Die Seuche – Fragment I

Vor langer Zeit war ich vollkommen von historischen Romanen eingenommen und bin es bis heute. 2012 versuchte ich daraus, eine Geschichte zu spinnen, hier ist der Anfang davon.

Viel Spaß!


In cunctis domina pecunia est. Geld regiert die Welt. Dies wurde dem Kaufmann aus Florenz von Geburt an eingetrichtert. Sein Vater war ein kontrollsüchtiger Tyrann gewesen, doch er hatte ihn gut vorbereitet. Jahr für Jahr, nachdem er sein eigenes Geschäft eröffnet hatte, vermehrte er mit kluger Hand sein Vermögen. Ständig ging er zur Beichte und setzte den Pater über seine moralischen Verfehlungen in Kenntnis. Selbstverständlich versah er diesen jedes mal mit einem anständigen Schweigegeld. Soviel zur christlichen Lebensweise. Aber es war ihm egal. Geld war ihm das Liebste. Geheiratet hatte er auch nie. Für Frauen hatte er sich nie interessiert. Seine große Liebe galt dem Geld. Kinder? Pah, wer brauchte so etwas? Sie würden doch sein Vermögen schmälern und später, wenn sie erst einmal ein richtiges Alter erreicht hatten, immer um Geld bei ihm betteln.

Da er sich auch als Bankier betätigte, gehörte er wohl zu den einflussreichsten Menschen Mailands, das seine zweite Heimat geworden war. Er verlieh Geld an Fürsten, den Papst und den römisch-deutschen Kaiser. Unglücklicherweise grassierte zurzeit die Pest in ganz Europa. Durch die Pest war auch seine Familie vollständig ausgelöscht worden. Ihr Palazzo in Florenz stand nun leer. Bisher hatte die Pest nicht vor den Ständen halt gemacht. Gerade das Reisen war sehr gefährlich. Sei’s drum! Ihn führte ein wichtiger Auftrag ins Sacrum Imperium. Er versprach sich viel von diesem Auftrag.

Selbstverständlich hatte ihn die fahrenden Händler vor Glücksrittern gewarnt, die Reisende überfielen und ausraubten. Er ballte die linke Hand zur Faust; so fest, dass ihm seine Nägel ins Fleisch schnitten. Diese Unmenschen. Gottes Zorn zur eigenen Bereicherung ausnutzen. Frevelhaft. Doch er hatte wohlweislich vorgesorgt und in Mailand schwer bewaffnete Söldner angeworben, die seinen Tross begleiteten. Mir kann niemand etwas anhaben, dachte er. Er leckte sich die Lippen bei dem Gedanken an den saftigen Profit und den Ruhm, den ihm dieser Auftrag einbringen würde. Hunderte Lira. Da er ohnehin eine Handelsmission plante, hatte er dies gleich damit verbunden, ein Teil der Schulden wieder einzutreiben. Seine Wagen führte Juwelen, wertvolles Tuch und Goldmünzen. Über Jahre hinweg hatte er nebst seiner Kaufmannsgeschäfte sehr viel Geld verliehen. Der Stress und die Angst um das Geld hatten ihm viele schlaflose Nächte beschert. Doch nun war der Tag der Abrechnung gekommen…Auf seinem teuren Zelter, den er aus der Zucht eines florentinischen Adeligen erworben hatte, überblickte er den See. Das Wasser war außergewöhnlich ruhig, nur wenige sanfte Wellen schwappten an das Ufer. Es war ein herrlich Tag. Es war gerade angenehm warm und eine leichte Brise umfing das Gesicht des Kaufmanns. Er lächelte. Er liebte seinen Beruf. Gerade durchquerte er mit seinem Zug einen engen Gebirgspass, kaum 4 Meter breit. Zur Seeseite hin fielen die Klippen steil ab. Hinter sich hörte er einen Schrei, doch er drehte sich nicht einmal um. Wahrscheinlich war es ohnehin nur ein Söldner, der aus Unachtsamkeit die Klippe hinabgestürzt war. Diese paar Denari würden ihm wohl kaum schaden können. Just in dem Moment, als er um eine Kurve ritt, die zu einem größeren Felsplateau führte, hörte er ein hohes Sirren. Ein Schrei. Dann noch einer. Er wandte sich um. Seine Pupillen weiteten sich angsterfüllt bei dem, was er sah. Eine ganze Horde maskierter Männer fiel über seinen Zug her. „Schützt die Wagen!“, brüllte er aus vollem Hals. Bogenschützen töteten mit hoher Kunstfertigkeit seine Männer.

Bald schon hatte sich das Plateau in ein Schlachtfeld verwandelt; das sanfte Gras, das dort wuchs, war blutgetränkt. Auch der Bankier höchstpersönlich hatte zu seinem Schwert gegriffen und attackierte mitsamt seines Pferdes einen der Wegelagerer. Dieser blockte seinen Schlag von oben mühelos und brachte ihn aus dem Gleichgewicht, sodass er nach vorne über vom Pferd und in den Dreck stürzte. Ein heißer Schmerz durchzuckte seinen Körper. Der Mann über ihm hob sein Schwert zu einem letzten Schlag. Nein, nein, das kann nicht wahr sein…Blut spritzte. War es sein eigenes? Nein, einer seiner Söldner hatte dem Mann mit einem Krummsäbel niedergerungen. „Hab Dank“, rief er dem Söldner zu. Er rappelte sich auf, um sich einen Überblick über das Schlachtfeld zu verschaffen. Die Wegelagerer waren härter, als sie aussahen mit ihren albernen Masken: Sie hatten bereits gut ein halbes Dutzend Männer getötet und rückten immer weiter auf die Wagen vor, in denen sich wertvolle Güter verbargen. Seine eigenen Männer hielten sich tapfer, doch die feindliche Übermacht und deren Fähigkeiten schienen überwältigend. Gerade, als er zurück zu seinem Pferd rennen wollte, um zu fliehen, wurde er harsch herumgerissen und zu Boden gedrückt. Ein edel aussehender Mann ohne Maske kniete über ihm, das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen verzogen. Der Mann war zweifelsohne der Anführer der Bande. Aus seinem Gesicht sprachen Würde und Tapferkeit. „Genug gewuchert, Signore“, sagte er mitleidslos und hob einen Knüppel…


 

Niclas Frederic Sturm: 2012

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