Das leere Haus am Ende der Straße II

15. November

Dunkelheit…Der November ist der finsterste Monat des Jahres. Hinfort sind die warmen Sommerabende, in denen die Sonne bis in den Abend hinein am Himmel stand. Der November ist kalt, nass und düster. Der 15. November ist ein besonderer Tag. Ein Tag, um sich seinen eigenen Ängsten zu stellen…

Fortsetzung

Ich stellte mir vor, wie die Statuen mich in ihren steinerne Armen zerquetschen würden. Der Schmerz und das Bewusstsein, dass das Ende meines Lebens bevorstand, waren die Gefühl und Ängste, die mir durch den Kopf rasten. Ich passierte das Tor und schlug es so heftig hinter mir zu, wie nur irgend möglich. Unter Aufbietung aller meiner Kräfte sprintete ich die Hauptstraße hinunter auf das Haus meiner Eltern zu. Ich schloss hastig auf, warf mich hinein und verriegelte die Tür. Aus dem Wohnzimmer schaffte ich Möbel herbei, die ich vor der Tür aufbaute. Ich ließ sämtliche Rollladen hinunter und setzte mich mit dem Rücken an eine Wand, von der ich das Erdgeschoss und die Treppe  zum ersten Stock beobachten konnte. Ich wartete. Das verschwitzte Haar klebte an meiner Stirn und ich atmete schnell. Eine plötzliche Müdigkeit, wohl bedingt durch die Erschöpfung der letzten Stunden, überfiel mich heimtückisch und ich konnte dem Drang, meine Augen zu schließen, nicht länger widerstehen. Ich kämpfte mit mir, wusste, dass der Schlaf mein Ende bedeuten könnte. Doch eine sanfte, fremde Stimme in meinem Kopf flüsterte mir süße Worte ein. Ich sank ab in eine Welt des Traumes. Vor meinem inneren Auge hörte ich das Klopfen an der Fronttür, wie ich es jedes Jahr zum 15. November hören konnte. Neugierde hatte stets den merkwürdigen Besuch begleitet. Nie hatten meine Eltern geöffnet. Sie hatten mich immer in meinem Zimmer ein- und die Fenster fest verschlossen. Oft hatte ich an meiner Zimmertür gelauscht. Und am heutigen Tag verstehe ich, was ich hörte: Das Schreien meines Vaters und das leise Schluchzen meiner Mutter. Dabei hatte ich meine Eltern stets als stark und unabhängig erlebt. Doch jedes Jahr an diesem Tag setzte sich eine giftige Angst in ihre Herzen: Eine schreckliche Erkenntnis überfiel mich. Sie hatten die Tür geöffnet und etwas in das Haus gelassen. Etwas Furchtbares, Grausames, das sie peinigte. Und sie hatten mich nur beschützen wollen. Beschützen wollen, vor dem Grauen, das jedes Jahr am 15. November auf die Straßen ging und nacheinander an jeder Haustür klopfte. Unterdrückte Erinnerungen drängten an die Oberfläche. Ein schrecklicher Tausch hatte stattgefunden. Die Familie wurde ein Jahr verschont, doch für diesen einen Tag mussten die Älteren ihre eigenen Ängste erleben. Immer und immer wieder. Ich schlug die Augen auf. Ich vernahm ein lauter werdendes Zischen. Eine Gestalt aus Staub und Nebel manifestierte sich vor mir und umwaberte mich. Eine Stimme begann zu sprechen: »Ganz richtig erkannt. Und dieses Jahr bist du endlich dran. Hast du einen Vertreter? Oder möchtest du den ganzen Spaß haben?« Die Stimme lachte. Ich sprang auf. Hier hielt ich es nicht mehr aus. Ich schoss in den Nebel, ich schoss wild um mich, bis das Magazin leer war. Ich rannte zur Tür, rüttelte am Türknauf. Ich ließ alles zurück, was sich im Haus befand. Von einer tief sitzenden, urtümlichen Angst getrieben, rannte ich durch die leeren Straßen aus dem Dorf hinaus. Meine Lungen brannten, meine Augen tränten und ich wagte es nicht, mich umzudrehen. Ich wollte nur noch die Straße erreichen. Ich musste fort. Nie wieder wollte ich wiederkehren, nie mehr würde ich wiederkehren. Irgendwo erkannte ich die Umrisse meines im Seitengraben geparkten Wagens. Erleichtert holte ich noch einmal tief Luft und sprintete dem Automobil entgegen. Der Boden war glitschig und ich fürchtete, zu stürzen und dem in die Klauen zu fallen, was da kichernd hinter mir herjagte. Ich schloss die Tür auf, warf den Motor an und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Im Rückspiegel sah ich eine Nebelfront, die sich immer noch auf mich zubewegte. Ich trat auf das Gaspedal, doch ich konnte keine Distanz zwischen mich und dem Fremden bringen. Stattdessen holte es auf und begann, den Wagen zu schütteln und mir die Sicht zu versperren. Ich sah nicht, wohin ich fuhr. Urplötzlich tauchte vor mir ein Baum auf. Mein Schrei wurde vom lauten Knall übertönt. Der Aufprall raubte mir alle Sinne. Mein Kopf knallte wohl auf das Lenkrad. Danach war schwarz.

18. November 1924:

Werter Freund,

dies ist wohl der letzte Brief, den ich dir vorerst schreiben werde. Vor wenigen Tagen – auf der Flucht aus Berkeley – baute ich einen schrecklichen Unfall. Der Arzt sagte, ich könne von Glück reden, wenn ich dir sage, dass ich überlebt habe und dir nun diesen Brief schicken kann. Eine Erkenntnis, eine Wichtige, gewann ich durch meine Reise: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die nicht zu ergründen sind, deren Boshaftigkeit und Grausamkeit durch nichts zu erklären ist. Am besten lässt man die Finger von diesen Mächten, denn sie sind immer stärker als der beste und gute Wille. Sobald ich wieder einigermaßen genesen sein werde, werde ich den Atlantic Review bitten, mir eine Korrespondentenstelle in Europa zu geben, fern von Berkeley. Ob du mir die Geschichte, die ich dir erzählt habe, glaubst, musst du selbst entscheiden. Doch ich kann dir versichern, dass aus Furcht Wahrheit spricht. Ich grüße dich von Krankenbett.

Dein James Howard

P.S. Anbei findest du ein merkwürdiges Amulett, dass ich aus dem leeren Haus am Ende der Straße habe mitgehen lassen. Vielleicht kennst du jemanden, der sich mit solcher Kunst auskennt.

Anmerkung des Erzählers: Als mir James Brief zuging, war tatsächlich ein Amulett beigefügt, das in der Tat zu Denken gab. Es zeigte einen Dämonenkopf aus Silber, dessen Augen mit roten Rubinen besetzt waren. Ich folgte James rat jedoch nicht. Ich warf das Ding ins Meer. Manche Geheimnisse sollten für ewig ruhen und vergessen werden. Doch für wenige von uns heißt es nun, sich ewig zu erinnern, dass am 15. November etwas klingeln kann und das es Eintritt verlangt. Öffne nicht.

Niclas Frederic Sturm – 2016

2 Kommentare zu „Das leere Haus am Ende der Straße II

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