Der Fotograf

Manche Menschen mögen Tote mehr als Lebende.

Achtung! Diese Geschichte enthält blutige Schilderungen

Abends während der schwülen Sommertage begab sich der Fotograf vor die Tür. Er sog die warme Luft ein und blickte in das goldene Rot des Abends. Gerade hier am See waren die Menschen bis weit in den späten Tag auf den Straßen. Sie saßen in den kleinen Cafés, tranken kühlende Getränke und sahen den Kindern zu, die auf der Straße fröhlich spielten. Es war der perfekte Ort für Verliebte. Die Straßen waren eng und dunkel. Das eine oder andere Wort der Liebe war schon in die Ohren des anderen gehaucht worden. Wenn es langsam dunkel wurde, glitzerten die Lichter der am anderen Ufer liegenden Stadt auf der Wasseroberfläche. Leise erklang das Rauschen der Welle, die an das Ufer schwappten. Die Bäume flüsterten im zarten Abendwind. Dies war die Zeit, wenn sich der Fotograf auf die Straßen begab.

 Tagsüber war er durch die Hitze ermüdet und verbrachte die Zeit in seinem Apartment. Er beobachtete von seinem Balkon die Menschen auf der Piazza, die an seine Wohnung grenzte. Er liebte die gelebte Leichtigkeit der Stadt, die aus aller Welt Menschen anzog, die hier ihre Liebe zelebrierten oder fanden. Ein flüchtiger Blick in die Augen und schon war es um die meisten geschehen. Der Fotograf seufzte. So war es ihm auch einmal gegangen. Nie hatte er sie vergessen. Bis heute tauchte sie in seinen Gedanken auf und erinnerte ihn an schöne Stunden. Er schloss die Tür leise hinter sich ab. In den Straßen roch es nach den Gewürzen und Kräutern, die auf dem Markt ganz in der Nähe verkauft wurden. Manche Reisende sagten, der herrliche Geruch sei es, der die Stadt zu etwas ganz besonderem mache. Die Bewohner berichteten immer wieder von einer geheimnisvollen Pflanze, die nur auf den Berghängen in der Nähe der kleinen Stadt wuchs und deren Geruch wie eine Droge wirkte. Die Menschen fühlten sich glücklicher, freier und offener. Der Fotograf lächelte angesichts solcher Ideen. Vielleicht stimmten sie ja, das würde das erklären, wieso Jahr für Jahr viele junge Paare spurlos verschwanden. Durchgebrannt waren sie, sagte man. Der Fotograf lief parallel zur Hauptstraße durch die verwinkelten Gassen der Stadt. Allmählich legte sich die Dunkelheit über die Stadt. Der Lärm des geschäftigen Treibens ebbte langsam ab und von ferne hörte der Fotograf das Rauschen der Wellen, die an das Ufer gespült wurden. Er ging die Uferpromenade entlang. Er hörte Stimmen. Vom Mondlicht beschienen, lagen zwei Personen im Kies des Ufers. Eine Mann und eine Frau, die sich leidenschaftlich küssten. Der Fotograf musste lächeln. Vorsichtig schlich er näher. Große, mit dichten, grünen Blättern bewachsene Bäume boten Schutz vor Blicken. Er lief zu einem der Bäume, die ganz nahe am Geschehen waren und verbarg sich dahinter. Er holte aus der Umhängetasche seinen Fotoapparat heraus. Er setzte den Taster an sein Auge und zoomte heran. Perfekt, dachte er sich. Er betätigte den Auslöser. Ein greller Blitz erhellte die werdende Nacht. Das Paar hielt sofort inne. „Was war das?“, fragte die Frau. Sie hatte eine schöne Stimme. „Das kam aus dem Gebüsch.“, erwiderte der Mann. „Ich werde nachschauen. Bleib hier liegen.“ Der Mann bewegte sich auf den Fotografen zu. Dieser seufzte innerlich. Dies war Teil des Spaßes, den er eigentlich verabscheute. Manchmal mussten allerdings Opfer gebracht werden. Der Mann war nun ganz nahe am Gebüsch. „Ist hier jemand? Kommen Sie heraus!“, forderte er. Der Fotograf schloss kurz die Augen, zog seine schallgedämpfte Pistole und schoss dem Mann in den Kopf. Nur ein leises Plop ertönte. Der Mann fiel nach hinten über. Ein Schrei ertönte und die Frau rappelte sich auf. Sie rannte zu dem Mann, dessen Augen bereits glasig wurden. Er hatte seinen Mörder nicht einmal gesehen. Als die Frau bei ihm angelangt war, trat der Fotograf mit erhobener Waffe aus dem Gebüsch. Die Frau war paralysiert. Sie rührte sich nicht, sondern starrte den Fotografen nur hasserfüllt an. Dieser lächelte kalt und drückte den Abzug. Ein perfekter Kopfschuss. Auch die Frau sank danieder. Der Fotograf holte aus dem stets in der Nähe des Ufers geparkten Wagen zwei große Müllsäcke, in denen er die Leichen des Paares einwickelte. Er lud die Toten in den Kofferraum und fuhr zu seiner Wohnung zurück. Es war alles genau geplant. Seine Nachbarn waren entweder verreist oder hatten Nachtschicht. Niemand würde Verdacht schöpfen. Es war perfekt. Er entlud die Leichen in seiner Wohnung. Zuerst ließ er die Körper gut ausbluten, indem er die Frau und den Mann nackt an Kleiderstangen aufhing. Beflissen bedeckte er die Einschusslöcher mit Make-Up. Das Blut fing er in mehreren großen Kupferschüsseln auf. Nach einiger Zeit trug er die beiden Leichen in seine Fotokammer. Der Raum war weiß ausgekleidet. Einzig ein cremefarbenes Sofa befand sich in der Mitte des Raumes. Der Fotograf platzierte die Leichen dort, als sei das Ganze bloß ein einfaches Standbild. Er drückte die Köpfe der Toten aneinander, so, als würden sie sich küssen. Ihre Hände legte er auf die Schultern des anderen. Der Fotograf lächelte. Herrlich, dachte er. Schnell holte er die Kamera und ein Stativ und begann mit den Fotos. Er fotografierte die beiden in allen denkbaren Posen. Durch den bereits einsetzenden, leichten Leichengeruch ließ er sich nicht irritieren. Nach mehreren Stunden war er fertig. Wie er es schon dutzende Male gemacht hatte, zerlegte er die Leichen feinsäuberlich, tat Beine zu Beinen und Arme zu Armen. Effizient und präzise wie ein morbider Bürokrat notierte er die Zahl der Glieder in einer fortlaufenden Liste, die mit Inventar überschrieben war. Er verpackte die einzelnen Leichenteile in Müllsäcken und trug sie die Treppen des Wohnhauses hinunter in seinen Wagen. Als er den logistischen Teil erledigt hatte, fuhr er erneut zum See und versenkte an verschiedenen Stellen die Bausteine der Körper. Penibel notierte er den Ort auf einer Karte, die mit roten Kreuzen übersät war. Der Morgen graute allmählich und der Fotograf war müde. Die Arbeit hatte ihn erschöpft. Die Filme der Aufnahmen hatte er in seine eigene Rotlichtkammer gebracht, die neben dem weißen Raum war. Er hing die Negative auf die Leine. Der Fotograf war voller Vorfreude. Er ging in sein Badezimmer. Eine alte, gusseiserne Badewanne auf Füßen stand dort. Er trug die Kupferschüsseln heran und ließ das Blut einlaufen. Da ein einzelner Mensch leider nur etwa sieben Liter Blut enthielt, musste er seine Reserven anzapfen. Das war jedoch nicht weiter schlimm, da er einen reichen Vorrat lagerte – abgefüllt aus den unterschiedlichsten Menschen. Er füllte die Badewanne zu drei Vierteln und schaltete die Kanzone des Herzogs von Mantua an. La Donna è mobile. Pfeifend entkleidete er sich und stieg in die Wanne, die er ein wenig erhitzt hat. Das warme Blut umfloss ihn angenehm. Manchmal meinte er, die Schreie seiner Opfer zu hören. Doch diese gingen meist im lauten Gesang der Opern unter, die er so liebte. Der Fotograf rutschte tiefer in die Wanne, bis nur noch sein Kopf herausschaute. Er genoss das Leben. Es konnte wirklich nicht besser sein. Ein Glas guten Rotweins seines Geburtsjahres versüßte ihm das Bad. Diese Stadt war etwas ganz Besonderes.

Niclas F. Sturm

Bildquelle: https://pixabay.com/p-210632/?no_redirect (CC0-Lizenz)

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