Die Symphonie des Lebens

Die Symphonie des Lebens

Das Leben eines Pianisten.

Ein grelles Licht blendete ihn. Schützend hielt er sich die Hand vor die Augen. Für einen kurzen Moment wusste er nicht, wo er war, wer er war. Dann fiel es ihm schlagartig wieder ein: Er war in einem Opernhaus, wo er einen Großteil seines langen Lebens verbracht hatte. Der alte Mann nahm milde lächelnd seine Hand hinunter und genoss noch einmal, wie so oft, die kalte Wärme der Scheinwerfer. Journalisten bedrängten ihn von allen Seiten. „Was werden Sie heute Abend spielen?“ „Wer wird ihr Nachfolger sein?“ Mit solchen Fragen wurde er bedrängt. Er antwortete auf keine einzige. Er ging die glatt polierte Marmortreppe hinauf und sah in die dicht gedrängte Masse an Menschen, die sich nur für ihn interessierten. Er würde diese Leute nie wiedersehen, dachte er sich. Ihm war plötzlich dieser Gedanke gekommen. Ob es eine Hoffnung war oder bloß Ironie, das konnte er nicht sagen.

Er ging durch das Portal. Ihm wurde kühl. Seine diensteifrigen Assistenten nahmen ihm seinen Mantel ab und brachten ihn in einen der Vorbereitungsräume. Dort ließen sie ihn auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin alleine zurück. Es waren noch zwei Stunden bis zu seinem letzten Konzert. Die ganze Welt fieberte diesem Ereignis entgegen. Er, der geheimnisvolle Pianist, der Menschen egal welchen Landes in Verzückung versetzt hatte, würde heute das letzte Mal die wundervollen Melodien spielen, die die alten Meister geschrieben hatten. Er kämmte sich seine weißen Haare und trank einen Schluck Wasser. Sein Hals war schrecklich trocken. Er rückte seine Fliege zurecht, sie hing schief. Er versuchte sein gewinnendes Lächeln aufzusetzen, doch es wirkte maskenhaft und besaß nur noch wenig seines alten Charmes. Seine Hand zitterte. Hastig hielt er sie fest, bis sie wieder ruhig war.

Dann war er bereit.

Er wartete sehr lange, bis er den Raum verließ. Vor der Tür standen die Assistenten, nervös vom einen auf das andere Bein springend. „Da sind Sie ja endlich!“, sprachen sie ihn mit unterdrückter Nervosität an. Sie wagten es nicht, ihn anzublaffen.
Man führte ihn durch einen engen Gang der Bühne entgegen. Von Ferne bereits war das frenetische Jubeln der Zuschauer zu vernehmen. Sie alle fieberten diesem einen Moment entgegen. Viele hatten ein Vermögen bezahlt, um hier zu sein. Manchmal konnte er die Menschen einfach nicht verstehen. Seine Schritte wurden unsicher. Man musste ihn stützen. Dies geschah immer häufiger in letzter Zeit. Sein Körper schien sich immer öfter zu weigern, seinen Dienst zu tun. Die Zeit, dieses allesverschlingende Biest ging an niemandem spurlos vorüber. Der Weg zur Bühne schien immer länger zu werden, jeder Schritt wurde zur Meile. Er schloss für einen kurzen Moment seine Augen und versuchte ruhig zu atmen. Sein Herz schlug unruhig, „Ist alles in Ordnung?“, fragte eine Stimme, die er nicht kannte. Er antwortete nicht. Als er das Ende des Ganges erreicht hatte, wurde er von tosendem Applaus empfangen. Die tausend klatschenden Hände erwuchsen zu einem himmlischen Akkord, der ihn zu seinem Flügel begleitete. Töne waren für ihn nicht nur Eines. Nicht nur Schall, es war eine andere Dimension der Wahrnehmung. In seinem Kopf verschmolzen Töne miteinander und formte eine Art Magie, die nur wenige jemals begreifen konnten. Mit zitternden Knien nahm er Platz. Mit einem Male war es ganz ruhig. Er schaute zum Himmel hoch. Man hatte die große Kuppel geöffnet, sodass der Sternenhimmel unter dem Leuchten seiner Bewohner tausendfach auf sie hinab schien. Es war eine magische Nacht. Eine Nacht, in der immer Wunder geschehen können. Es war seine Nacht.

Er setzte sich vorsichtig hin. Er sah auf die Tasten vor sich: Schwarz, weiß, weiß, schwarz, alle vermochten wunderschön zu sein. In dem Moment als er anfangen wollte, hielt er plötzlich inne. Vor ihm leuchtete ein weißes Licht. Es gab keine Quelle, es war einfach da. Es war beruhigend und

aufwühlend zugleich. Wie die Wärme einer zarten Sommernacht. Eine liebliche Woge des Glücks überspülte ihn und seinen Körper. Er wusste, nun endlich, nach all diesen vielen Jahren, was er zu tun hatte und lächelte. Seine Finger sausten geübt auf die Tasten nieder. Helle, glockengleiche Töne erhoben sich in die Luft. Alte, für ihn bereits längst vergessene Bilder drängten sich wie Blasen an die Oberfläche seines Bewusstseins.

Eine Blumenwiese. Dort, ein Baum mit saftig grünen Blättern, die Luft erfüllt vom Lachen der Kinder. Er erkannte sich selbst. Durch die golden glühenden Kornfelder zog er, durch das Herz der Natur, die ihn mit offnen Armen empfing. Es war wie in einem Rausch, den er sich nicht erklären konnte.

Er wehrte sich nicht. Er öffnete die Augen, obwohl sie bereits die ganze Zeit über geöffnet waren. Dort, im Publikum erkannte er seine Mutter. Ihre milden Augen sahen ihn unvermittelt an, sie waren so voller Wärme und Zuneigung. Doch ein weißer Schleier lag über ihrem Gesicht, ein Schatten der Vergangenheit. Sie war vor vielen Jahren gestorben. Er hatte bittere Tränen geweint. Ihr Schein, so eh er gekommen war, zerfloss in einem einzigen Moment. Eine winzige Träne konnte er auf ihrem Gesicht erkennen, dann war sie vergangen. Seine Finger gehorchten nicht mehr seinem Verstand, es war, als spiele ein Teil seiner Selbst, den er nie zuvor gekannt hatte. Die Musik wurde schneller, bedrohlicher, abgehackter. Ein Brummen, selbstzufrieden und eigensinnig, ganz wie seine Jugend. Ein Mädchen stand vor ihm. Die Grübchen an ihrem Mund. Die anmutigen Züge. Oder war sie es nicht? Einbildung und Realität, Vergangenheit und Gegenwart, war dies nicht nur ein enger Grat? Sie sprach etwas zu ihm. Dann, eine weitere Person. Dunkel und hell abwechselnd, ein einziger Kontrast bildete das Verhältnis. Der ewige Feind. Der, der alles entreißt, was einem teuer ist. Der Wünsche und lange gehegte Träume rücksichtslos davonträgt. Der Pianist kannte nicht einmal dessen Namen. Noch aus seinem Grabe schien er ihn zu verhöhnen. Bilder, oh schmerzhafte Bilder drängten sich ihm auf. Er konnte sich nicht wehren. Wie eine einzige Blase umringten sie ihn. Diese Grausamkeit, dieser Wahn, wie konnte man dies nur tun?
Er fasste die Hand des Mädchens, sie sah den Pianisten an, doch wo war ihre Liebe? Er blickte in seelenlose Höhlen, kalt und leer. Der fremde Mann führte sie weg, nicht einmal sah sie sich um. Wut und Trauer formten eine melancholische Symphonie.
Im Publikum griff ein erstes verhaltenes Raunen um sich. Sie kannten das Stück nicht, das der Pianist spielte. Es war vertraut fremd. Niemand ahnte, was es war und war dennoch davon selbst so berührt. Verlorene Liebe. Dieser Gedanke jagte dem Pianisten durch den Kopf. Die Melodie wurde moderner, sie wurde ausgefallener. Missklänge und Klänge selbst hoben sich nicht mehr auf. Ein kecker, frecher Marsch. Ein Café, das Liberty Café. Er trat durch die Tür in die verrauchten, vom schallenden Gelächter der Leute belebten Räume. Auf der Bühne stand eine Sängerin. Ihr Rouge war verschmiert, ihre Wangen rot vor Aufregung des Auftritts. Sie hatte eine hübsche Figur. Er setzte sich in die erste Reihe und lauscht. Ein helles Sirren. Sie sah ihn an. Er sah sich. Sie ihn sich. Sie kamen sich näher. Und wieder dieser düstere Klang. Der Pianist schauderte. Ist er es? Eine kalte Woge lief ihm über den Rücken. Nein, nein, bitte nicht. Doch auch sie entglitt ihm, entwand sich seinem Flehen, seiner Zuneigung. Wie so vieles in seinem Leben. Sein Feind schien ihm immer einen Schritt voraus zu sein. Ein knackendes Schlagen, eine Taste brach. Die Leute schauten ihn verwundert hat. Was hat er nur, der alte Mann? Wieso zerstört er den Flügel?
Und dann spielten auf einmal zwei Flügel. Einer, der Junge, der Pianist erzeugte wunderschöne, Töne, den Klang des himmlischen Orchesters, geschmeidig wie Samt. Eine dunkles Klavier, die

Gegenwart. Der Pianist ließ seine Verbitterung von sich. Doch zusammen bildeten sie ein Wesen, ein zusammenhängendes Wesen, denn schwarz und weiß waren zugleich ihr Gegenteil. Der Pianist öffnete die Augen. Vor ihm fließt ein Fluss, klares Wasser, doch er wird dunkel, braun, grün, die Schönheit vergeht. Er schaute auf seine Hände, faltig und grau. Wie alles um ihn herum vergeht, oder ist er es der vergeht? Und plötzlich war er einsam, so unendlich einsam. Nicht akzeptiert und missverstanden, unterschätzt in seiner Bestimmung. Er sah zu den Gestirnen hinauf. Das Licht, das lange für diesen Moment gereist war, erhellte den klaren Nachthimmel. Dort war ein Gesicht, nein: Es waren drei. Sein Vater, seine Mutter, sein Sohn; sie schauten auf ihn hinab. Und es beruhigte ihn. Er war niemals allein und würde es niemals werden.
Da waren sie wieder: Sein Feind, seine erste und einzige Liebe. Sie betrachteten ihn kalt. Leidenschaftslos. Ohne Anteilnahme. Vielmehr wie eine Kuriosität, ein pures Relikt. Er legte sich ins Zeug. All seine Leidenschaft und Liebe, dies alles lag in diesen Klängen. Je heftiger er die Tasten spielte, ja regelrecht schlug, desto aufrichtiger war die Musik. So harmonisch, so ewig. Es kehrt zurück zum Anfang. Die Luft war in Schwingung. Alles vibrierte. Der Boden, der Flügel, die Menschen. Alle waren bewegt und still zugleich, ob dem was sie sehen und nicht glauben können. Ein Mann verjüngte sich. Vor ihren Augen wurde der Greis zum Jüngling, anmutig von Gestalt. Und er sah die Veränderung. Sie wand sich aus seinen Armen. Er hielt sie zurück. Doch es hielt sie nicht dort. Sie kam näher. Aus einem Flügel wurden die Stimmen vergangener Zeiten, all die Verzweifelten und Liebenden, rasend vor Leidenschaft, sie wurden wieder ins Leben gerufen und hielten ihn. Hielten ihn aufrecht, für diesen einen, lang ersehnten Moment. Sie streckte ihre Hand aus. Ein grelles Licht. War es das, was er gesehen hatte? Nun stand sie plötzlich vor ihm. Die Augen gingen im über. In der Blüte ihrer Jugend, ihrer Anmut, ihres Glaubens an die Welt. Der Pianist glaubte nicht, was er sah. Eine Illusion, ein Trugbild, ein Irrlicht, eine Täuschung. Aber sie war real, ihre Finger berührten sich. Sie beugte sich über ihn. Alles, alle Sinne, alle Bilder, alle Gerüche, sie alle vereinigten sich zu dieser einen Wahrnehmung. Stimmen brüllten leise in seinem Kopf. Tränen liefen seine von den Jahren gealterten Wangen hinab. „Ich bin bei dir!“, flüsterte sie ihm zu und gab ihm einen zarten Kuss auf den Mund. Er schmeckte nach Zimt, süß wie Honig. Der Pianist sank zurück. Langsam, kaum merklich erst. Doch dann fiel er. Der fremde Mann schien zu schreien, doch er war tonlos, zum Verblassen verdammt. Plötzlicher Wind trug ihn davon, er wurde zu Schatten und verschwand. Endlich. Er war am Ziel. So viele Jahre voller Leid, voller Angst, für diesen Augenblick hatte er so lange gekämpft. Was er sah, war ein langer Tunnel voller Licht. „Ich bin bei dir!“, hallte es in seinem Ohr. Einem Echo gleich prägte sich dieser Satz ein und umfasste alles, was er war, was jemals war. Ich bin bei dir. Seine Hände rutschten vom Flügel ab. Ein letzter dunkler Ton hinaus in die Nacht. Plong. Stille. Das Publikum war unsicher, was passiert war. Man eilte zum Flügel hin. Dort lag er, der Pianist, mit einem seligen Lächeln auf seinen Lippen, die Augen für immer geschlossen. Mit der Ewigkeit vereint. Niemand rührte ihn an. Eine unsichtbare Barriere umgab ihn. Und die Musik echote immer noch durch die Nacht. Sie wurde hinausgetragen in alle Welt. Bald drängten sich die Menschen um ihn herum. Er rührte sich nicht mehr. „Er ist tot, oh wie konnte das nur passieren?“, schluchzte eine Stimme hysterisch.
Eine angenehme, ruhige Stimme erwiderte: „Nein, das ist er nicht. Dies hier ist nur der Beweis, dass es mehr gibt, als wir jemals begreifen können. Eine ganze Welt, die sich uns für immer verschließt. Das was er gespielt hat, war sein Leben. Jeder Ton, jeder musikalische Satz hat sein Leben gezeigt. Ein Leben in letzter, verdienter Freiheit. Was wir gesehen haben, das war die wahre Symphonie des Lebens.“


© Niclas Frederic Sturm 2014

 

4 Kommentare zu „Die Symphonie des Lebens

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