Ich war in Arkadien I

Die Geschichte eines Autors, der nach Inspiration sucht und eine Reise antritt, die Quelle der menschlichen Inspiration zu ergründen.

I

Ich wachte auf. Von draußen her hörte ich das Prasseln des Regens. In der Ferne donnerte es über dem See. Der Bergsee lag in einem  Tal, sodass der Schall die Scheiben und Fensterläden erzittern ließ. Das gleißende Licht der Blitze blendete in meinen Augen. Schlaftrunken stieg ich aus dem Bett, rieb mir die Augen und ging zum Fenster. Ich öffnete die grünen Fensterläden. Mir eröffnete  sich eine idyllische Landschaft, die durch die Naturgewalt zerrissen wurde: Die weiß getünchten Berggipfel wurden durch die Blitze erhellt, die Wipfel der alten Bäume, die meinen Blick auf den See flankierten, wankten im brausenden Wind. Die sonst so stille Wasseroberfläche des Sees wurde von mächtigen Wellen durchbrochen. Ich sah hinunter in das Dorf. Hier und da leuchtete Licht hinter den Vorhängen, das durch die Dunkelheit und das Gewitter gelblich verzerrt wirkte. Ich schloss die Augen und atmete durch. Dies war das Italien, das ich so liebte. Isoliert von der Außenwelt ruhte der See zwischen mächtigen Bergen und dichten Wäldern, deren undurchdringliches Grün Erinnerung an eine Vorzeit erinnerte, in der keine Menschen diesen Ort bewohnten. Ich begab mich zurück ins Bett und fiel in einen flachen Schlaf, in dem ich von flüchtigen Schatten, schattenhaften Gedanken und eigenartigen Träumen heimgesucht wurde. Als ich am späten Morgen erwachte, war das meiste vergessen. Das Gewitter der letzten Nacht hatte keinerlei Spuren hinterlassen. Die Wasseroberfläche des mächtigen Sees war ruhig. Die Sonne stach strahlend vom azurblauen Himmel, an dem sich weit und breit keine Wolke zeigte. Ich nahm ein schlichtes Frühstück zu mir und verließ das kleine Haus, in dem ich wohnte, und begab mich hinab in die Stadt. Ich war erst seit einer Woche hier. Manche nannten mich einen Dichter. Die meiner Profession innewohnende Eitelkeit drängte mich dazu, diese Bezeichnung zu bestätigen. Als Dichter beanspruchte ich einen privilegierten Blick auf die Welt. Ich dachte nicht in den herkömmlichen Kategorien des Geistes, nein! Ich schwebte auf seidigen Teppich über den Boden der Realität hinweg. Das sagte ich mir jedenfalls immer wieder, wenn ich den Profanitäten des Alltags schonungslos ausgeliefert war. Häufig überkam mich das Gefühl von Sinnentleerheit  in Momenten, die eigentlich das Gegenteil bedeuten sollten. Ich fühlte mich dann von der Welt so entfremdet, als würde eine unsichtbare Barriere zwischen mir und der Realität befinden. Meine Literatur war das Kokon, in das ich mich zurückzog, wenn ich die Welt nicht mehr ertrug,  der Berggipfel, an dem ich wieder zu mir selbst fand. Als Jugendlicher, geplagt von existenziellen Übeln, dachte, dass ich in der Einsamkeit das höchste Glück fände! Ich war ein Narr. In der Einsamkeit suchte ich nach mir selbst, erhielt nur wenige Freundschaften. Ich erreichte ein Alter, indem viele dachten, sie bräuchten nicht mehr streben. Ich hörte nie auf. Und so kam ich hierher, an diesen Ort, an dem ich so viele Stunden einer glücklichen, sorglosen Kindheit verbracht hatte. Dieser See war der Ort, der am ehesten meine Heimat sein konnte. Die Menschen kannten mich noch. Die Enge der Straßen öffnete meinen Geist. Ich stieg über die brüchigen Treppen hinab zur Uferpromenade. Eine Leichtigkeit verband die Bewohner, die sich lebhaft auf den Straßen unterhielten, während sie in kleinen Cafés saßen, die Einkäufe erledigten oder Lazzarone nachgingen. Keine Hektik, kein Lebenszwang jagte sie durch die Straßen. Ich beneidete sie ein wenig. Vor mir eröffnete sich das Blau des Sees. Das alte Rathaus der kleinen Stadt, im klassizistischen Stil erbaut, ragte an der Promenade hoch auf. Die italienische Trikolore wehte am Mast. Eine leichte Brise fuhr durch mein Haar. Ich lehnte mich an das verschnörkelte Geländer am Ufer. Eine Vielzahl von Eindrücken wirkte auf mich ein: Der wunderbare Geruch der Blumen, die auf dem Marktplatz feilgeboten worden. Das Schlagen der Kirchenglocken der alten, gotischen Abtei. Das sanfte Rauschen des an die Kaimauer brandenden Wassers. Mit fortschreitender Zeit fühlte sich der Marktplatz. Das melodische Singen des Italienischen erhob sich wie das Summen einen Bienenschwarms über die Köpfe des Menschen. Seit Monaten schwebte über mir das Schwert des Schweigens. Meine Muse schwieg. Der Raum, der mir Sicherheit geboten hatten, meine eigene Fantasie, war verschlossen. Wenn ich durch die Straßen der Metropole lief, überfiel mich ein ängstliches Zittern. Nachdem die Dogmen der großen Weltanschauungen zerfallen waren, kannte der Mensch keinen Halt, hatte kein Opium zur Hand, um seine existenzielle Krise zu betäuben. Ich wartete vergebens auf die Eingebung, während ich konzentriert die Wellenbewegungen beobachtete. Eine schreckliche Verzweiflung ergriff mich. Ich ballte meine Hände zur Faust, krallte meine Fingernägel in den Handballen. Doch in meinem Kopf war nur Leere. Aus einer exzentrischen Position heraus begutachtete ich die Prozesse meines Geistes, die sich nur im Kreis zu drehen schienen. Aus Wut heraus wandte ich mich um und drängte mich durch die Menschenmenge zurück in die verschlungenen Gassen der Stadt. Ich begann zu rennen. Häuser rasten an mir vorbei. Neugierige Augen, die mich ruhend von Fensterbänken her begafften. Töne und Geräusche verschmolzen zu einem lauten Pfeifen. Wo aber sollte ich hin? Mich zog es nur in die Berge, die sich direkt an die Häuser der Stadt anschlossen. Nur noch vereinzelt säumten alte, halbverfallene Häuser den Wegesrand. Die Landschaft wurde karger, die Wege steiniger. Von den Gebirgsschluchten stürzten Wasserfälle in die Tiefe. Es war eine Umgebung, die den Eindruck erweckte, hier wäre man fern von Menschen. Tatsächlich schien es, als hätte niemand diese Wege in einer langen Zeit beschritten. Ich erinnerte mich vage, dass die Leute in der Stadt immer wieder vor den Bergen warnten. Es schien eine Art regionale Besonderheit zu sein, dass die Menschen, immer wenn sie einen Fluch hörten, sich dem Berg zuwandten, als ob sie Unglück abschmettern wollten. Ich hatte auch früher die Berge immer gemieden. Von ihnen ging eine Bedrohung aus, aber gleichzeitig vermochten sie meine Fantasie anzuregen: Verbargen sich dort zwischen den kargen Sträuchern mystische Fabelwesen, verursachten sie gar den Tod derer, die sie durchquerten oder war das Betreten der Berge eine Initiationsritual für die Stadtbewohner? Jeder, mit dem ich gesprochen hatte, berichtete von einem Ereignis, das ihm dort oben, wo finstere Wolken drohen, widerfahren war. In meiner Verzweiflung war mir jedes Mittel recht. Ich genoss die einsame Landschaft. Zivilisation war ein überaus relativer Begriff. Wozu brauchte ich menschliche Gesellschaft, wenn ich hier die Anwesenheit der alten Götter spürte? Über Stunden — hin bis zur totalen Erschöpfung — kletterte ich den Berg hinauf. Ich wusste, dass ich den Gipfel nicht erreichen würde. Ich war für die Kälte der Nacht nicht gerüstet. Die Sonne begann bereits, hinter der Bergkette zu verschwinden und ich begriff, wie töricht mein Entschluss gewesen war. In der Dunkelheit brauchte ich nicht den Abstieg nicht zu versuchen. Ich würde verunglücken. Am Körper trug ich nur einen dünnen Mantel, der mich auf keinen Fall vor der Kälte beschützen würde. Ich atmete tief durch und ließ mich neben einem großen Felsen in das dürre Gras fallen. Rotgoldenes Sonnenlicht beschien die noch schneebedeckten Gipfel und ließ sie wie die Kuppel der Hagia Sophia glühen. Ganz in Gedanken versunken hörte ich plötzlich Schritte. Verwundert in dieser Gegend auf einen anderen zu stoßen, wandte ich mich um: An einer blattlosen Baum gelehnt, stand einige Meter von mir entfernt eine Frau in einem altertümlichen Gewand, das stark an ein antikes Peplos erinnerte. Ihr Haar war zu einem Kranz geflochten, in den goldene Lorbeerblätter eingewebt waren. In einer Hand hielt sie eine Schreibtafel, die sie locker hängen ließ.

»Guten Abend, was treibt Sie in diese einsame Gegend?«, sagte ich.

»Das könnte ich Sie auch fragen. Die Bewohner der Stadt meiden die Berge. Also sind Sie kein Stadtbewohner.«

Ich lächelte freundlich. »Das stimmt. Ich bin ein Reisender.«

Die Frau kam näher. »Ein Reisender? Verständlich. Die Landschaft hat wirklich ihren Reiz. Ich bin auch oft hier. Aber Sie sind nicht nur ein Reisender, sondern auch Schriftsteller.«

»Woher wissen Sie das?«

»Sie sind ein Teil von mir«, sagte die Frau enigmatisch. Ich hob die Augenbrauen. »Wie darf ich das verstehen?«

»Ich bin Kalliope, Muse der Dichtung. Tochter des Zeus und der Mnemosyne.«

Ich sah sie an und unterdrückte gerade so ein lautes Auflachen. Die Situation war reichlich absurd. »Dann frage ich mich wirklich, wo du die ganze Zeit warst? Geküsst hat mich die Muse und das Glück in letzter Zeit nun wirklich nicht.«

Die Frau wirkte plötzlich ernst. »Auf eine Metapher zu hoffen, reicht heute nicht mehr aus, mein Lieber. Ihr modernen Menschen glaubt an das Urteil der Mehrheit, dass nur das von Güte ist, dass die Mehrheit für gut erachtet. Die Kraft, Gutes zu schaffen, liegt aber im Inneren. Nur der Einzelne empfindet Leid, empfindet Trauer und Melancholie. Doch für diese Gefühle seid ihr taub geworden. Die Abgründe der Psyche werden ignoriert. Die dunklen Gefühle werden in schöne Bilder transformiert und gereichen nur der Mehrheit zum Vergnügen. Je lauter das Publikum klatscht, desto besser fühlt sich der Künstler, auch wenn er das Publikum selbst bezahlt. Ihr Menschen ruft uns nur an, wenn ihr verzweifelt. In guten Zeiten sind wir Götter Gestalten, über die gelacht wird, die ihr als bloße Abgründe der menschlichen Sehnsucht abstempelt.«

Ich war skeptisch. Jeder in meiner Situation wäre skeptisch gewesen. »Wenn du wirklich eine Muse bist, dann beweise es mir!«, verlangte ich. Kalliope lächelte matt. »Wo aber wäre dann der Sinn? Würde ich es tun, würdest du behaupten, es wäre deine Eingebung. Beweise ich es nicht, bleibe ich den Beweis schuldig.«

Sie stockte. Sie schloss die Augen. Ich hörte ein leises Rascheln. Aus dem Boden wuchsen plötzlich weiße Rosen, deren süßlicher Duft mir in die Nase stieg. Kalliope beugte sich hinunter und pflückte eine der Pflanzen.

»Jeder Mensch erlebt in seinem Leben so etwas, wie eine Inspiration außerhalb der Realität. Es ist ein Geschenk, das ich denen mache, die ihr Leben nicht erzählen, als würden andere es bestimmen, sondern es selbst in die Hände greifen. Schicksal gibt es in Wirklichkeit nicht. Die Moiren spinnen nur einen Faden, den es zu zerreißen gilt. Das ist die Aufgabe der Menschen. Wenn sie, nichts tun, ist die Freiheit von Sinn in der heutigen Welt der Preis, den ihr zahlt.«

Ich starrte auf die Rose in ihrer Hand, die in wenigen Sekunden verwelkte und als abgestorbenes, braunes Blatt in ihrer Hand zu Staub zerfiel. Sosehr sich mein Verstand auch dagegen sträubte anzuerkennen, dass vor mir jemand stand, der übernatürliche Kräfte hatte, so mehr war ich gezwungen, ihren Worten Glauben zu schenken. »Wenn du wirklich Kalliope bist, warum hast du mich hier aufgesucht?«, fragte ich.

»Ich habe dir einen Pakt vorzuschlagen«, sagte sie und drehte scheinbar achtlos ihre Haarsträhnen.

»Einen Pakt? Was für Vorteile habe ich daraus?«

»Eine Inspirationskraft, wie sie kein Mensch je gesehen hat.«

»Und warum ich? Es gibt so viele auf der Welt, die einer Muse folgen würden.«

»Nun, die wenigstens suchen diesen Ort auf und besteigen diese Gipfel. Die besten Schriftsteller wissen schließlich, worüber sie schreiben. Ein Barde, der die Liebe besingt, ohne sie jemals gekannt zu haben, wird sie idealisieren und enttäuscht sein, wenn er sie wirklich erlebt. Ein Schriftsteller, der Wut und Trauer darstellt, wird nur ein Abbild dessen darstellen.«

Kalliope trat immer näher an mich heran. Sie besaß ein zwingendes Charisma, das mich daran glauben ließ, all dies wäre real. Ich konnte nicht sagen, dass es das nicht war.

»Nimm meine Hand«, sagte sie. »Es ist deine Chancen.«

Zögerlich tat ich wie geheißen. Als ich ihre Hand berührte, durchströmte mich eine eigenartige Wärme. Die Welt um mich herum wurde gleißend hell, als würden tausend Sonnen auf einmal auf uns strahlen. Dann löste sich die Welt auf.

Reliqua pars sequetur. 

Bildquelle: https://www.splitshire.com/valchiusella-mountain-landscape under CC0 License with reservation

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