Die Seuche – Fragment II

Dies ist die Geschichte der Bande, die im ersten Teil vorgestellt wurde. Eine Geschichte der Verbannung, der Einsamkeit und der Tragik. Viel Spaß!

Die kühle Nachtluft umfing Federicos Gesicht. Über ihm erstreckte sich das Firmament, das von Sternen – gleich kleinen, goldenen Kugeln – gesprenkelt war. Zypressen und Pinien säumten die alte, verlassene Landstraße, sie schwankten im Takt des Windes. Federico stieg von seinem Pferd ab und überblickte das toskanische Tal, das sich unter ihm in die Tiefen der Hügel schmiegte. Kleinere Flüsse, fast schon Rinnsale, schlängelten sich gemächlich durch das Tal. Die Nacht war zwar stockfinster, doch die brennenden Feuer der nahe gelegenen Stadt Gerona erhellten die Umgebung ein wenig. Rauch kräuselte die Dächer empor. Eine Leichenverbrennung.

Die Pest schwoll zwar gerade ab, dennoch gab es vereinzelt immer noch Dörfer, in denen die Bevölkerung sich beinahe täglich um fast die Hälfte dezimierte. Ein trauriges Schauspiel bot sich den Männern jedes Mal, wenn sie die verzweifelten Gesichter sahen, ausgezehrt und eingefallen. Diese Dörfer durchquerten sie besonders schnell. Immer noch sah man in vielen Städten insbesondere größeren Festungen wie Rom oder Florenz das grausige Antlitz der Pest, deren Wahn sich wie eine Schneise durch die engen Gassen. Federico wandte sich vorsichtig zu den Männern um; ihre Gesichter wettergegerbt von der unbarmherzigen toskanischen Sonne, ihre Mimik erstarrt vor unterdrückter Frustration. Federico konnte sie verstehen. Es war wohl alleine sein imposantes und gebieterisches Auftreten, das sie an der Meuterei hinderte. Nein, dies würden sie niemals tun, oder? Ihre mordlustigen Augen waren ganz bei ihnen. Nur Emanuele bohrte seinen Blick in Federico, ohne jedoch etwas zu sagen.„Federico, wie sieht’s aus?”, fragte Giovanni, ein Mann aus Apulien unvermittelt und brach die unangenehme Spannung. Federico wendete sich ihm zu und sagte: „Es wird ein hartes Stück Arbeit, diese Stadt ist bis an die Zähne bewaffnet. Eigentlich klar, schließlich sind wir nicht die Einzigen, die ihr Glück mit dem Ausplündern von arglosen Dörfern machen! Jeder Patrizier einer vernünftigen Stadt würde in diesen Zeiten zusätzliche Truppen, seien sie auch noch so unzuverlässig und nur zu Abschreckung gedacht, anwerben, um Plünderer fern zuhalten.”„Ich hoffe, wenigstens dieser Raub glückt uns! Wir sind nun schon seit 2 Wochen unterwegs, ohne auch nur einen einzigen Florin in den Händen gehalten zu haben! Unsere Taschen sind leer, wie die Städte Europas. Santo Cielo! Warum ausgerechnet gerade diese Stadt, Federico?Wohlhabend sieht sie ja nicht gerade aus.”, bemerkte Emanuele zynisch.

„Nun, werter Emanuele, ich denke, bei deinem Verbrauch an Fleisch und Salz reichte nicht einmal der Reichtum von Konstantinopel, der alten Kaiserstadt, aus, um deine Gelüste zu befriedigen.”, erwiderte Stefano, der Medicus, mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen, während er gedankenverloren in der Glut des Lagerfeuers herumstocherte, das sie im Schatten einer großen Pinie entzündet hatten. Giuseppe, der gerade mit mehreren Schläuchen Wasser von einem nahegelegnen Fluss zurückgekehrt war, mischte sich ein: „So hitzig unser geehrter Emmanuelle manchmal doch ist, in diesem Punkt muss ich ihm Recht geben: Diese Stadt ist nicht das geeignetste Opfer; es gäbe weitaus passendere Ziele, keinen Tagesritt entfernt.”

Federico setzte sich auf einen Baumstumpf und blickte melancholisch in die Ferne. „Nun, seht sie euch an. Ruhig und versonnen liegt sie dort unten, gebeutelt vom Schwarzen Tod wie viele andere Städte. Doch sie ist nicht wie irgendeine Stadt. In ihr liegt ein wahrhaftiger Schatz. Zwar ist er nur Teil einer größeren Spur, die zu noch größerem Reichtum führt, aber ein Anfang.“, sprach Federico nach einiger Zeit. „Und worin genau besteht dieser Schatz?”, fragte Giuseppe. „Dies werdet ihr früh genug erfahren.”, antwortete Federico schroff. Ehe Giuseppe etwas widersprechen konnte, verkündete Henry, der Koch der Truppe, dass das Abendmahl nun zum Verzehr bereit stehe, was die Stimmung ungemein hob. Die Diskussion wurde auf später vertagt und alle fanden sich am Feuer zu Wildschweineintopf, gewürzt mit Kräutern aus der Umgebung, zusammen. Eines musste man dem lebensfrohen und zugegebenermaßen verschwenderischem Henry lassen: er konnte exzellent kochen. Mehr als nur einmal zauberte er aus den einfachsten Mitteln wundervolle Gerichte, die Steffano, einer der Schreibkundigen, in einem Büchlein aus Papier dokumentierte. So saßen alle am Lagerfeuer im Schatten eines größeren Forstes und genossen das Essen und die Aussichten auf den baldigen Goldregen. Die Dunkelheit war wir ein großer Teich, den es zu durchqueren galt. Sie war beinahe greifbar. Das Lager hatten sie inmitten, eines dichten Waldes aufgeschlagen, damit man sie nicht so leicht fand, falls die nahe Stadt Patrouillen schicken sollte. Federico beobachtete die Runde. Sein Blick blieb bei Vittorio, einem eher stillen Mailänder, hängen. Dessen Augen schienen seinem Blick auszuweichen. Von allen Männern war er der, der am wenigsten sprach. Schweigsam, aber doch zuverlässig verrichtete er seine Arbeit. Für Hinterhalte war er perfekt geeignet. Seine Schritte waren leise genug, auf jedem noch so lauten Flur Wachen und ähnliche Wachposten auszuschalten. Er war auch der beste Mann zum Versorgen der Pferde. Seine ruhige Art schien den Pferden, allesamt kräftig, wohl zu gefallen. Zufrieden sah er den anderen Männern beim Essen zu. Sie hatten sich das Mahl redlich verdient und verschlangen es mit entsprechender Gier. Nach all den Wochen der Entbehrung waren sie nun an einem Ziel angelangt. Der klare Nachthimmel war überstreut von kleineren und größeren Sternen. Federico meinte sogar, ein Sternbild in Form eines gebrochenen Herzens erkennen zu können. Was vermag dieses Omen wohl verheißen?

2

Es war schon fast Mitternacht, als die Männer ihre Essschalen beiseite legten. Das Feuer knisterte herzlich, die aromatischen Düfte des Holzes erschufen im Zusammenspiel mit den umliegenden Pinien eine wundervolle Atmosphäre. Das Feuer war groteske Schatten, die scheinbar einer unerkennbaren, mystischen Melodie folgend, ihre Bahnen zogen.

Federico blickte melancholisch in die Ferne. Dies bemerkte auch Emanuele, der Schmied: „Federico, was starrst du so trübsinnig in die Ferne? Ich frage mich eigentlich schon immer, was du vorher tatest? Ich bin nur ein gemeiner Schmied, Giuseppe ein übellauniger Gesandter, den man wegen einer amourösen Affäre seines Amtes enthoben hat…“, er fing sich einen bösen Blick vom Genannten ein, „aber wer bist du?“

Federico sagte eine Weile nichts. Schatten tanzten an den Bäumen ihren unheimlichen Tanz, während die Gruppe still in sich gekehrt dasaß und auf eine Reaktion wartete. Sein edlen Züge verspannten sich dann jedoch. „es ist keine ruhmvolle Geschichte, die ich zu erzählen habe, aber ich kenne euch nun lange genug. Ich kann euch vertrauen…“, er machte eine bedeutungsschwangere Pause. „Vor vielen Jahren war ich Patrizier der Stadt Florenz. Reich, anerkannt, vom Volke geliebt. Ich war leichtsinnig und gab einen Großteil meines Erbes für Feste, Spiele und aufwendige Kleidung aus. Einen anderen Teil habe ich einfach verprasst. Nun kam es so, dass ich in Theodora, die Tochter eines verfeindeten Kaufmanns verliebt war. Wir trafen uns häufig im Geheimen. Bei einem Festmahl bat ich daraufhin ihren Vater um die Hand von Theodora. Er willigte ein und ich schwebte im siebenten Himmel. Doch Ludovico, ein Ekel von Mensch, fuhr mir in mein Glück: er klagte mich bei einem Kirchengericht als Ketzer an, als „Zauberer”, der die Menschen verführe. So wurde ich für schuldig empfunden, da Ludovico die Richter bestochen hatte. Ich wurde in ein kaltes, garstiges Verlies geworfen und ernährte mich nur von dem Abfall, der durch die Gitterstäbe des Fensters fiel. Eines Nachts kam Theodora zu mir und befreite mich. Ich fiel ihr um den Hals und wollte sie mitnehmen, fern von jener schicksalshaften Stadt. Doch sie weigerte sich, es wäre nicht mit ihrem Gewissen vereinbar. Was würde nur aus ihrem Vater, diesem gottesfürchtigen Mann? Also floh ich und sah zu wie mein Leben um mich herum zusammenbrach. Ich streife lange durch die Lande, ohne Ziel. Ich wurde angegriffen und schlug die Angreifer nieder. Daraufhin beschloss ich, mich von der Gesellschaft abzuwenden und mein Leben frei von gesellschaftlichen Zwängen zu verbringen, deswegen sitze ich nur heute vor euch. Ich bin über meine Vergangenheit hinweg.”, schloss Federico ruhig.


Niclas Frederic Sturm – 2015 sorry: 2016

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