Das soll ein Dialog sein?

Dialoge gelten gemeinhin als die Königsdisziplin des Schreibens. Ein guter Dialog kann so manche Schwächen der Handlung ausgleichen. Gute Dialoge führen dazu, dass sich der Leser stärker mit den Figuren identifizieren kann. Wie ein guter Dialog aussehen kann und welche Formalitäten es zu beachten gilt, zeigt dieser Beitrag.

Die inhaltliche Gestaltung eines Romans verläuft meistens zweigleisig. Rein schematisch gliedert sich der Text auf in Beschreibungen und Dialoge. Beschreibungen helfen dabei, Orte und Eindrücke dem Leser geordnet zuzuführen. Dialoge dagegen treiben die Handlung voran. In der Interaktion der Figuren untereinander werden sie zu Persönlichkeiten, deren Eigenschaften sich in Sprachgewohnheiten niederschlagen, in einer spezifischen Wortwahl oder dem Aufbau der Sätze. Anders als beispielsweise im Theater oder im Film kann ein direkter Einblick in die Gedankenwelt eines Charakters geöffnet werden. Aus Widersprüchen in Gedanken und Taten ergibt sich ein Teil Spannung, die eine Figur zu einem Charakter werden lässt. Ähnlich wie bei Gedanken entzündet sich hier die Frage nach der Natürlichkeit der Sprache. Ein großer Fehler, der von Autoren begangen wird und auch von mir immer wieder begangen wird, ist die Annahme, Figuren müssten so gewählt wie möglich reden. Auch ich muss zugeben, dass mir einfache Sprache oft schwerfällt. Ein nützlicher Anhaltspunkt ist,  sich selbst zu fragen, ob man das genauso sagen würde wie die Figur. Andererseits muss bedacht werden, dass Dialoge auch ironisch sein können und gehobene Sprache gegebenenfalls dazu verwendet werden kann, den Dialogpartner zu kritisieren oder zu verspotten.

Gewöhnlich passen sich Charaktere ihren Rahmenbedingungen sprachlich an. Eine Karikatur des normalen Sprachumstands ist häufig als Kritik zu verstehen. Wenn ein Professor in vulgärer Umgangssprache spricht, wird dies Fragen auf, für die das Werk in der Regel Antworten bietet. Gleiches gilt, wenn ein Arbeiter zur Zeit der Industrialisierung in gebundenen Versmaß spricht.

Das gesprochene Wort ist der Motor der Erzählung. 

Der Dialog ist eine hohe Kunst, die zu beherrschen schwierig ist und Erfahrung erfordert. Während Beschreibungen des Orts, der Zeit, der Atmosphäre bequem aus der Perspektive eines außenstehenden Erzählers vorgenommen werden können, muss ein Autor sich für Dialoge in die Figuren hineinführen und die Lebenssituation berücksichtigen. Eine realistische Dialogführung scheitert oft daran, dass Dialogsituationen auf unnatürlichem Weg konstruiert werden, um den Plot voranzubringen. Gerade zufällige Begegnungen, beispielsweise ein der U-Bahn oder auf der Straße haben den Nachteil, dass es einige Kniffe erfordert, einen glaubwürdigen Dialog zu beginnen, gerade wenn sich zwei Fremde zum ersten Mal begegnen. Dass sich die Sprache von Charakteren im Lauf eines Romans ändert, muss nicht zwangsläufig an der Inkonsequenz des Autors liegen, sondern an der Konzeption der Figuren. Im antiken Drama, dessen Tradition sich vielfach noch bis heute fortsetzt, waren Charaktere statisch und veränderten sich nicht. Dies lag zum Teil daran, dass die antiken Dramatiker auf Klassenunterschiede hinweisen wollten und Aristokraten »besser« sprachen als einfache Bürger. Gerade bei Shakespeare tritt dieses Phänomen ebenfalls auf. In der Moderne wurde dieser vermeintliche Anachronismus dadurch abgelöst, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein der Charaktere bestimme. Charaktere konnten mehr oder weniger frei durch die Gesellschaft treiben, aufsteigen und wieder absteigen und entsprechend ihre Sprache mitverändern. Ein weiterer Klassiker hierzu ist Mayfair Lady. Als Leser sind sich verändernde Figuren natürlich wesentlich spannender als statische Schablonen. Eine gute Übung, um sich Dialogen zu nähern, ist das Sprachschema. Hierbei werden die in Romanen üblichen Beschreibungen zu Gestik und Mimik weggelassen und ausschließlich der gesprochene Text abgebildet. Hier ein stark zugespitztes Beispiel:

Figur A: Introvertiert;  Vorsichtig; Zurückhaltend; Bedachte Wortwahl

Figur B: Extrovertiert; Draufgängerisch; Offensives Gesprächsverhalten

Situation 1:

A stolpert und rempelt B auf der Straße an.

A: Entschuldigung.

B: Passen Sie auf, wohin Sie gehen.

A: Ja, wird nicht wieder vorkommen.

B: Das will ich auch hoffen!

Situation II:

B stolpert und rempelt A auf der Straße an.

B: Verdammt! Blöder Stein.

A: Alles in Ordnung?

B: Ja, ja. Bin nur gestolpert.

Die Situation, in die beide Figuren geraten ist die gleiche, nur ihre Reaktionen darauf unterscheiden sich deutlich. Extrovertierte Charaktere sind in Dialogen die dominanteren Personen und nehmen einen größeren Teil des Gesprächs für sich ein. Sie sind sozusagen einfacher zu »handlen«. Solche Figuren können Dialoge recht zügig zum gewünschten Ausgang lenken. Sie bedienen sich dabei auch »One-Liners«, kurzer, schwarzeneggernesker Ausrufe, um ihre Haltung ausdrücken.

Introvertierte Figuren bedürfen meist irgendeines Anlasses, um aktiv zu werden. Wenn Sie reden, dann meist recht ausschweifend, dafür halten Sie sich anschließend wieder zurück und lassen das Gespräch entwickeln.

Konstellationen mit zwei Gesprächspartnern sind noch relativ einfach aufzuziehen, da es im Prinzip nach dem Ping-Pong-Prinzip abläuft. Eine Person sagt etwas, woraufhin eine Antwort folgt. Sobald mehrere Figuren am Gespräch beteiligt sind, steigt die Schwierigkeit exponentiell an. Bei Gesprächsrunden mit mehr als drei Personen ist ein Autor geradezu gezwungen, den Personen einzelne Sätze zuzuordnen, die möglichst prägnant sind, um die Figur zu etablieren.

Die Art des Erzählers ist ebenfalls zu bedenken. Ein Er-/Sie-Erzähler hat die Wahl zwischen einem personalen Erzählverhalten, das eine Objektivierung der subjektiven Erzählweise eines Ich-Erzählers darstellt. Wird ein auktorialer (auch olympischer) Erzähler verwendet, hat dieser das Privileg, ironisch oder kommentierend in das Geschehen einzuwirken und das Handeln der Figuren zu werten. Es kommt auf die Absicht eines Autors an, welche Erzählweise er oder sie wählt. Durch einen auktorialen Erzählstil wirken Charaktere eher wie Schachfiguren, denn wie autonome Individuen, was sich durchaus auf Dialoge auswirken kann, indem sie hinter die Ebene des Erzählers zurücktreten. Ein personaler Erzähler ist meist auf eine Person fokussiert, wodurch er selbst auf Dialoge angewiesen ist, um die Geschichte zu transportieren.

Da ich selbst hobbymäßig Filme produziere, weiß ich oft aus Erfahrung, dass sich die ersten Drehbuchentwürfe für andere meist sehr hölzern anhören. Daher sage ich, wenn Darsteller den Text ihrer Rollen sprechen, dass sie versuchen sollten, den Text frei anzupassen, dass er natürlich klingt. Eine gute Übung für das Schreiben von Dialogen ist das Vorspielen. Man suche sich einen Sprechpartner, um gemeinsam einen Dialog zu sprechen. Meist fällt anschließend sofort auf, ob der Dialog natürlich wirkt und tatsächlich so gesprochen werden könnte.

Niclas Frederic Sturm

Die Sprache ist die Kleidung der Gedanken1Samuel Johnson

1 http://www.aphorismen.de/zitat/26620

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