meine Hemmungen zusehends abgebaut werden. Ich mache alberne Fotos mit Besuchern aus Fernost, die mir einen weißen Bart ankleben und eine rote Mütze aufsetzen. Ich kaufe allerlei Nippes, über den ich mich nachher wundere, was er in meiner Wohnung zu suchen hat. Ich esse. Und das zu viel. Dabei schmeckt alles so gut! Crêpes, Mandeln, Bratäpfel, Nüsse, Kartoffelpuffer. Es gibt eine ganz eigene, kulinarische Welt zu entdecken. Ich entdecke Bekannte, die mir peinlich berührt zuwinken, wenn ich an ihnen vorbeilaufe und sie vorher beim gemütlichen „Wer-verträgt-den-meisten-Glühwein?“-Spiel gesehen habe. Ich sehe lauter Pärchen, die ihre gemeinsames Glück für alle offensichtlich zur Schau tragen, inklusive der „#Christmas #besties“-Posts auf Instagram. Traurige Welt.

Der Weihnachtsmarkt ist ein eigener Mikrokosmos. Am frühen Abend sind dort die Familien mit Kindern, hören besinnliche Musik, fühlen den familiären Geist, abends dann treffen die Single-Berufstätigen ein, auf dass sich durch den Konsum von fünf, sechs Glühweinen die Dame gegenüber doch ganz attraktiv erscheint und das Leid ihrer einsamen Eistenz mildert. Nachts dann beginnt das wahre Tohuwabohu: Nun wird Weihnachtsmusik, intoniert von DJ Ötzi, aufgelegt und dröhnt die Besucher zu mit stampfende Beats und Autotune. Der Weihnachtsmarkt wird zu einer Orgie. Der Alkohol wird in riesigen Schlitten herbeigekarrt. Allerlei komische Gestalt… *hicks* Gestalten tunneln sich dort. Und ich bin mittendran. Singe „Last Christmas“ zum achten, neunten, dritten Mal, so genau weiß ich das nicht. Mit L…Leu…Leuten, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Verlorene Herzen überall. Aus Zucker. #nice

Lustig wird’s dann, wenn man betrunken Geschenke für die Eltern aussucht. Meine Wahl fällt dann mehr oder weniger freiwillig auf einen unheimlich hässlichen Gartenzwerg, mit dem Antlitz eines rotnasigen, hinterlistigen schauenden Kobolds sowie eine Krawatte, auf der psychedelische Rentiere prangen. Wundersch…sch…schön.

Aber der Abend ist noch jung. Zusammen mit meinen neuen Freunden aus Block 42 pendele ich von Stand zu Stand. Wir fahren Karussell. Mein Magen nimmt’s mir übel.

Ich vergesse wer ich bin. Bin ich Elf, Zwölf oder doch Santa Claus?

Und wie aus heiterem Himmel durchfährt es mich.

Da ist sie. Meine Bekanntschaft aus dem Fitnesstudio. Sie steuert auf mich zu.

Ich versuche.

Mich.

Zusammenzureißen.

Ich werfe mir schnell minus eins, drei Minzbonbons ein.

„Hi“, sagt sie vorsichtig. Ich habe Mühe, sie zu fokussieren.

„Frööhliche Weiiiinachten!“, artikuliere ich mich klar und verständlich.

„Es ist schön, dich wieder zu sehen.“, sagt sie. Sie meint es ernst. Sie ist alleine hier. Sie hat ein albernes Rentnergeweih auf dem Kopf. Ähem, Rentiergeweih. Alles, gut, ich bin ganz klar.

„Das finde ich auch. Möchtest du was zu trinken?“, frage ich sie höflich, in einem plötzlichen Anfall der Nüchternheit. „Gerne“, sie lächelt mich mit leuchtenden Augen an. Diesmal mache ich nichts flach, falsch, ja: falsch. Also eben nicht. Mann.Wir verbringen einen wirklich tollen Abend, der sich bis in den frühen Morgen erstreckt. Ich habe kaum noch Erinnerungen daran. Alles ist irgendwie verschwommen.

Eines liegt aber klar vor mir. Ich bringe sie nach Hause. Es ist eine wunderschöne Nacht. Sterne kleben am Himmel. Schnee klatscht herab. Romantisch. Dann beugt sie sich zu mir vor und gibt mir einen zimtigen Kuss. Ich lächele wie in Trance. Sie dreht sich um und steigt die verschneiten Stufen empor, wie eine Eisprinzessin. Ich bleibe unten stehen und winke ihr zum Abschied. Abschied. Ich würde sie gerne häufiger sehen. Am nächsten Tag würde ich einen Brief von ihr im Briefkasten finden. Sie mag mich. Ein neuer Anfang. Und es fühlte sich großartig an.

Das ist der wahre Geist der Weihnacht.

 

Ein Kommentar zu „Paragons of Awkwardness #7

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