Die Kunst, nichts zu sagen

Gewalt ersetzt keine Handlung

In fast jedem literarischen Ratgeber findet sich der Vermerk, dass Autoren doch bitte auf tautologische und unlogische Adjektive verzichten sollten. Dazu habe ich eine Meinung.

Ein Autor mit einer Vorliebe für die tückischen Eigenschaftswörter gilt schnell als »Wortschinder«, der Texte unnötig in die Länge ziehe. Selbst dann, wenn jedes überflüssige Adjektiv getilgt und der Text »bereinigt« ist, kann ein fiktionaler Text unnötige Längen haben. Es ist an der Zeit, Romane wieder mehr in die Richtung der Poesie und der Gedichte zu rücken. Das Gedicht ist schließlich der  wortwörtlich verdichtete Ausdruck. In vielen Genres muss die Story für allerlei auf Dauer abstumpfende Gewaltexzesse hinhalten. Dass Gewalt natürlich in einigen Genres ein wesentlicher Bestandteil ist, steht außer Frage. Ein heutiger Roman hat heute oft wie ein Blockbuster zu funktionieren; Seite um Seite reihen sich Actionszenen aneinander, sodass es kein Wunder ist, wenn auf Buchrücken mit den Worten »atemlose Action« oder »lässt kaum Zeit zum Durchatmen« geworben wird. Dies führt zu einer Spirale, die durch Abgestumpftheit entsteht. Ist erstmal genug Blut geflossen, muss es gleich noch mehr sein, in einer möglichst innovativen Art oder Weise sein, aber gerne auch auf mittelalterliche Art. Wenn Action sinnvoll zur Handlung gehört und vernünftig dosiert eingesetzt wird, ist nichts dagegen einzuwenden. Romane können auch ohne Brutalität auskommen und gut funktionieren. Anders allerdings, wenn Gewalt und Brutalität zum Selbstzweck verkommt, um über die Oberflächlichkeit von Charakteren oder unlogische Handlungsverläufe hinwegzutäuschen. Häufig vergessen wird die Kunst der Auslassung. Wenn alles gesagt worden ist, was denkbar wäre, ist alles gedacht, was man denken könnte. Wie kein anderes Medium lebt das geschrieben Wort von der Imagination seiner Nutzer. Literatur aktiviert die Kreativität und Vorstellungskraft, sodass ein Leser in einem kalten Winter den Sommer spüren kann, obwohl er Monate von diesem entfernt ist. Es muss auch nicht immer für jede Handlung eine Motivation vorliegen, schließlich ist ein Roman keine wissenschaftliche Argumentation. Im Verlauf des Werkes sollten sich aus den Charakterzügen und Gewohnheiten der Protagonisten deren Handlungen ergeben und nicht durch den fortwährenden Eingriff eines Erzählers. Figuren, die nicht selbstständig stehen können, sind schwache Figuren. Wenn ersichtlich wird, dass sie gelenkt werden, durchbricht dies die Illusion der Literatur. Wenn Handlungen überkonstruiert sind, mindert es das Vergnügen. Protagonisten, die durch bestimmte Ideen angetrieben werden, halte ich keineswegs für »schablonenhaft«. Teilweise stechen sie dadurch aus der grauen Landschaft der zynischen und nihilistischen Figuren heraus.

Die Macht der Auslassungen

Im Mittelpunkt des eigentlichen Problems stehen die Andeutungen. Andeutungen sind als literarische Halbgeraden zu verstehen, deren Verlauf nur zum Teil vorgegeben ist. Der weitere Verlauf zeigt zwar in die gleiche Richtung und trotzdem ist es möglich, dass dieser Strahl andere Geraden schneidet oder Punkte berührt, die vorher nicht ersichtlich waren. Ein viel zitiertes Beispiel lautet so oder ähnlich:

Der Mann nahm eine Gewehr vom Haken und ging damit auf seine Frau zu.

Eine prima Cliffhanger! Die gewohnte Assoziation, dass der Mann die Frau womöglich angreift, liegt nahe. Wenn jedoch in der Fortsetzung die Situation aufgelöst wird und der eben noch des Totschlags verdächtigte Mann in Wahrheit ein Jäger ist, der noch jagen möchte und sich verabschieden möchte, ist die Erleichterung groß. Die Macht der Auslassung ist groß. Umso sehnlicher erwünscht scheint sie, wenn man sich wieder durch durch seitenlange Beschreibungen eines Nachthimmels quält, die absolut nichts zur Handlung beitragen. Als Autor muss man sich manchmal einfach eingestehen, »Nein, das schreibe ich jetzt nicht. Das lasse ich weg«. Häufig wird mit dem Schlagwort »Realismus« argumentiert oder auch mit der »naturalistischen» Schilderung. Vergessen wird dabei nur, dass in keinem naturalistischen Werk der Protagonist stundenlang den Himmel beschreibt. Beide Begriffe bezeichnen  die Sinnhaftigkeit der Handlung, das naturgemäße Abbilden von Erscheinungen. »Naturgemäß« heißt nicht, dass die genaue Reflektionsfläche eines Kieselsteins dargestellt werden soll. Realismus bedeutet die Beschränkung auf das Wahrnehmbare, auf den sichtbaren, fühlbaren und hörbaren Bereich. Wolken lächeln nicht – das wäre eine Personifikation. Dass ein Geschäft wie geschnitten Brot läuft, ist zwar sehr bildlich, aber wirkt deplatziert und verbraucht. Auslassungen können sehr sinnvoll sein und die Fantasie – und damit das Interesse des Lesers – anregen, sie sollten jedoch kein Erzähldefizit hervorrufen, dass das maschinenhafte Aneinanderreihen von Hauptsätzen zur höchsten Form der Lakonik erhebt.

Informationslücken

In den meisten Erzählungen geht der Erzähler mit dem Protagonisten mit. Der Erzähler sieht die Welt aus den Augen des Protagonisten und gibt diese wieder. Ein Bruch mit dieser Tradition könnte so aussehen, dass der Erzähler und Protagonist voneinander entkoppelt sein. Ein auktorialer oder olympischer Erzähler überblickt die Handlung von einem erhöhten Punkt und verfügt über ein umfassenderes Wissen als der Protagonist. Gegenüber dem Erzähler hat der Protagonist also Informationslücken. Es sind Auslassungen, die den Leser beispielsweise die Umstände eines Mordes schneller begreiflich machen als der handelnden Figur. Die Unruhe, die sich im Leser zeigt, wenn dieser verzweifelt hofft, der Protagonist möge doch begreifen, ist hervorragende Suspense.

Hier zum Beispiel: Der Mann lief die Straße entlang. Er pfiff und ließ seinen Blick hin und her schweifen. Außerhalb seines Sichtfelds versteckte sich zwischen stinkenden Mülltonnen und Häuserschluchten sein Mörder. Bald würde der Mann – leider ahnte er nichts – seinen letzten Atemzug tun. 

Was meint ihr? Sind Bücher heute zu sehr wie Blockbuster aufgebaut?

und

Lasst ihr etwa auch immer eure Adjektive weg?

3 Kommentare zu „Die Kunst, nichts zu sagen

  1. Hey,
    also, hier mal eine Antwort auf deine sehr zum Nachdenken anregenden Fragen:
    Ich finde, dass oftmals vieles einfach zu überstrapaziert ist – sowohl der Schreibstil bzw. die Schreibgewohnheiten der aktuellen Autoren, aber zum Beispiel auch in der Musik.
    Altes zu Übertrumpfen ist schwer heutzutage und deshalb versuchen alle, ihre Romane und auch Lieder durch actionreiche Szenen oder durch „heftige Beats“ natürlich herausstechen zu lassen – was sie allerdings wieder zu Alltäglichem werden lässt, was ziemlich traurig ist.

    Aber eben diese Action zieht die Menschen an, weil sie eben eigentlich selten im Alltag von Jedermann zu finden ist.
    Ich persönlich bin allerdings der Meinung, dass eben diese Bücher, die nur aus Action bestehen ohne gute Grundstory einfach zu nichts taugen. Dafür kann ich dann nämlich auch in einen schlechten Actionfilm gehen. Dann habe ich das selbst Ergebnis.

    Ich persönlich schriebe ja auch ab und zu – und ich finde aber „Adjektive“ sollte man nicht alle weglassen. (Das ist natürlich selbstverständlich)
    Aber es kommt einfach immer drauf an, ob es gerade zu der Szene passt. Sollte hier viel beschrieben werden, weil der Charakter sich in die Umgebung oder in einem Moment vertieft?
    Oder sollte ich es lassen, weil es an dieser Stelle nur den Spannungsbogen zerstört und alles furchtbar zieht und einfach nur noch quälend langweilig macht?
    Ich finde, diese Frage sollten Autoren sich stellen.

    Jedenfalls fand ich es interessant, dir mal zu Antworten. Danke!
    😀

    Liebe Grüße
    Buchtiger (M.)

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Buchtiger, vielen dank für deinen Kommentar und deine Gedanken.
      Das Problem aus der Musik, wenn ich gelegentlich Auto fahre und Radio höre (Ja, das Radio gibt es auch noch 🙂 ) Teilweise höre ich dann zwei Minuten und schalte es dann ab, nur um die herrliche Stille ohne Musik zu genießen.
      Viele Grüße,
      NFS

      Gefällt mir

  2. Hallo Niclas,
    das ist ein interessanter Beitrag, in dem du drei Fragen (mindestens!) behandelst:
    Adjektive: Es gibt so viele nichtssagende, abgenutzte Adjektive, auf die ein literarischer Text verzichten sollte, egal ob in der Lyrik oder Prosa. Aber es gibt auch die neuen, wortschöpferisch entstandenen, die die Aussage bereichern – und auf solche zu verzichten, fände ich schade.
    Hier schließt die Frage nach lyrischer Verknappung im Roman an: Hier kann ich nur auf Herta Müller verweisen, die es grandios schafft, in Romanen lyrischen Ton zu verwenden, ohne dass die Spannung darunter leidet. Sogar brutale Gewalt zeigt sie sprachlich kunstvoll, ohne sie dadurch zu verharmlosen, im Gegenteil. Kennst du ihre „Atemschaukel“? Finde ich ganz groß!
    Mich freut, dass du dir solche Gedanken machst – und dass du Radio hörst 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s