Im Schnee der Nacht

Stimmen aus New York.

Im Schnee der Nacht – Erzählung 

I

Es war ein eisiger Winter in den tiefen Straßen New Yorks. Schneestürme suchten die Stadt am Hudson heim. Die Dächer eines jeden Hauses waren von einem weißen Schleier bedeckt. Menschen rannten durch die Straßen, ein jeder folgte seinem Ziel. Der große Weihnachtsbaum war bereits am Rockefeller Center aufgerichtet und leuchtete gütig hell. Lady Liberty ragte hoch auf ihrem Podest auf und das goldene Glitzern der Stadt spiegelte sich in ihrer Fackel wider. Millionen Lichter tanzten auf der Wasserfläche des Flusses, der die Stadt wie eine Lebensader durchzog. Die Bewohner der Stadt waren sich sicher, dass sie am großartigsten Ort der Welt lebten. In einer Stadt, die märchenhafte Geschichten erzählte. Doch manche armen Seelen schlichen einsam durch die Schluchten der Stadt. Es war bald Weihnachten und die Menschen würden den Abend mit ihren Familien verbringen, im Kreis ihrer engsten Freunde ein wundervolles fest begehen. Sie würden lachen, tanzen und die Kälte der Außenwelt würde an ihnen abprallen. Manche dagegen würden bloß traurig durch die schneebedeckten Fenster sehen und für einen kurzen Moment am Glück fremder Menschen teilzuhaben, um wenige Sekunden später weiter durch die menschenleeren Straßen zu ziehen. 

Arthur Clarke war Schriftsteller. Unter seinen Mitmenschen galt er als sehr gebildet und er war nur allzu gerne bereit, anregende Gespräche in Cafés zu führen, wenn man ihn dort antraf, während er einen Espresso Doppio zu sich nahm und – nach einem langen Blick durch die Fenster auf die belebten Straßen – eifrig in sein Notizbuch schrieb. Aber nach einiger Zeit verlor er schnell Interesse, bestellte sich ein Glas Mineralwasser und trank dieses hastig aus. Mit dem Verweis auf einen wichtigen Termin verließ er das Café. Meist vergaß er dabei irgendetwas. Seine Familie hatte ihm ein recht großzügiges Apartment in Manhattan vererbt, das sich seit vielen Generationen in Familienbesitz befand. Er war der letzte Überlebende seiner Familie, obwohl er noch relativ jung war. Ein Großteil seiner Familie waren einer der schlimmsten Tragödien der amerikanischen Geschichte zum Opfer gefallen und waren unter Tonnen von Schutt begraben worden. Ihre Leichname waren nie gefunden worden. Mit einem Schlag war er alleine gewesen. Damals war er noch nicht einmal erwachsen. Heute dachte er nicht mehr viel an die Katastrophe; zu viel hatte er darunter bereits gelitten. Doch eine tiefe Narbe war zurückgeblieben: Er konnte sich an niemanden binden, niemanden jemals zu stark lieben, denn er fürchtete, im Moment des höchsten Glück alles entrissen zu bekommen. Freundschaften verliefen instabil und Liebe kannte er hauptsächlich aus der Literatur, in der er am meisten Trost fand. Die fatale Liebe Julias und Romeos, die tragische Beziehung Marcus Antonius und Kleopatras, Elisabeth und Mr Darcy aus Stolz und Vorurteil; dies waren für ihn die Archetypen der großartigen Liebe. Er wusste, dass er zu romantisch, zu idealistisch dachte und Ideale die Welt nicht kannten. Wie Platon bereits sagte, waren die Dinge unserer Welt nur Abbilder der Ideale, die aus einer fremden Welt stammten. Ideale konnte er nicht finden und doch klammerte er sich an diese Idee; nur um den Schmerz des Verlusts nicht zu spüren und sich ganz taub gegenüber Verheißungen zu machen. Als Autor war er zu bescheidenem Ruhm und bescheidenem Wohlstand gekommen. Ein, zwei Empfehlung im Feuilleton einer großen Tageszeitung, eine kleine Lesungstour durch das Land, hin und wieder Interviews, waren die Ereignisse gewesen, die ihn einem gewissen Kreis hatten bekannt werden lassen. Nach seinem Studium an der Princeton University hatte er für einige Jahre gearbeitet, dann jedoch das Handtuch geworfen und sich dem intellektuellen Leben hingegeben. Er trank Scotch nicht aus Genuss, sondern aus Überzeugung. Er war in der literarischen Kultur des Big Apple verankert und verkehrte in den Häusern einigermaßen bekannter Schriftsteller. Wonach er im Leben strebte, wusste er nicht. Sein Leben tröpfelte dahin wie ein zäher Klumpen Pech. Seit seine Familie aus seinem Leben getreten war, fühlte er sich in seinem Herzen einsam. Keine warme Stimme sprach mehr zu ihm. Seine Schritten hinterließen auf Erden keine Spuren. Jeden Abend, wenn er in die Wärme seiner Wohnung zurückkehrte, war nur Stille. Kälte war in seinem Herzen, eine bittere Kälte, die ihn auffraß. Er lehnte abends mit dem Rücken zum gläsernen Panoramafenster und starrte zur Decke. Er lachte dabei, lachte schallend, dass es in seinen eigenen Ohren dröhnte. In einer Hand hielt er ein Glas Wein. Der Wein war ein Getränk, das er tatsächlich genoss. In Wein lag keine Wahrheit, aber durch Wein fand er die Wahrheit über sich selbst. Sein Inneres war taub und blind und stumm. Er lag auf seinem Sofa – in dicke Decken gehüllt – und starrte aus dem Fenster. Er fror. Es gab niemanden, der sein Herz wärmte. Mit jedem Tag, an dem er durch die eisgefrorenen Straßen New Yorks zog, fühlte er sich unglücklicher. In den nach Plätzchen und heißer Schokolade duftenden Cafés saßen sich verliebte Paare gegenüber. Er dagegen beobachtete sie von der anderen Straßenseite, in seinen Mantel gehüllt. Wie ein Statue verharrte er dort, bis seine Gesicht durch die kalten Winde gelähmt war, bis seine Brille, die ihm immerzu von der Nase rutschte, mit Eis und Schnee bedeckt war. Alles fühlte sich taub an. Schlafwandlerisch lief er durch die Straßen. Als er durch seine Wohnungstür trat, fühlte er sich tot. Er musste sich vergewissern, ob er überhaupt noch lebte. Er streifte die gefrorene Kleidung ab und stellte sich vor seinen Spiegel. Tiefe Augenringe, eingefallenes Gesicht, eine marmorne Blässe schauten ihm entgegen. Ihm tat dieses Leben nicht gut. Die Einsamkeit brachte ihn noch um. Eine unergründliche Schwäche hatte von ihm Besitz ergriffen. Er entledigte sich unwillkürlich seiner letzten Kleidung und ging in völliger Nacktheit auf seinen Balkon und verschloss die Tür hinter sich. Die grausame Kälte begann sofort auf ihn einzustechen. Er atmete tief durch, legte sich mit dem Rücken auf den Boden und schloss die Augen. Um ihn herum verstummte langsam das Hupen der Autos. Die Lichter um ihn erstarben. Er war alleine mit dem einsamen Heulen des Windes. Zunächst zitterte er noch, die Kälte löste Zuckungen aus. Sein Körper wehrte sich gegen die Gewalt. Doch er schloss milde lächelnd die Augen. Er spürte endlich wieder etwas. Die ungestümen Kräfte, die in ihm widerstritten: Die Kälte und der Tod, die Wärme und das Leben. Dumpf drangen die Schreie seines eigenen Gewissens an sein Ohr. Es mussten mehrere Stunden gewesen sein, die er nackt in der Kälte lag. Er lebte. Von ferne hörte er den gedämpften Gesang eines Chors. Die harmonischen Stimmen sangen ein Weihnachtslied in einer fremden Sprache. Die Musik trieb genug Schwere in seinem Herzen aus und er lächelte. Er lag still und lauschte den wohltuenden Klängen. Das Wunder, in dem verschiedenste Stimmen zu einer Einheit verschmolzen, gab ihm neue Kraft. Langsam, mit schmerzenden, vereisten Gliedern, richtete er sich schließlich auf. Es war tiefste Nacht geworden. Er staunte, als er Sterne über sich sah. Es hatte begonnen zu schneien. Der weiße Pulverschnee hatte sich wie ein Totenschleier auf ihn gelegt. Er sah auf die seltsam verlassenen Straßen der Stadt und hörte plötzlich ein leises, helles Läuten. Er wandte sich um. Am Himmel leuchte ein Stern ganz hell. Noch nie hatte er einen Stern so wunderbar leuchten sehen. Er fesselte seinen Blick. Es schien, als richtete sich der galaktische Glanz ganz auf ihn. Und plötzlich fühlte er etwas in seiner zur Faust geballten Hand. Arthur öffnete sie vorsichtig. Darin befanden sich zwei kleine, silberne Glocken, die an einem roten Band zusammengebunden waren. Eine Bedeutung erschloss sich ihm nicht. Was war geschehen? Verwundet blickte er auf das Geschenk in seiner Hand. Er ging fröstelnd in sein Apartment zurück und genoss am Kamin liegend die Musik Bing Crosbys, die ihn eine andere, imaginäre Zeit versetzte, in der es anscheinend kein Leid und nur das frohe Hoffen auf Glück gegeben zu haben schien. Er sang im Kältewahn Do you hear what I hear immer und immer wieder vor sich hin. Irgendwann in der Nacht schlief er ein.

II

Arthur Clarke wusste, dass sich sein Leben geändert hatte. Ein Freund von ihm – ein aufstrebender junger Fotograf – hatte ihn zu einer Ausstellung eingeladen. Es war seine erste, öffentliche Präsentation seiner Werke und entsprechend nervös war er. Arthur hatte sich an einem Donnerstagabend auf den Weg zur Galerie gemacht, die im East Village lag. Arthur hatte die Einladung seines Freundes zögerlich angenommen. Sein Zusammenbruch war noch nicht lange her und er legte seitdem eine an Selbstaufopferung grenzende Gleichgültigkeit an den Tag. Er sah auf die hektisch umher rennenden Menschen hinab, die seines Erachtens nach »kulturlos« waren und die bare Existenz nicht kannten, ja die Kostbarkeit des Lebens selbst nicht sahen. Kunst war für sie ein Konsumgut, etwas, dass verbraucht werden konnte wie eine Schachtel Tabak oder eine Flasche Rotwein. Sie zeigten  geistige Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt. So wie Arthur die Straße zur Galerie überquerte, sah er bereits eine Traube Menschen, die ebenso auf den Eingang der Galerie zuströmte. Arthur musste lächeln. Cory hatte tatsächlich alle Register für diese erste Ausstellung gezogen – er erkannte den bekannten Kritiker Conway und den Schriftsteller Fitzgerald unter den Gästen. Seinen Freund selbst sah Arthur erst, als er die Galerie betreten, seinen Mantel an die Garderobe und das Glas prickelnden Champagner entgegengenommen hatte. Cory sah ihn zuerst und kam strahlend auf ihn zu. Die beiden umarmten sich freundschaftlich.

»Guten Abend Arthur! Es freut mich, dass du es doch noch geschafft hast.«

Arthur senkte betreten den Blick.

»Ich…ich wusste nicht, ob ich mich wieder unter Menschen trauen sollte. Du weißt schon, wegen neulich.«

Cory nickte. Arthur hatte ihm von seinem nervlichen Zusammenbruch berichtet.

»Auf jeden Fall solltest du dich unter Menschen wagen, Arthur: Du isolierst dich von allem. Das kann nicht so weitergehen! Hier, ich stelle dich einigen anderen Gästen vor.«

Cory griff ihn an der Schultern und machte ihn mit einigen anderen Anwesenden bekannt. Arthur war erstaunt, dass einige sogar seinen Roman gelesen hatten. In gespielter – und für die den Künstlern eigene, falsche – Bescheidenheit sprach er über die Motive seines Werkes. Er unterhielt sich gerade mit Fitzgerald, den er gelegentlich in Cafés traf, als sie an einem Porträt vorbeiliefen, für welches ein kurzer Blick genügte, um Arthurs Aufmerksamkeit zu wecken. Es zeigte eine blonde Frau, die mit zurückhaltendem Selbstbewusstsein in die Kamera lächelte, indem sie ihre Haare hinter die Ohren schob. Arthur blieb stehen. Fitzgerald bemerkte sogleich sein Interesse und lächelte verschmitzt.

»Ein hübsches Mädchen, nicht wahr?«

Arthur antwortete verzögert. Er starrte das Bild regelrecht an.

»Ja…Ja! Sicher.«

Fitzgerald nahm einen Schluck aus seinem Champagnerglas. Arthur hatte stets den Verdacht, dass der Autor Hochprozentiges in seine Getränke mischte – egal, an welchem Ort er sich befand. Er war ständig in guter Stimmung.

»Arthur, du benötigst wirklich eine Muse. Jeder Künstler, der etwas auf sich hält, hat jemanden, der ihn kreativ inspiriert und unterstützend zur Seite steht.«

Arthur hob eine Augenbraue.

»In Sachen Beziehungen bist du wirklich nicht sehr glaubwürdig, Fitz.«

Fitzgerald war mit seinen dreißig Jahren bereits dreimal verheiratet gewesen. Doch er winkte nur ab.

»Ach, Unsinn! Mein Urteilsvermögen ist so scharf wie eh und je!«

Arthur verdrehte die Augen. Er sah wie Cory gerade nicht von einer Menschenmenge umringt stand, die ihn über seine Bilder ausfragte.

»Entschuldige mich, Fitz.«, sagte Arthur.

»Tu dir keinen Zwang an.«, erwiderte Fitzgerald und zwinkerte schelmisch, um sich danach selbst dem Porträt zuzuwenden und es eingehend zu studieren.

Arthur tippte Cory auf die Schulter. Dieser war bereits etwas angetrunken. Seine Augen wanderten unruhig von einem Punkt zum anderen. Er sah leicht an Arthur vorbei.

»Was gibt’s, alter Freund? Gefallen dir meine Schnappschüsse?«

»Ja, wirklich. Du bist ein echter Künstler…jedenfalls, ein Bild gefällt mir besonders gut.«, sagte Arthur und wies auf das Porträt der jungen Frau, vor dem er wenige Minuten vorher gehalten hatte.

»Wer ist das auf dem Porträt? Kennst du ihren Namen?«

Cory lächelte. »Nicht ganz. Sie hieß Mary. Das war jedenfalls der Name, den sie vorgab. Ich habe das Foto auf der Straße aufgenommen, ganz spontan. Sie stach so aus der Menge hervor, weißt du?«

Arthur wirkte enttäuscht. »Aber weißt du nicht?«

Sein Freund schüttelte den Kopf. »Nein. Aber glaub’ mir, sie ist nur eine von vielen. Du musst nur einige Stunden in Downtown Manhattan verbringen und du wirst viele wunderschöne Menschen treffen.«

Arthur nickte, als würde er Corys Einschätzung teilen. In Wahrheit jedoch konnte er das Porträt der Frau nicht vergessen. Ihr Abbild hatte sich in seinen Geist eingebrannt. Er lauschte am selbigen Abend noch den enthusiastischen Ausführungen Corys zu seinen Fotografien, aber gedanklich war er an einem anderen Ort. Er träumte von einem langen, weißen Sandstrand, an dessen Ufer das Wasser sanft angespült wurde und weiße Schaumkronen im Meer glitzerten. An diesem Ort lag er neben Mary im warmen Sand. Sie lächelte ihn an, wie sie es auf dem Bild tat – er begriff, dass es ein Traum war, sein musste, aber keiner sein durfte. Tosender Applaus riss ihn aus seinen Gedanken. Cory hatte soeben sein Meisterstück enthüllt, von dem er bereits seit Wochen geradezu manisch redete. Es zeigte einen Strand, einen weißen Strand in Schwarzweiß. Dort – einsam und dem Beobachter den Rücken zugewandt – stand ein Mann, der seine Hände tief in seinen Manteltaschen versenkt hatte. Ein Schal flatterte um seine Schultern. Ansonsten war das Bild leer. Arthur riss die Augen auf und erstarrte. Er sah Cory an, der kluge Worte von sich gab. Arthur stand auf und rannte aus der Galerie. Die Leute sahen ihm empört oder verwundert nach. Er stürmte hinaus in die eisige Kälte der Nacht. Tränen bildeten sich in seinen Augen und froren sofort ein. Er ließ sich neben den Treppen zur Galerie nieder und lehnte sich an die Backsteinwand des Gebäudes an. Eine unendliche Traurigkeit überfiel ihn. Er sah zu den Sternen hinauf, entdeckte sie jedoch nicht. Wolken verdunkelten das Licht des Mondes über Manhattan. Er schloss die Augen und gab sich den Tränen hin. Seine Hände presste er solange in den kalten Schnee, bis er sie nicht mehr spürte. Genau das wollte er; nichts mehr spüren. Kein Leid. Keine Angst. Das schreckliche Zittern. Er hörte eine Tür schlagen. Cory eilte die Treppen hinunter.

»Arthur…, was war mit dir los? Du bist plötzlich aufgesprungen und hast die Galerie verlassen? Ist alles in Ordnung?«

Arthur sah zu ihm hoch.

»Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Dieses Foto, das du eben gezeigt hast, hat mich tief in mir berührt. Ich habe…mich gesehen.«

»Arthur, ich kann nur ahnen, was du gesehen hast, aber das war nicht das Bild, das ich gezeigt habe. Es war ein Stadtbild. Hoch aufragende Häuserschluchten mit verschwommen kreuzenden Straßen.«

Cory sah ihn verständnislos an. Noch nie hatte er seinen Freund derart verwirrt gesehen. Arthur schien in letzter Zeit geistig verwirrt zu sein.

»Arthur, komm, ich helfe dir hoch und rufe ein Taxi.«

Zehn Minuten später hielt ein gelbes Taxi vor der Galerie. Arthur bedankte sich bei Cory, der dem Fahrer die Adresse gab und ihm heimlich zuflüsterte: »Schauen Sie bitte, dass er wirklich hineingeht.«

III

Die ganze Nacht über lag Arthur wach. Das Gesicht der Frau raubte ihm den Schlaf. Er war verwirrt. An jede einzelne Facette der Fotografie konnte er sich erinnern. Wie der Wind die Haare umspielte, wie sie scheu zu Boden sah, welch’ magisches Lächeln auf ihrem Mund lag; all das hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Er wollte sie wiedersehen, auch wenn er wusste, wie sinnvoll dieses Unterfangen in einer Metropole wie New York anmutete. Er war einer von zehn Millionen und sie eine andere unter der gleichen Zahl. Doch er wollte die Willkür des Zufalls nicht hinnehmen. Mary. Immer wieder flüsterte er ihren Namen. Er steigerte die Lautstärke mit jedem Mal, bis er schließlich so laut sprach, dass ihn jemand auch außerhalb seines Schlafzimmers hören konnte. Mary. Er wollte so dringend über sie schreiben, eine Ode oder eine Hymne auf sie verfassen, um sie erst recht nie wieder zu vergessen. In seinem Kopf bereits wurden Gedanken zu Versen, bloße Vorstellung zu etwas Bewussten. Er erlag der schriftstellerischen Versuch, die Realität nicht zu akzeptieren, sondern sie auf eine Ebene heben zu wollen, eine imaginäre Ebene, vermittels der die Realität beeinflusst werden sollte. Die Schönheit seiner Worte über ihre Schönheit ließen ihn Tränen vergießen.

Oh wenn ich Worte doch ihr gegenüber aussprechen könnte!

Was würde ich dafür geben!

Ich bin es wert geliebt zu werden.

Eine Welt könnte ich zeigen.

Ich biete dir Wärme, ich biete dir einen Stuhl und Worte.

Ob ich deine Wünsche erfüllen kann,

weiß ich nicht.

Ich biete dir an, mich zu retten

vor dem dunklen Tal.

Ich bin verändert, seit ich dich sah.

In die Augen schauen kann ich dir nicht.

Ich fürchte mich.

Vor mir.

Davor, dass ich dich verlieren könnte

bevor ich dich überhaupt kannte.

Mary. 

Still und ruhig formte er diese Worte. Seine Hände krampften. Er biss sich auf die Lippe, wollte nach allen Seiten treten und schlagen. Seine Augen waren gerötet. Mondschein fiel durch die Fenster. Weißes Licht traf auf sein Gesicht. Es war, als hätte ihn der Mond mit Gewissheit geküsst. Die milchige Scheibe aus einer anderen Welt brachte ihm den Schlaf. Er schloss die Augen und ließ sein Werk unvollendet. Seine Worte wurden Teil seines Ichs, verschmolzen mit seiner Liebe zu Mary. Er würde sich am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnern. Das war die Bürde des Bewusstseins.

Ende Teil 1

Fortsetzung folgt…

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