Die Macht der Wörter

Oder: Über die Begrenzungen der Sprache

In vielen literarischen Werken besteht oft eine unterliegende Sprachkritik, eine Kritik an den Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache. Das System der Sprache ist ein solches, das auf einem sozialen Konsens beruht: Der Wortschatz ist eine soziale Vereinbarung. Wörter, die nicht mehr genutzt werden, weil sie beispielsweise dem technologischen Wandel zum Opfer fallen, werden innerhalb weniger Generationen vergessen. Depesche ist eines dieser Wörter. Da Telegramme heute eher die Ausnahme sind, ist es nicht verwunderlich, dass ein Wort ohne einen Anwendungshintergrund schnell ausstirbt. Über die Jahrhunderte sind vermutlich einige Tausend solcher Wörter dem Vergessen anheim gefallen und müssten umständlich aus alten Texten und Inschriften entnommen werden.

Tatsächlich wächst die Sprache jedoch schneller, als dass sie schrumpft, vor allem aufgrund von Einflüssen anderer Sprachen. Anglizismen trifft man nicht nur in den unteren Etagen eines Büros an, der Hausmeister wird zum Facility Manager, alles wird neuerdings gebenchmarkt und manche Berufsbezeichnungen sind heutzutage bereits derart verwässert, dass man sich nun wirklich nichts mehr darunter vorstellen kann.

Jedoch tragen diese Anglizismen nicht dazu bei, den sprachlichen Horizont zu erweitern. Viele der vermeintlich neuen Wörter sind synonyme Begriffe für bereits bestehende Ausdrücke. Da Autoren in der Regel eine große Freiheit beim Schreiben gegeben ist, bietet sich hier die einmalige Möglichkeit, die Sprache aktiv mitzugestalten und echte Neologismen zu erfinden. Die deutsche Sprache hat die überaus praktische Eigenschaft, dass Wörter meistens frei miteinander kombiniert werden können (z.B Ver­mö­gens­zu­ord­nungs­zu­stän­dig­keits­über­tra­gungs­ver­ord­nung). 

Es existiert natürlich auch die Möglichkeit, sinnvolle Neologismen zu schaffen, um komplexe Emotionen ausdrücken zu können. Wörter wie heißkalt haben es ja bereits in den allgemeinen Wortschatz geschafft und jenes Wort ist der erste Ansatz für die Schöpfung neuer Wörter. Eigentlich gegensätzliche Begriffe zu einem einzigen Wort zu schmieden kann gelegentlich für ein spannendes, literarisches Prickeln sorgen. Mir sind drei literarische Methoden geläufig, neue Wörter zu kreieren:

  1. Antithesen kombinieren (z.B honigbitter)
  2. Synonyme bzw. verwandte Wörter kombinieren (z.B lichtschön)
  3. Ein Nomen und ein Adjektiv verschmelzen (z.B bewusstseinstot)

Letztlich ist Literatur immer ein Spiel mit den Erwartungen des Lesers. Gewisse Wörter wecken bestimmte Assoziationen. Buchtitel wie Das Wunder der Liebe oder Eine Leiche im Keller erzeugen sofort eine Erwartungshaltung. Neologismen (auch solche in einem Buchtitel) sorgen zunächst für Verwunderung, aber auch Interesse, da sie aus dem gewöhnlichen Literaturbetrieb hervorstechen, aus dem recht simplen Grund, dass sie mit der grundsätzlichen Erwartungshaltung brechen. Neologismen können sehr anstrengend sein und ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Einbauen zu vieler neue Worte einer einzigen Kategorie sich bald wie ein labbriges Toast anfühlt. Wohldosiert dagegen können sie einem Charakter neue Facetten verleihen oder eine Situation sprachlich bereichern. Der Reiz des Neuen ist es schließlich, der Neologismen ausmacht. Sprache lässt sich mit einem großen Fluss vergleichen, der stetig fließt, hier und da stärkere und schwächere Strömungen besitzt, und in dem in unregelmäßigen Abständen einsame Inseln liegen, von ganz unterschiedlicher Art. Mal ist es eine Insel voller Giftschlangen, die man eher nicht betreten sollte. Ein anderes Mal ist es eine schwimmende Oase voller exotischer Früchte.

Sprache muss nicht immer rein logisch sein. Im wissenschaftlichen Bereich sollte sie präzise genug sein, um Beobachtungen niederschreiben zu können und selbst dort ist manchmal vonnöten, neue Begriffe einzuführen, um neuen Erfahrungen eine Darstellung zu ermöglichen. Sprache muss dehnbar sein, gerade ihre Umeindeutigkeit macht sie so interessant. Wir amüsieren uns den doppeldeutigen Witz eines Comedians im Fernsehen, wir lachen über Missverständnisse zwischen den Geschlechtern. Und im Grunde ist es genau das, was uns eigentlich ausmacht.


Niclas Frederic Sturm

 

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