Das Segelboot

Memoiren eines Menschen

Seit frühester Kindheit verbrachte ich den Sommer an der Küste. Der salzige Geruch der sich brechenden Wellen, die strahlende Sonne, das herrliche Gefühle barfuß durch die Sanddünen zu streifen, all dies begleitete mich seit ich gerade laufen konnte. Die Zeit verging, ich erlebte meine erste Liebe, wurde erwachsen. Ich verließ das Dorf meiner Kindheit. Das Zimmer, in dem ich meine Kindheit verbrachte, sieht heute noch genauso aus. Als sei die Zeit stehengeblieben. Ich lebte viele Jahre in den großen Städten der Welt, zwischen gläsernen Türmen, dann wieder in abgelegenen Regionen, die nur wenige Menschen als Bewohner zählen. Ich war zeit meines Lebens Junggeselle. Bis heute hat sich daran nichts geändert. Ich war nicht der Mensch für lange Bindungen. Beziehungen machten mich auf Dauer unglücklich, sie hemmten mich. Als ich frisch in die Welt der Erwachsenen startete, wollte ich nur nach oben. Von der Provinz, in der niemand niemanden nicht kennt, in die Metropole, in der manche bereits froh sind, wenn der Postbote sie grüßt. Ein Fixpunkt in meinem Leben war stets der Sommer an der Küste. Die Jahre gingen vorbei. Meine Familie verblasste allmählich und nur ich blieb übrig. Meine Freunde habe ich alle überlebt. Viel zu alt bin ich nun, ein Greis. Ich, der sein Leben alleine verbrachte, war nun wirklich verlassen. Freunde kannte ich nicht mehr, nur noch Bekannte. Anfangs begleiteten mich Freunde, Familie und meine Liebschaften an den Ort, den ich so sehr liebte.

Doch niemand von ihnen begriff die Magie dieses Ortes so wie ich es. Für manche war es bloß ein Ort der Ruhe, der Entspannung, manche prosaischen Seelen sahen nur Berge von Sand, andere lachten nur und äußerten Plattitüden über das Reisen. Nur ich war dem Zauber dieses Ortes zugänglich. In all den Jahren konnte ich mich auf eines verlassen: Dass sich in der goldenen Stunde des Tages am Horizont ein Segelboot abzeichnen würde, dass es nahe an die Küste kommen und die Besatzung mir zuwinken würde. Ich erkannte nie ihre Gesichter, weiß bis heute nicht, wer dieses Boot über die Meere steuert und warum. Aber während die Welt und ich erwachsen wurden, Bekanntschaften verwelkten, mein Körper schwächer wurde, so wiederholte sich dieses Ritual Jahr für Jahr. Doch niemand sah dieses Boot außer mir. Nur ich sah es in dieser einen Stunde am Abend. Ich bewunderte das Boot. Es durchquerte die Meere der Welt, frei von Zwängen und Notwendigkeiten. Es musste kein Ziel ansteuern, es konnte jedes ansteuern, alles andere hätte es seiner Identität beraubt. Es konnte sich allmählich verändern, Planken ausgetauscht werden und doch würde es dasselbe Schiff bleiben. Ich dagegen konnte nicht von mir behaupten, dass ich mich über die Jahre nicht veränderte. Ein gebrochener Mann war ich, denn ich erkannte ohne Vorbehalte, dass ich nie wieder und sein konnte. Ich trauerte nicht einmal der Sorglosigkeit nach, denn sie verführt nur zu geistigem Müßiggang, nein ich würde nie wieder in die Zukunft blicken können, um zu sagen, dass sich das Leben für mich zum besseren wenden würde. Als junger Mann sagte ich mir dies ständig. Ich genoss ein rauschhaftes Leben und zelebrierte hedonistische Philosophen. Heute lockt mich damit niemand mehr.

Die Lust – die Bezugsgröße des Menschen den Hedonisten zufolge – hatte ihre Qualität in der modernen Welt verloren. Alles war lustvolles Erleben, alles musste lustvolles Erleben sein, sonst sei das Leben nicht lebenswert. Wie oft hörte ich direkt oder indirekt diesen Satz von Menschen auf bunten Bildern, von denen heute niemand mehr spricht. Ihre Stimmen sind verstummt, ihre Bilder unauffindbar. Ihre Lust bezogen sie nicht aus sich selbst, sondern aus der Gratifikation durch andere. Aus sich selbst vermochten sie kein Glück mehr zu schöpfen, diese armen Seelen. Durch sie wurde der Individualismus zerstört. In ihrer Welt herrschte der ständige Superlative, eine konstante Form des Hochgefühls. Nein, die Welt war nicht schön. Nicht jeder Ort war schön. Schönheit ist nicht eine beliebige, relative Größe. Ich wandere nunmehr durch den Sand an der Küste und blicke auf die See, die sich im Sonnenuntergang wie eine glühende Scheibe vor mir auftut. Eine Brise Seeluft wird zu mir getragen. Ich atme tief ein und schließe die Augen. Dieser Ort erinnert mich an meine Kindheit. An die Geborgenheit in der Familie. An das kindliche Vertrauen, mit der ich die Welt erkundete. Ich seufze. Zum Glück hatte ich Erinnerungen an diese Zeiten, auch wenn sie bloße Illusionen waren. Niemand überlebt die Konfrontation mit der Realität, sogar der eigenen. Ich lasse mich im Sande nieder. Goldenes Sonnenlicht spiegelt sich im Wasser. Ich lächle. Es ist soweit. Am Horizont erwarte ich das Boot. Doch es kommt nicht. Ich warte einige Zeit, schiebe das Ausbleiben des Boots meinen schlechten Augen zu. Doch ich bekomme bald die Gewissheit, dass das Boot nie wieder diese Wasser kreuzen wird. Stille fällt über den Strand. Mit einem Mal breitet sich ein warmes Gefühl in mir auf. Ein Glücksgefühl, wie ich es selten erlebte. Ich lege mich in den Sand und breite meine Arme aus. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, lächelt mir zu. Es ist soweit. Am schönsten Ort der Welt, allein und ohne letzte Worte beschritt ich den letzten Weg. Das Rauschen des Meeres verblasst allmählich. Es rückt in immer weitere Ferne, bis es still wurde. So endete alles.

Niclas Frederic Sturm 

Beitragsbild: https://unsplash.com/photos/3fTlFQ-j6HM – Lizensiert unter Creative Commons CC0

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