Gebrochene Flügel – Kurzgeschichte

Gebrochene Flügel:

Es war Freitag. Doch eigentlich wusste er dies selbst nicht genau. Es könnte genauso gut Mittwoch sein. Oder Montag. Jeder Tag glich dem Vorherigen und jeder zukünftige würde genauso sein wie alle Tage davor. Etwas anderes schien für ihn nicht denkbar. Er schleppte sich von Tag zu Tag, Woche zu Woche, Jahr zu Jahr. Vor ihm lag nichts mehr. Es war, als wäre er an einem Punkt angelangt, ab dem sich das Leben nur noch wiederholte. Vielleicht tat es das auch. War dies die wichtigste Erkenntnis des Menschen? Aber warum musste das Leben ihn weiter quälen, ihn mit Leuten umgeben, die so austauschbar waren, dass ihre Namen ihm bloß als leeres Echo in Erinnerung blieben? Warum gab sich jeder mit dem vermeintlich Erreichten zufrieden, wurde träge und voller falschem Stolz? Er wusste es nicht. Dabei dachte er selbst einmal, dass dieses Leben das sei, das für ihn bestimmt sei. Dass dieses Leben das Ziel seiner Träume sei. Arbeiten, die Liebe für das Leben kennenlernen, heiraten und Kinder großziehen. Aber er war nicht glücklich. Nicht einmal er selbst wusste, woran es ihm fehlte. Er hatte das erreicht, was man von ihm verlangt hatte. Ohne Zweifel beneideten ihn viele. Aber was andere über ihn dachten, war ihm über die Zeit gleichgültig geworden. Er hatte Ziele verloren, alte Freunde waren verschwunden, sein altes Leben war vergessen. Er hatte sich immer vorgenommen, die Grenzen seines Horizonts erkunden zu wollen. Ein Leben zu leben, dass aufregend sein solle. Doch ist er im Sumpf seiner Träume stecken geblieben, eingesunken in die trübe Nässe eines durchschnittlichen Lebens. Was hatte er sich nicht alles vorgenommen? Wie oft wurde er stattdessen enttäuscht? Zu oft.

Arthur Blake saß in seinem Wagen und starrte geradeaus auf die Fahrbahn. Es war fünf Uhr abends. Die Nacht warf langsam ihr schwarzes Netz aus. Schneeflocken fielen vom Himmel, der mit dichten schwarzen, Wolken durchzogen war. Das Jahr näherte sich seinem Ende. Arthur seufzte. Er war auf dem Weg nach Hause. Gerade bog er in die Straße des Vororts ein, in dem er wohnte. Die immer gleichen Häuser in unterschiedlichen Farben, hell erleuchtet im hereinbrechenden Dunkel des Abends. Laternen beschienen die schneebedeckten Bäume in den Vorgärten. Es war erstaunlich still. Hier und da vernahm er leise Musik aus einem der Häuser, vielleicht auch verhaltenes Gelächter. Niemand sonst war mehr auf den Straßen. Eigentlich wollte er wieder umdrehen und verschwinden. Sein Haus war ihm nicht mehr als ein modriges Mausoleum, in dem er bis zum Ende seines Lebens bleiben sollte, um irgendwann, alleingelassen und vereinsamt, zu sterben. Bei diesem Gedanken erschauderte es ihn und er drehte das Radio an, um sich abzulenken. Nachrichten. Irgendwo sei ein Erdbeben gewesen. Börsenkurse rauf. Vertrauen runter. Er schaltete es wieder ab. Er fuhr bis zum Ende der Straße und bog nach links ab. Sein Haus befand sich zur Linken. Hinter einem Fenster brannte Licht. Ansonsten war alles dunkel, so still wie alles herum. Arthur stieg aus und nahm seinen Mantel vom Rücksitz. Der Schnee knirschte unangenehm laut, als er den kurzen Weg zur Haustür zurücklegte und den Schlüssel im Schloss umdrehte. Der Flur war dunkel. Von oben hörte er gedämpft einen Fernseher laufen. Er hing seinen Mantel an die Garderobe und strich ihn glatt. Er sah sich im Spiegel an. Die ersten grauen Strähnen durchzogen seine Haare, seine Augen waren müde und eingefallen. Seine linke Hand zitterte immerfort. So ging es schon seit Wochen. Er war bei keinem Arzt, er war doch noch nicht alt. Seine Ohren rauschten durch die furchtbare Stille, die im Haus herrschte. Er ging ins Wohnzimmer an die Bar und schenkte sich ein Glas Whisky ein, das er in einem Zug austrank. Arthur füllte sich nach, stand auf und ließ seinen Blick über den Garten schweifen. Er selbst wollte ihn nie, seine Frau hatte darauf bestanden. Am. Rande des Gartens lag stumm ein Teich, der in der Kälte zugefroren war. Schnee häufte sich darauf. Die kahlen Äste der nebenstehenden Bäume zitterten im Wind. Die Welt schien grau. Er sah auf die Uhr. Es war erst acht Uhr, aber ihm kam es viel später vor. Tatsächlich fühlte es sich an, als habe die Zeit aufgehört zu vergehen. Im Wohnzimmer befand sich ein alter Flügel. Arthur wollte immer schon Klavier spielen können. Nie hätte er die Zeit dafür gefunden. Er stellte sein Glas ab und setzte sich vor die Tasten. Er fing vorsichtig an zu spielen. Er wusste, dass ihm niemand zuhören würde. Die Melodien, die er anklingen ließ, waren vollkommen unharmonisch, sie taten ihm in den Ohren weh. Genau deswegen brauchte er sie jetzt. Er schlug die Tasten, als wolle er ihnen Schmerzen bereiten. Mit starrem Blick sah er hinunter auf seine Hände, die mit diesem Instrument, an dem schon sein eigener Urgroßvater gesessen, furchtbare Klänge erzeugten. Arthur hörte leise Schritte hinter sich. Er hielt inne, ohne sich umzudrehen. »Was willst du, Lucas?«, fragte Arthur.

»Wo ist Mom?«

»Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt ist es mir auch egal. Wo ist deine Schwester? Das ist wichtiger. Die Familie muss zusammenhalten. Ist sie schon wieder weg?«

Lucas fixierte seinen Vater. »Was interessiert dich das? Du hast dich noch nie darum gekümmert, was wir tun.«

»Mag sein. Jetzt will ich es aber wissen. Wo ist Georgia?«, beharrte Arthur.

»Sie ist mit ihren Freundinnen weggegangen. Irgendwo in die Stadt, in irgendeinen Club, tanzen, feiern, trinken. Was die Leute in unserem Alter eben tun.« Lucas schüttelte missbilligend den Kopf.

»An dir scheint wirklich alles vorbeigezogen zu sein. Gestern hast du mich gefragt, wann ich auf die Highschool komme? Dabei gehe ich bald aufs College. Das wolltest du doch immer so. Warst du denn nicht mal jung?«

»Ich war nie so wie ihr, Lucas. Ich war immer schon anders.«, antwortete Arthur abwesend.

Lucas trat an seinen Vater heran und klopfte ihm spöttisch auf die Schultern. »Willkommen in der neuen Welt, Dad. Du wirst dich dran gewöhnen. Hier gelten andere Regeln. Unsere Regeln.«

Mit diesen Worten ging Lucas und ließ Arthur allein zurück. Dieser nahm das Glas und zerschmetterte es mit einem wütenden Schrei auf dem Boden. Dann verließ er das Wohnzimmer und ließ die Scherben zurück. Er schlurfte die Treppe hinauf, putze die Zähne, zog sich seinen Pyjama an und legte sich ins Bett. Der Fernseher war mittlerweile verstummt und das Haus lag ruhig in der Nacht. Arthur schaute die Decke an. Draußen heulte der Wind. Er war einsam. Er zog sich die Bettdecke bis unter sein Kinn und versuchte zu schlafen. Immer wieder knarrte das Holz der Wände, des Bodens. Er nahm alles nur mit halber Aufmerksamkeit war und fiel in einen unruhigen Schlaf, dem er wieder und wieder entrissen wurde. Irgendwann – es dürfte gegen elf Uhr gewesen sein – merkte er, dass sich seine Frau leise neben ihn gelegt hatte. Er roch ihr Parfum, das sie immer trug. Sie lag von ihm abgewandt. Sie schnarchte. Arthur drehte sich auf die andere Seite, ihr ebenfalls den Rücken zukehrend. Warum sollte er ihre Nähe suchen, wenn sie nicht die seine suchte? Eine Zeit lang hatte er in einem getrennten Raum geschlafen. Dann aber war er zurückgekommen, da er die Illusion nicht zerstören wollte. Er hörte das stete Ticken seines Weckers. Ein paar Stunden später hörte er noch, wie die Eingangstür behutsam geöffnet war. Unsichere Schritte tappten durch das Haus. Eine Jacke wurde vorsichtig abgestreift. Leise Grüße wurden ausgetauscht. Ein vorsichtiger Kuss, dann wurde die Tür geschlossen. Georgia war zurück. Arthur erinnerte sich, wie er und seine Frau sich versprachen, aufregend leben zu wollen, dass sie aneinander immer wieder Gefallen fänden. Dass sie Abenteuer erleben wollten. Sie wollten stets ehrlich sein, dem anderen vor ihren Nöten und Sorgen erzählen, bis dass der Tod sie schied. So hatten sie es sich versprochen. Sie hatten flüchtige Küsse ausgetauscht. Illusionen hatte er sich gemacht, sich von großartigen Erzählungen blenden lassen. Er war nicht der einzige, der die Flucht suchte. Seine eigene Familie floh vor ihm. Man hatte ihm die Flügel gebrochen.

Niclas Frederic Sturm

4 Kommentare zu „Gebrochene Flügel – Kurzgeschichte

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