Das leere Haus am Ende der Straße I

Es gibt Dinge im Leben, die derart furchtbar sind, dass man alles gibt, sie zu vergessen. Über Jahre verdrängt man sie ins Unterbewusstsein, in diesen dunklen, unzugänglichen Bereich, der mehr Macht über uns Menschen hat, als wir uns je vorstellen könnten. Das Verdrängte brodelt in uns, heizt sich auf und wartet auf den richtigen Moment, um wieder aus den Untiefen unseres Bewusstseins zu springen.

Dieser Moment wird irgendwann kommen. Bei jedem von uns. Bei manchen passiert es früher, bei manchen, wenn sie schon älter sind, vielleicht Familie haben. Einigen bemitleidenswerten wird dieser Schock auf dem Sterbebett zuteil. Warum erzähle ich diese Geschichte? Es ist nicht meine. Und obwohl ich sie nicht selbst erlebt habe, fühle ich mich jedes Mal, wenn ich sie höre – gerade auch wie ich sie niederschreiben – als hätte ich sie selbst erlebt, das Grauen jener sturmumtosten Nacht mit eigenen Augen gesehen und meine Angst gerochen. Ich selbst komme von der sonnigen Westküste und auch wenn es dort zahlreiche Geheimnisse und Mysterien gibt, gibt es im Osten des Landes, den ausgedehnten Küstenstrichen, die an den Atlantik grenzen, Dinge, die unaussprechlich sind. Dies ist eine Geschichte, die mir mein guter Freund James Howard hat zukommen lassen. Er selbst ist nach Europa ausgewandert und arbeitet in London bei einer großen Tageszeitung. Zurückgelassen hat er nur die Geschichte, die ich im folgenden erzählen werde. Nachfolgend eine Sammlung von Briefen und Tagebucheinträgen, die ich an mich adressiert in meinem Briefkasten fand.

Neu England, 20. Oktober 1924

Die Vereinigten Staaten sehen sich oft als das modernste Land der Welt. Unser Staatsoberhaupt ist kein König, kein Diktator, sondern ein vom Volk gewählter Präsident, der die Interessen aller Amerikaner vertritt. Der Kongress beschließt Gesetze, die die Nation voran bringen. Elektrizität erhellt die Straßen, Autos bevölkern sie. Flugmaschinen schweben durch den Himmel. Und doch gibt es Regionen des Landes, in denen der Fortschrittsgedanke nicht ganz angekommen ist und auch nie ankommen wird. Regionen, in denen dichte Wälder mystisch sprechen, Flüsse durch uralte Täler fließen und Küsten von seltsamen Nebeln heimgesucht werden. Regionen wie das kleine Dorf wie Berkeley. Das verlassene Dorf war meine Heimat und liegt etwa zwei Stunden von Portland im Bundesstaat Maine entfernt. Damals war es noch von kaum vierhundert Menschen bewohnt, doch im Laufe der Jahre verließen mehr und mehr Bewohner den Ort, bis er schließlich ausstarb und aufgegeben wurde. Bevor ich Amerika verließ, besuchte ich ein letztes Mal meinen Geburtsort. Viele Häuser sind zerfallen und ihre Bewohner vergessen. Die wenigen Bewohner erinnern sich nicht mehr an frühere Glanzzeiten, sie haben das Erinnern aufgegeben. Seit Jahrzehnten ist in Berkeley kein Kind mehr geboren worden. Einen Ort in Berkeley besuchte ich jedoch nicht. Es war das schon in meiner Kindheit leerstehende Haus am Ende der zentralen Straße. Niemand wusste, wer es gebaut hatte und wieso. Jeder hatte Angst davor. Mein Vater – ein ehrbarer und vernünftiger Mann – warnte mich stets vor dem Haus. Doch wenn ich weitere Fragen stellte, wechselte er das Thema. Sein Blick war dabei angsterfüllt. In diesen Momenten erlebte ich ihn als gebrochenen Mann. Jedes Jahr am 15. November galt eine Parole: »Öffne nicht, wenn es klopft. Egal, welche Stimme zu hören ist, öffnet nicht die Türen!« Kindern und Jugendlichen war es verboten, nachts in die Nähe des Hauses zu gehen. Wer dabei erwischt wurde, wurde drakonisch bestraft, andere hatten nicht das Glück einer Strafe…sie verschwanden spurlos und wurden nie wieder gesehen. Viele Eltern verloren ihre Söhne und Töchter an das finstere Haus, dessen Fenster bei Nacht im Mondlicht wie eine dämonische Fratze glänzten. Jeden Abend verschlossen die Bewohner ihre Türen. Die Väter versteckten die Schlüssel. In Berkeley gab es keine Straßenbeleuchtung. In mondlosen Nächten herrschte die Dunkelheit. Ohnehin hatte ich auch als Kind immer das Gefühl, der Ort sei von der Welt vergessen. Das Haus meiner Eltern hatte ein Dachfenster, das in Richtung des Hauses schaute. Ich wusste, dass meine Eltern niemals etwas davon erfahren durften. Doch schon als Kind zog es mich jede Nacht an das Fenster. Das Haus schien mich auf magische Weise anzuziehen. Ich wusste nicht, dass dies jedem so ging. Im Jahr gab es einen Tag, an dem niemand die Häuser verlassen durfte. Offiziell wegen Flutgefahr, aber diese Lüge durchschaute ich schnell – es ging um etwas anderes: einen tiefsitzenden, unauslöschlichen Aberglauben, dass eine Sache, ein Haus böse sein könnte, dass es für den Niedergang des Dorfes verantwortlich war. Der Tag, von dem ich sprach, war der 15. November, ein Datum, das wie wenige andere für Regen, Nebel und scharfen Wind stand. Jahre nachdem ich meinen Geburtsort verlassen und an der Ostküste studiert hatte, erwachte in mir ein letztes Mal die Sehnsucht, über die aufgerissenen Pflasterstraßen an den verfallenen Häusern vorbeizuziehen. Ich musste es einfach tun. Und ich wusste auch schon, wann ich es tun wollte.

Portland (Maine), 8. November 1924

Lieber […],

ich bestelle dir viele Grüße aus Portland. Ich weiß, dass wir uns lange nicht gesehen haben. Wie geht es dir, alter Freund? Ich höre, du hast dich verlobt. Meine Glückwünsche! Ich arbeite im Moment für die Atlantic Review. Falls du mal wieder in Boston bist, schreibe mir einen Brief. Lass uns ein wenig über alte Zeiten sprechen!

Alles Gute,

James

Berkeley, 14. November 1924

Heute kam ich in Berkeley an. Es ist fast alles so, wie ich es noch in Erinnerung habe. Die kleine Kirche im Ortskern, die Reih an Reih stehenden Häuser, die alten Bäume auf den Gehwegen. Es ist erstaunlich, wie schnell die Natur sich das zurückholt, was einst ihr gehörte: Das Pflaster ist von Unkraut überwuchert, die Bäume teilweise umgestürzt. Die Fensterschreiben der Häuser sind blind. Meinen Automobil musste ich fast eine halbe Meile vor dem Ort abstellen; die Straße hätte es wahrscheinlich auseinanderbrechen lassen. Das Haus meiner Eltern stand noch dort, wo sie es vor fast fünfzehn Jahren verlassen hatten. Die Eingangstür war morsch und sie ließ sich leicht aufdrücken. Es war gespenstisch. Nicht ein Möbelstück fehlte. Irgendetwas hatte Plünderer abgehalten. Dafür hatte sich eine modrige Luft festgesetzt. In den Ecken der Räume starrten Staub und Schimmel. Die Feuchtigkeit des nahen Atlantiks hatte dem Haus ordentlich zugesetzt. Berkeley hatte nur sehr wenige Sonnenstunden im Jahr (vermutlich die wenigsten in den gesamten Vereinigten Staaten) und ebenso düster war es in dem Haus. Ich entzündete einen Bund Kerzen, den ich mitgenommen hatte. Das warme Licht ließ die Räume gleich viel wohnlicher wirken. Es war Nacht geworden. Kalter Wind zog auf und heulte durch die vielen Schlitze und Spalten des Hauses. Es war die Nacht auf den fünfzehnten Oktober. Ich ging in das obere Geschoss des Hauses und legte mich ins Bett. Mit einem halben Dutzend Wolldecken versuchte ich, die stechende Kälte zu vertreiben, die meinen Körper heimsuchte. Mir war, als würde die ganze Gegend versuchen, mich zum Gehen zu bewegen. Ständig das Schlagen von Ästen an die blinden Fenster, das fiese Zischen des Windes, die unheimlichen Schattenspiele an der gegenüberliegenden Wand. Dielen knackten überall. Lange Zeit vermochte ich es nicht, einzuschlafen. Vor meinen Augen tanzten Schatten, die mich auslachten. Ich war mir sicher, ich war nicht alleine in dem Haus. Immer wieder hörte ich leise Schritte, ein hohes, diabolisches Kichern, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Plötzlich war ich mir nicht mehr so sicher, ob diese Reise eine so gute Idee gewesen war. Ein tiefes Brummen, das immer stärker wurde, ließ den Raum erbeben. Ein Erdbeben, war mein erster Gedanke. Ich sprang aus dem Bett, doch als ich wieder auf den Füßen landete, hatte das Brummen aufgehört und alles war wieder normal. Verwundert legte ich mich wieder schlafen. Ein Gefühl in mir – ich vermute eine Art animalischer Instinkt – fürchtete sich vor dem nächsten Tag.

Berkeley, 15. November 1924

Ich wachte heute morgen mit einem furchtbaren Gefühl auf. Ein Gefühl, dass ich ersticken würde. Meine Kehle war wie zugeschnürt und ich schnappte hilflos nach Luft. Meine Sicht war vernebelt. Als ich zu vollem Bewusstsein kam, merkte ich, dass ein Fenster im Schlafzimmer geöffnet war und ein weißlicher Nebel dadurch in den Raum drang. Ich eilte hinüber und schloss keuchend das Fenster. Sofort verzog sich der Nebel wieder. Obwohl ich mir sicher war, dass alle Fenster im Haus gestern noch verschlossen gewesen waren, hatte dieses sperrangelweit offen gestanden. Heute war der 15. November und wie es sich für jeden rational denkenden Geist – zu denen ich auch mich zähle – gehört, galt es, dem Geheimnis des Hauses am Ende der Straße auf den Grund zu gehen. Ich verließ das Haus mit einer Taschenlampe, Streichhölzern und Kerzen. Mich selbst hatte ich in einen dicken, gefütterten Mantel gehüllt, der mich gegen die nasse Kälte abschirmen sollte. In meiner Manteltasche verbarg ich zudem eine Pistole mit silbernen Patronen, die mir mein Vater vermacht hatte. Es stellte sich als große Herausforderung heraus, durch den Nebel zu navigieren. Ständig drangen fremdartige Triller- und Ruflaute an mich heran, die von Vögeln zu stammen schienen. Ich fühlte mich verfolgt. Einige Male meinte ich, einen Schatten hinter mir im Nebel zu erkennen. Ich fuhr jedes Mal herum, doch sah ich nur noch, wie ein schemenhaftes Wesen im Nebel verschwand. Mit zittrigen Knien ging ich vorwärts. Da die Straße relativ kurz war und ich wusste, dass das Pflaster wenige Meter vor der Außenmauer des mysteriösen Hauses aufhörte, fand ich es schließlich. Der Nebel hier war lichter und ich konnte deutlich die Silhouetten des Hauses erkennen, dessen Ursprung mir und jedem anderen, der hier einmal gewohnt hatte, ein Rätsel war. Vorsichtig schob ich das quietschende Eingangstor auf. Der kreischende Laut war das einzige Geräusch weit und breit neben meinen Schritten und Atem. Der einst schöne Garten war verwildert und die überwachsenen Statuen nahmen groteske Züge an. Ihre erkalteten Augen schienen mich zu beobachten. Die hölzerne Pforte war nicht verschlossen, doch hatte ich erhebliche Mühe, die eingerosteten Scharniere zu bewegen. Die hoch aufragende Fassade aus altem Holz starrte auf mich hinab. Als ich eintrat, zückte ich meine Pistole und hielt sich vor mich gestreckt. Ich war überrascht: der Raum war leer. Zwielicht hing über dem Raum und ich musste meine Augen zusammenkneifen, um die Umrisse der alten Möbel, des in die Wand eingelassenen Kamins und der wunderschön ornamentierten Balustrade überhaupt zu erkennen. Ich ging einige Schritte weiter in den Raum hinein. Es war still. Die Nebelschwaden, die in den Straßen lagen, drangen nicht bis in das Haus, sondern machten aus einem unerfindlichen Grund Halt vor den Grundstücksgrenzen. Verwundert bestaunte ich das Innere des Hauses. Obwohl dieser Ort Ausgangspunkt so vieler Ängste war, schien es harmlos, geradezu friedlich. Und doch lag eine seltsame Spannung in der Luft, die mich lähmte und meine Arme schwer werden ließ. Ich senkte die Pistole. Als ich die Mitte der Halle erreicht hatte, hörte ich plötzlich ein Knallen. Ich fuhr herum: Das Eingangsportal war ins Schloss gefallen. Die Einsicht fliehen zu müssen, kam zu spät. Das Licht meiner Taschenlampe wurde immer schwächer und das Restlicht, dass durch die Fenster fiel, immer schummriger. Ein rötlicher Schein erhob sich an den Stellen, wo immer noch Licht war. Mein Magen verkrampfte sich. Ich ahnte, wusste jedoch nicht mit Bestimmtheit, was hier passierte. Wie angefroren verharrte ich und sah das Grauen, das sich vor meinen Augen ereignete. Der Raum wurde in vollkommene Dunkelheit gehüllt. Ich hasste die Dunkelheit. Ich hasste sie so sehr, dass ich seit frühester Kindheit nicht ohne Licht schlafen konnte. Nachts einsam durch die Straßen von Boston zu laufen, während groteske Figuren als Schatten an den Häuserwänden tanzten, ließ eine Furcht in mir erwachen, die ich selbst mit allem Verstand nicht bändigen konnte. Meine Kehle wurde zusammengeschnürt; ich konnte nicht mehr atmen. Meine Finger verkrampften. Das Licht meiner Taschenlampe erlosch plötzlich, ohne dass ich sie selbst ausschaltete. Mit einem Mal war die Halle in eine pechschwarze Dunkelheit getaucht. Das einzige, was ich hörte, war mein unruhiger Atem und das Rasen meines Herzens. Ich war verloren. Mein Orientierungssinn hörte auf zu existieren. Ich drehte mich um, doch dort war nichts, nur eine schwarze Masse, die mich vollständig umgab. Wo war der Ausgang? Ich vernahm eine Stimme, die in hoher Stimmlage kicherte. Sie schien aus allen Richtungen zu kommen. Wie das Lachen eines irren Clowns hallte das Gelächter in meinen Ohren. Fliehen, fliehen, nur dies eine wollte ich! Meine Ohren hörten Dinge, die nicht existierten, nahmen Schritte war, wo keine waren, keine sein durften. Um mich herum war nichts als reinste, undurchdringliche Dunkelheit. Ich lief im Raum umher und suchte verzweifelt nach dem Ausgang. Der Raum hatte jegliche Dimensionen verloren. Wände tauchten dort auf, wo keine sein dürften. Ich stieß mir heftig den Kopf und eine warme Flüssigkeit troff mir ins Auge, bis ich Metall schmeckte. »Suchst du den Ausgang?«, hörte ich plötzlich die Stimme, als stünde sie direkt neben mir. Ich erstarrte und drehte mich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, spürte jedoch nur einen kalten Windzug. Ich war nicht alleine in der dunklen Halle. Ich nahm war, wie etwas an meinem Kragen zerrte, mich herumstieß und mich dabei auslachte. Ein weiterer Stoß warf mich zu Boden. Mit einem dumpfen Knall schlug mein Kopf auf dem Boden auf. Kurzzeitig verlor ich das Bewusstsein. Das gräßliche Gefühl, hilflos zu sein, mich nicht wehren zu können, überfiel mich. Die finstere Macht, die in diesem Haus wohnte, hielt mich gefangen, angekettet an meine eigene Angst. Nur mit Hilfe meiner Willenskraft vermochte ich es, mich aufzureißen und blindlings in eine Richtung zu rennen. Ich war heilfroh, als ich endlich das Portal fand, unsicher und hastig sie entriegelnd, nach draußen stürmen konnte, wo mich der Nebel mit nassen Klauen in Empfang nahm. Ich hörte ein Rascheln hinter mir. Ich drehte mich gehetzt um und sah erschrocken, wie sich die zuvor noch leblosen Marmorstatuen von ihren Sockeln lösten und auf mich zu kamen. Nur wenige Meter von mir entfernt, lag das Tor, doch es schien meilenweit von mir entfernt zu sein.

Fortsetzung folgt…

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