Der Kriegskünstler – Kurzgeschichte

Der Kriegskünstler:

Der Mann war ein Künstler, ein Schöpfer schöner Dinge. Die Natur, lachende Menschen, die kleinen, interessanten Details des Lebens inspirierten ihn. Er liebte seine Arbeit. Er war frei und ungebunden. Gehorchte nur seiner eigenen Kreativität. Um sich herum sah er seine Stadt blühen. Den sanften Giganten. Oft ein wenig unbeholfen und träge, doch im Grunde gut. Manche bezeichneten den Künstler als einsam und eitel. Abends pflegte er auf seinem kleinen Balkon zu sitzen, den Sonnenuntergang genießend. Sein Blick wanderte dabei immer nach rechts oben, in Richtung einer anderen Wohnung. Hinter jenen Fenstern verbarg sich seine geheime Leidenschaft, die wahre Quelle seiner Inspiration. Eine wunderschöne Frau. Er sah sie nur selten. Man sagt, sie lebe sehr zurückgezogen. Wagte sie sich in den heißen Sommermonaten auf den Balkon, winkte sie dem Künstler häufig freundlich zu und ließ das Herz des Mannes höher schlagen. Dieser lächelte schüchtern zurück. Bei ihr geklopft hatte er nie. Manche schönen Illusionen mussten bewahrt werden. Die Stadt, in der er lebte, atmete den Geist einer unbekannten Freiheit. Sie zog Künstler wie ihn in Scharen an. Doch seit Kurzem begann sich etwas zu verändern. Winzige Stellschrauben im Gefüge. Der Künstler wollte dies nicht sehen, denn so sehr er auch sich in der Kunst auslebte, so verachtete er den Wandel, der ihn dabei behindern könnte.

Eigenartige Dinge gingen vor. Wenn er nachts zwischen den Häuserschluchten wandelte, hörte er Schreie. An den Häuserwänden sprangen ihn Sätze wie „Tötet sie. Sie nehmen uns alles weg. Sie unterwandern uns.“ an. Bewaffnete Fackelträger patrouillierten mit grimmigen Gesichtern durch die Straßen, verjagten die Jungen und Unschuldigen. Der Künstler fragte sich, was passierte. Grelles Licht jagte nachts über den Himmel. Bald schon schlossen die belebten Cafés und Bars. Aus lachenden Orten wurden leere, vernachlässigte Ruinen, die zerfielen. Immer häufiger kam es vor, dass sich große Menschenmassen auf den Plätzen sammelten und gemeinsam im Chor brüllten. Es war kein schöner Gesang. Er hätte nicht mitgemacht. Danach ertönte immer knallender Jubel. Ihm fiel auf, dass sich sein Wohnblock immer mehr leerte. Normalerweise hatte er abends, nachdem er aus seinem Atelier zurückkehrte, Kinder auf der Straße spielen sehen. Sie waren gegangen. An ihrer Stelle huschten nunmehr lichtscheue Schatten durch die Straßen. Der Mann bekam schlechte Träume. Tod und Verderben waren allgegenwärtig in ihnen. Wenn er das Radio einschaltete, das Fernsehen verfolgte, so sah er stets die gleichen Bilder, hörte die gleichen, schrecklich harten Worte. Sie erschreckten ihn. Hass lag in den Augen derjeniger, die diese Worte sprachen, ja regelrecht ausspieen. Jegliche Schönheit schien mit einer undefinierbaren Umgebung zu verschmelzen. Die Pflanzen gingen ein, wurden grau und trocken, starben. Der Himmel wurde bleischwer. Die Säulen der Erde schienen zu wanken, denn der Boden wurde regelmäßig erschüttert. Der Künstler konnte nicht anders, als seine Bilder in ein Blutrot zu tauchen. Sein Pinsel wurde seine Waffe, mit der er Szenerien der äußersten Hässlichkeit schuf. Harmonische Farben wurden mit schwarzer Paste überklebt. Licht wurde durch Schatten ersetzt. Statt der Geburt zeigte sich das grässliche Antlitz des Todes. Für den Künstler war es eine Befreiung. Er empfand seine neuen Werke als eine Reinigung. In ihnen konnte er seinen dunklen, unterdrückten Gedanken freien Lauf lassen. Er ließ sie seine Gedanken bestimmen, die Art, wie er die Farben auftrug, mit welcher Gewalt er Formen auf die Leinwand schlug. Er lachte wahnsinnig, wenn er nur ihm schein der grellen, künstlichen Lichter wieder einen Mord an seinen eigenen Bildern beging. Wenn er den Frühling in Winter verwandelte. Es bereitete ihm ein nicht vorher gekanntes Vergnügen. Doch nicht nur das. Die Worte des Hasses steckten auch ihn an. In den Städten peitschten Redner die Menschen auf. Sie hoben ihre Fäuste und brüllten unverständliche Satzpartikel, er machte mit. Er duldete es. Sein Leben war nicht anders. Eines Abends saß er in seiner Wohnung und nicht wie gewohnt auf dem Balkon. Die Luft draußen war ein dichter, übelriechender Nebel, von dem er Husten bekam. Es war still. Uhren tickten. Schweigend sah er sich um. Seine neuesten Bilder zierten den Raum. Er schien zu warten. Viellicht schlief er auch. Der Mann richtete sich langsam auf und ging hinüber zu einer mickrigen Zimmerpflanze, die er schon seit einiger Zeit vernachlässigte. Wie schnell doch Leben dahinwelken konnte. Ohne ihn war sie nichts. Ohne seine Milde würde sie vertrocknen. Nicht einmal wehren konnte sie sich. Vor wenigen Wochen noch hatte er sie gehegt und gehütet. Dem Mann wurde bewusst, wie sehr sich alles verändert hatte. Er lebte nun als einziger in diesem Haus. Die anderen Wohnungen standen leer. Sogar die Frau von rechts oben war verschwunden. Ihre Abwesenheit hinterließ ein tiefen, schmerzhaften Riss in ihm selbst. Niemand war je zurückgekehrt. Schon lange hatte der Mann keine Pinsel mehr angerührt oder den beißenden Gestank der Farben gerochen. Er war dessen müde geworden, innerlich abgestumpft gegen sein Leben war er. Der Hass ihn seiner Muse beraubt. Er sollte an seinem Meisterwerk weitermalen, das schon seit einiger Zeit – niemand wusste wie lange eigentlich – hinter einem Vorhang nur auf seine Vollendung wartete. Er ging hinüber zu der dunklen Zimmerecke und riss mit einer schnellen Bewegung das Tuch von der Leinwand. Im hereinfallenden Mondschein besaß das Bild eine unbeschreibliche Schönheit. Eine tiefe Menschlichkeit, die ihr Künstler vielleicht selbst gar nicht mehr besaß. Eine idyllische Landschaft ohne Leid, ohne Zukunft und Vergangenheit.

In diesem Moment hämmerte es an der Tür. Der Künstler wunderte sich, wer um diese Uhrzeit noch etwas von ihm wollen könne. Er bekam nie Besuch. Vorsichtig ging er zur Tür und schaute durch den Spion. Er seufzte, denn mittlerweile war es so dunkel geworden, dass auch der Gang in völliger Finsternis lag. Rasch entriegelte er die Tür und öffnete sie. „Guten Abend, mein Sohn.“, hörte er eine Stimme sagen. Der Künstler war überrascht. „Vater?“ Auf dem Gang stand ein älterer, streng aussehender Mann in Uniform. An seiner Brust hingen dutzende, glitzernder Orden. Links und rechts neben ihm standen unzählige Männer, die den Mann, der sie verwundert ansah, starr fixierten. Ihre Blicke waren leer. „Wir kommen, um dich mitzunehmen, mein Sohn. Du musst fort. Wie alle anderen auch. Ich brauche dich.“ Der Künstler schüttelte entschieden mit dem Kopf. „Ich gehe nirgendwohin. Ich bleibe hier.“ Der Vater lachte nur schallend, sodass es im ganzen Stockwerk echote. „Aber mein Sohn, dir bleibt keine andere Wahl. Ich habe dir so viel gegeben. Ich habe dich zu einem Mitglied der Gesellschaft erzogen, dir einen Platz in ihr zugesichert. Du musst mir etwas zurückgeben. Mir, dem fürsorglichen Vater, der dich von der Wiege bis zur Bahre begleitet. Mit aller Gewalt, die dafür notwendig ist. Du musst kämpfen. Wir ziehen in den Krieg, mein Sohn. Du an meiner Seite.“ „In den Krieg? Ich will aber nicht in den Krieg! Ich bin Künstler. Ich glaube an Frieden. Krieg hat uns immer ruiniert.“ Daraufhin traten die Männer mechanisch vor und packten ihn an beiden Armen. Er versuchte sich zu wehren. Er begann zu schreien. Er war allein, niemand konnte ihn hören. Sie waren alle gegangen. „Wir alle wollen es so. Im Krieg sind wir alle Künstler. Wir überleben. Der Krieg wird dein Pinsel sein, das Blut deine kollektive Farbe. Wir müssen zusammenhalten. Wir brauchen einander. Wer nicht mitzieht, wird meine harte Hand spüren. “ Dann ging der Mann in die Wohnung des Künstlers und verbrannte alle Bilder auf einem Scheiterhaufen.

Man schleifte den bewusstseinstoten Künstler in einen alten, stillgelegten Steinbruch. Man band ihn an einem Stein fest. Mehrere Tage lang versuchte man ihn vor der Sinnhaftigkeit des Kriegs zu überzeugen. Sie boten ihm alles an, die Frau, die er liebte, das Geld, das er brauchte, eine Familie, die er nie hatte. Doch er lehnte stets ab. Sie ließen ihn alleine. Am neunten Tag ohne Nahrung und Wasser kamen sie zurück. Eine einzige Kugel traf ihn in die Halsschlagader. Er starb wie ein Hund. Der Künstler war sofort tot, man warf ihn in den Fluss.

Ein Kriegsgefallener.


Niclas Frederic Sturm

2 Kommentare zu „Der Kriegskünstler – Kurzgeschichte

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