Chinesische Geschichten

Salve! Nach langer Zeit wieder ein Eintrag von mir. Hier ist eine Erzählung, die ich während meiner Reise durch China während einer Fahrt über den Yangtze geschrieben habe. Viel Spaß!

Der Mangobaum

Eine junge Frau kam aus gutem Hause. Sie war hübsch, ihre haselnussbraunen Augen, ihr honiggoldenes Haar luden zum Verlieben ein. Eine hervorragende Schule hatte sie besucht, wertvolle Kontakte geknüpft. Sie war dazu bestimmt, Erfolg zu haben. Wenn sie lachte, drehte sich jeder Junge nach ihr um. Wenn sie jemandem begegnete, senkte dieser demütig den Blick, ohne recht zu wissen, wieso er sich diesem fremden Mädchen unterwarf. Das Mädchen liebte das Leben, liebte den Genuss. Keinen Tag schien sie zu altern. Man schickte sie auf eine teure Universität, wo Granatapfel rot und reife Mangos gelb in den weitläufigen Parks leuchteten und die Gelehrten aus aller Herren Ländern kamen, um die Eifrigen zu unterweisen. Das Mädchen genoss die herrliche Zeit. Als eine der ersten fuhr sie ein eigenes Auto. Sie war beliebt, besuchte viele Feiern, verführte unbewusst, tötete Herzen. Ihre Aura war noch stärker geworden, als würde sie von einer goldenen Wolke umschwebt. Nie hätte sie sich jemandem hingegeben. Niemand konnte ihren Namen nicht wissen. Während die Zeit voranschritt und die Menschen um sie immer gebeugter gingen, alterten, sich in staubigen Bücherhallen verkrochen, nur um gelegentlich Tagesluft zu schnuppern, war sie schöner denn je. Sie schien mit jedem verstrichenen Jahr anmutiger zu werden. Ihre spritzige Jugendlichkeit wandelte sich zu einer echten Schönheit, die jedem den Atem raubte. Sie lebte in einer wunderbaren Blase, sah nur das, was sie zu sehen gedachte, hörte nur Lob. Menschen bettelten um ihre Aufmerksamkeit, warfen sich in später Nacht vor ihrem Fenster nieder, mit teuren Geschenken, die sie zur Armut verdammten. Sie hörte nicht die Rufe der Verzweifelten. Sie lockte stets nur, gab aber nie zurück. Für sie war es ein Spiel, ein umwickeln, bis das Opfer vor lauter Glück erdrosselt war. Im blitzenden Licht der heißen Nächte wirbelte sie über Tanzflächen, strahlte und lachte, warf keck ihre Haare zurück. Nie war ein Mädchen so geliebt worden, nie waren mehr enttäuscht worden. Doch so sehr sie zeitlos war, die Jahre gingen ins Land. Diejenigen, die sie jahrelang verzaubert hatte, wurden satt. Sie ließen sich nieder, wurden Anwälte, Beamte, Angestellte und dachten nicht mehr an die schöne Frau, die sie einst geliebt hatten. Sie bauten sich Existenzen auf, errichteten symmetrische Häuser, heirateten, bekamen Kinder. Es gab einen Jungen, dem das Mädchen je Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Er war schüchtern. Gutaussehend war er, ein wenig jünger als sie. Gerne schrieb er Gedichte an das Mädchen, die er nicht abschickte, sondern in einer Kommode aufbewahrte und in einsamen Stunden still für sich las. Er wusste, dass er sie nicht küssen dürfte. Er musste sie in Ruhe lassen. Er träumte davon, durch ihre Haare zu streichen, mit ihr gemeinsam dem Rauschen den Brandung zu lauschen und für immer mit ihr zusammen sein. Er seufzte immerzu bei diesem Gedanken, denn er war unerreichbar. Es war eines warmen Sommerabends, wenige Wochen vor dem Ende der legendären, mittlerweile zum Mythos gewordenen Zeit an der Universität. Der Junge war auf dem Weg zur Bibliothek. Er streifte alleine durch die leeren, verlassenen Parks des Campus. Wind ließ die Blätter der Bäume tanzen. Er hörte Schritte vor ihm. Fahles Mondlicht fiel durch die Spalten zwischen den Gebäuden und erleuchtete den Mangobaum, der an einer Weggabelung stand. Es war das Mädchen. Er hob seinen Blick. Sie kam auf ihn zu, doch erkannte ihn zunächst nicht. Als sie nahe genug war, erkannte auch sie, dass sie nicht alleine war. Sie fror und sah das gütige Gesicht des Jungen, das sie warm anlächelte. Eine pulsierendes Gefühl umfing sie. Sie kam ganz nahe an ihn heran und stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Ihre roten Lippen, die wie eine frisch gebrochene Feige schimmerten, berührten seine Zitternden. Sein Körper versteifte sich, leistete zunächst Widerstand, doch er wich nicht zurück. Eine stechende Hitze fuhr in seinen Körper. Sie wichen langsam voneinander, Finger um Finger lösten sie sich. Sie sah in seine dunklen, traurigen Augen. Noch nie hatte sie solche glänzenden, bernsteinfarbenen Augen gesehen. Sie dachte, sie würde in sie hineingezogen, würde sich darin verlieren. Dahinter verbarg sich etwas Leuchtendes. Sie spürte, wie die schützende Schale, die sich seit jeher umgeben hatte, brüchig wurde. Etwas fühlte sie für diesen Jungen, der jünger war als sie selbst und den sie noch nie wirklich wahrgenommen hatte. Sie kannte ihn. Oft war sie ihm hier und da begegnet. Sie hatte ihm nicht viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als irgendjemandem sonst. Irgendetwas hatte sie an jenem Juniabend zusammengeführt, das sie für immer verbinden und für ihr ganzes Leben trennen sollte. Er stammelte, rang nach Worten, doch sie rannte davon und verschwand in der Nacht. Den Jungen sollte dieser Kuss nie loslassen. Er warf alle Pläne über Bord, die er je für sein Leben gefasst hatte. Er beendete sein Studium schnell, packte einen kleinen Rucksack und verließ das Land. Noch immer trug er das Bild des wunderschönen Mädchens mit sich, das er gezeichnet hatte. Er reiste nach Tibet, in das bergige Land. Er lebte in Armut, bettelte, schlug sich durch, immer am Rand des Kollaps. Tagelang aß er nicht und trank nur das Wasser, das ihm eiskalt aus dem Gebirge entgegen strömte. Er genoss sein eigenes Leiden, es stärkte ihn, machte seinen Geist zur uneinnehmbaren Festung. Die Welt rief nach ihm, wollte, dass er endlich zurückkehrte und sich in ihre Arme begab, doch er wollte nicht, konnte nicht. Er wusste, was ihn dort erwartete. Seine wenigen Besitzungen umfassten Dinge, die er nicht entbehren konnte. Ein grober Wanderstock, sein verschlissener Rucksack, den er seit Jahren mit sich trug, ein Mantel aus grober Wolle, eine Mütze und das alte Bild des Mädchens, das er wie einen goldenen Schatz in einer Lederrolle hütete. Einer seiner Zehen war abgestorben und tot. Die Kälte machte ihm nichts mehr aus. Er war befreit. Er war glücklich.

Das Mädchen erlebte einen Aufstieg, der ihr schon von Geburt an bestimmt war. Sie kam auf die großen Zeitschriften und Magazine des Landes, lächelte wie nur sie es vermochte und wurde das Juwel ihres Landes. Sie trat im Fernsehen auf. Es gab niemanden, der ihren Namen nicht kannte. Sie folgte einem unsichtbaren Faden, der sie durchs Leben zog, vorbei an den Widrigkeiten der Menschen, die sie verzauberte. Noch immer fühlte sie nichts in sich selbst. Doch dieses Gefühl wurde schlimmer. Es verschlang sie, fraß ihr Selbst auf und hinterließ nur ein ängstliches Ich. Sie heiratete einen guten Mann, er war ebenso reich wie sie, gutaussehend und besaß ein Haus an der Küste. Sie versuchte ihn zu lieben, bis sie innerlich tot war. Vorbei war ihre Freiheit, vorbei war ihre Unzerstörbarkeit. Sie sah ihre Kinder reifen, über die sie weniger wusste, als die Zeitungen, die über sie berichteten. Sie hatte nicht einmal ein Drittel ihres Leben hinter sich und war doch schon so nahe am kalten Hauch des Todes. Und es war ein schicksalshafter Tag, dass sie mit ihrer Familie an der Uferpromenade der großen Stadt spazierte, da landete ein großer Schiff an. Der Junge war gealtert, war zum Mann gereift, einen unordentlichen Bart trug er, immer noch den gleichen Rucksack auf dem geschundenen Rücken. Lange Jahre hatte er von denen gelernt, die mehr über das Leben wussten, als die, die es studierten. Eine undefinierbares Lächeln lag immerzu auf seinen wettergegerbten Zügen. Er wusste, was es hieß, zu wissen. Er hatte gefunden. Er verließ das Schiff, das ihn von weit her gebracht hatte. Er betrat die Promenade und sah auf die Stadt. Hierher hatte er zurückkehren wollen. Jeden Menschen erreicht an einem Punkt in Leben das Gefühl, nach Hause zu müssen, seine Liebsten wiederzusehen, die man verlassen hat, um selbst sein Glück zu suchen. Das Lächeln auf den Gesichtern, die einen überglücklich in die Arme schließen und Erinnerungen aufwallen, an eine glückliche und doch einsame Kindheit. Momente wie diese sind selten, sie kennzeichnen den Anfang, die Wende und das Ende, wenn das helle Licht des Lebens erlischt. Süße Tränen liefen die Wangen des Jungen hinunter. Und dann sah er das Mädchen mit ihrer Familie. Sie war die gleiche geblieben. Sie war immer noch wunderschön. Doch ein dunkler Schatten lag auf ihren Zügen. Er hatte sie viele Jahre nicht gesehen. Unbewusst griff er nach seinem Rucksack und zog die Rolle heraus, in der sich das Bild des Mädchens vor der Witterung verbarg. Er rollte es auf und lächelte. Er ging auf das Mädchen zu. Ihr Mann sah den Jungen misstrauisch an. Er hatte kein Verständnis für diejenigen, die das Leben verstehen, statt ausleben wollten. Der Junge streckte dem Mädchen das Porträt hin. Es hatte seinen Zweck erfüllt. Sie sah auf die vernarbten Hände des Jungen und nahm zögerlich das Bild und sah es an. Sie musste schluchzen, weinte aus vollem Herzen. Das Gift, das sich in ihr gesammelt hatte, floss heraus und reinigte sie. Das Mädchen verstand und begriff. Sie konnte wieder lachen. Aber sie wusste, was sie den Menschen angetan hatte. Sie hatten ihnen unendliche Enttäuschung gebracht, Herzen gebrochen. »Es gehört dir.«, sagte der Junge milde. »Danke.«, erwiderte das Mädchen. Ein Windstoß zog heran und wusch ihr Bildnis von dem rissigen Papier. Die Sonne versank in den Fluten des Meeres. Der Junge drehte sich ab und hob weise lächelnd die Hand zum Abschied. Zögerlich tat sie es ihm gleich. Ihre Blicke trafen sich. Liebe, Verzweiflung, Hoffnung, Enttäuschung, alles lag in ihren Blicken. Ein unsichtbares Band zwischen ihnen hatten sie gesponnen, in jener Nacht zwischen den Mangobäumen. Die Macht der Gefühle trieb sie erneut auseinander. Der Junge ging schweigend davon. Niemand verstand, was passiert war. Niemand verstand, was passieren würde. Das Mädchen stand noch lange an der Stelle, umgeben von Menschen, die sie verwundert ansahen. Doch sie lachte, zum ersten Mal seit Jahren konnte sie wieder lachen. Nie wieder würde sie den Jungen sehen. Noch Jahre danach kam sie zu dem Ort, an dem er ihr das wunderschöne Porträt gezeigt hatte. Er hatte Kunst verstanden, die höher war als sie beide. In ihrem duftenden Garten pflanzte sie einen kleinen Mangobaum, den sie wachsen und die Zeit verstreichen sah. Ihre Haare wurden grau, Falten runzelten sich auf ihrer Stirn und sie war glücklich darüber. Der Baum gedieh prächtig und schenkte dem Mädchen schattige Plätze in den Abendstunden, in denen sie mit ihren lachenden Kindern spielte und der Baum weise auf sie hinabschaute. Saftige Früchte trug er im Sommer. Sämtliche Witterungen überlebte er. Unter dem Baum wurde sie begraben. Der Baum stand länger als viele Menschenleben, der kleine, schöne Mangobaum.

Niclas Frederic Sturm, 2016

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