Winter

Eine Analogie auf das Leben

Ein junger Knabe lief die Straße entlang. Er sprang munter auf und ab. Blühende Weiden säumten links und rechts den Weg. Die Sonne lächelte vom Himmel hinab und kitzelte den Jungen an der Nase. Er lachte fröhlich und sang die Lieder, die seine Eltern ihn gelehrt hatten. Einige Stunden war er bereits von zuhause weg und man würde sich vielleicht Sorgen machen. Dunkle Gedanken lagen ihm fern, denn Sonne wohnte seinem Gemüt inne. Eine Melodie durchströmte seinen jungen Körper. Die Straße verlief geradlinig vor ihm. Keine Wolke stand am blauen Himmel. Nach einigen Kilometern gabelte sich der Weg. Der eine stieg langsam einen Hügel hinauf. Die andere Weggabelung führte ins Tal hinab durch ein Waldstück. Der junge nahm letzteren Weg. Begeistert lief er bergab. Schneller und immer schneller. Er veränderte sich. Er wuchs ein ganzes Stück und er fühlte sich älter, erwachsener. Die Sonne brannte nunmehr erbarmungslos auf ihn hinab. Kein Baum, kein Strauch spendete ihm Schatten. Er war alleine. Seine Zunge brannte vom langen Weg. Keine Quelle lag auf dem langen Weg, der ihm bevorstand. Er lechzte nach Ruhe, nach Sekunden, Minuten für sich selbst. Doch seine Beine liefen einfach weiter. Was er auch tun mochte, an Stillstand war bloß noch zu denken. Ihn zu erleben, unmöglich. Seine Glieder wurden schwerer, die Sonne erdrückender. Er rang mit sich selbst. Unaufhaltsam strebte sein Körper die gut ausgebaute, asphaltierte Straße hinunter. Die Musik in ihm war verstummt. Das einzige, was er noch hörte, war das rasende Rauschen des Windes, der hämisch um seine Ohren pfiff. Irgendwo in der Ferne sah er etwas Goldenes glitzern und leuchten. Und der Weg ging weiter bergab. Er spürte etwas an seiner Hand. Ein kleines Mädchen versuchte seine Hand zu greifen. Er wandte sich kurz, wurde für einen Moment langsamer. Der Mann sah ein hoffnungsvolles Glitzern in ihren Augen. Er erkannte sich selbst in ihren Augen. Doch sie stolperte und fiel zurück. Über ihm braute sich der Himmel zusammen. Einige hundert Meter vor ihm erschien ein goldenes Tor, dessen himmlischer Glanz ihn blendete. Er spürte wie seine Glieder immer schwerer wurden, seine Augen trüber. Düstere Wolken hingen über der Landschaft, die mit einem Male trostlos und öde erschien. Er kämpfte gegen den Berg an, kämpfte gegen sich selbst und seine Schwäche. Umsonst. Der letzte Schritt brachte ihn zu Fall. Er hielt sich fest. Ein einziger Stein. Die Straße begann sich aus dem Boden zu heben und wurde immer steiler. Der Mann schrie. Ein Blitz zuckte herab. Tiefes Grollen erschütterte den Boden. Sich immer noch an den Stein klammernd, röchelte der Mann die letzten Züge. Die Straße war vom Boden gerissen und flatterte wie ein Band durch die Luft. Sie schwankte und versuchte den Mann abzuwerfen. Dessen Blick wurde schwarz. Vor seinen Augen sah er das Tor, das er erst ignoriert, dann angestrebt und schließlich nie erreicht hatte.

Niclas F. Sturm 

Beitragsbild: https://unsplash.com/photos/F3ePNdQb_Lg

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