Ich war in Arkadien II

Ich war in Arkadien

Fortsetzung Nr. 1

II

Ich öffnete die Augen. Mir schien, dass nur ein einziger Augenblick vergangen war. Ich wandte mich um. Ich sah direkt in eine untergehende Sonne, deren rötliche Scheibe sich am fernen Horizont abzeichnete. Ich sah Kalliope neben mir stehen. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet. Ich befand mich auf einem Feld. Um mich herum wogten Weizenähren in der warmen Abendbrise. Ihr Rauschen glich einem Choral. Ein alter Baum ragte hoch zwischen den Feldern auf. Ich kannte diesen Ort.

»Du kennst diesen Ort, nicht wahr?«, sage Kalliope, als hätte sie meine Gedanken gelesen.

»Ja, hier war ich früher häufig. Der alte Baum in den Feldern…so viele Erinnerungen hängen an diesem Ort.«

Ich hielt inne. Die Luft des Feldes, des nahenden Abends und des Getreides kamen mir vertraut und fremd zugleich vor. Ich hörte Stimmen, die sich aus der Ferne näherten. Besonders die eine kam mir vertraut vor: Eine Stimme, die mich eigenartig berührte, die Erinnerungen weckte an eine längst vergangene Zeit, als ich jünger war und nicht die Bürde der modernen Existenz tragen musste, da Existenz für mich als gegeben galt, sogar etwas, dass ich unabhängig von meinen Leistungen, meinen Taten und Gedanken erhalten konnte. Existenz und Essenz waren für mich verknüpft; das Letztere ergab sich aus dem Ersteren. Heute aber wusste ich, dass dies nicht so war. Diese Illusion der Jugend, dass Essenz aus der Existenz hervorging, hat sich als falsch herausgestellt. Die reine Existenz zu überwinden war eine große Kunst. Es näherten sich mir und Kalliope zwei Personen: Ein Junge und ein junges Mädchen, die sich glücklich lächelnd anschauten. Das Mädchen hatte dunkle Haare, die ihr in glänzenden Wellen von den Schultern fielen. Sie trug ein leichtes Kleid, das durch die Brise aufgeweht wurde. Sie liefen barfuß über das Feld. In ihrem Gesicht ruhte jene Lebenslust, die erst das Alter austreibt. Sie versprühte einen Esprit, der sich erst in Trauer verlor. Ihre Züge waren in voller Entwicklung begriffen. Ich verstand den Jungen, dass er dieses Mädchen liebte. Das Erwachsenwerden war eine furchtbare Erfahrung und hatte nichts von der nostalgischen Idealisierung durch die Älteren. Zu merken, dass ein Leben mit Verantwortung bevorsteht, ist für junge Menschen kein schöner Ausblick. Zu wissen, dass jemand in dieser Situation beiseite steht, ist höchstes Glück. Die beiden ließen sich unter dem Baum nieder, dessen Schatten die Hitze des Tages abmilderte. Das Mädchen legte ihren Kopf auf die Brust des Jungen und die beiden schauten sich in die Augen. In ihren Blick lag Erregung, lag Unsicherheit und Hoffnung. Ihre Münder berührten sich und die Eitelkeit der beiden löste sich auf. Sie verschmolzen und wurden untrennbar. Aus der Fusion zweier Herzen entstand jenes warme, sommerliche Gefühl der Geborgenheit, wie es nur ein kleines Kind erlebt.

»Das bin nicht ich«, sagte ich plötzlich und löste meinen Blick von den beiden. Kalliope lächelte wissend.

»Ich weiß. Aber das hättest du sein können. Es sind doch die Geschichten die besten, die nie geschehen sind, meinst du nicht?«

»Warum führst du mich an Orte, an denen ich dem nachtrauere, was ich hätte haben können?«

»Der Mensch neigt dazu, Leid und Hoffnungslosigkeit zu vergessen. Er will aus jeder noch so schrecklichen Episode seines Lebens etwas Positives destillieren. Wenn der Mensch vergisst, was es heißt, zu leiden, wächst er daran nicht. Viele denken an ihre Jugend mit Wehmut zurück, wenn ihr Körper zu lahmen beginnt und die Vergänglichkeit der guten Gegenwart uns dazu zwingt, unser Leben in das Korsett einer guten Geschichte zu zwängen. Wenn du das aufgibst, wirst du die Gegenwart egal in welcher Lage besser begreifen.«

Ich nickte. »Die beiden dort leben in einer Blase. Sie wird bald platzen und was aussieht, als gehöre es zusammen, wird gewaltsam auseinandergerissen.«

»Du sagst es«, sagte Kalliope. »Liebe verwandelt sich in Abneigung und Hass. Beides liegt so nahe beieinander. Als Schriftsteller hast du das wohl schon begriffen.«

»Ich zehre nur von den Erfahrungen anderer, was Liebe angeht. Ich habe sie nie erfahren. Ich war alleine. Erst dachte ich, es sei ein vorübergehender Zustand, dann hoffte ich noch, tat aber nichts mehr, um mich diesen Umstands zu entledigen. Dann gab ich auf. Es ist schrecklich, denn so perpetuiere ich den idealisierten Zustand der Liebe. Die Leute, die meine Werke lesen, steigen auf in wolkenhafte Sehnsucht, ohne zu wissen, dass ich selbst so bin wie sie — ein unerfülltes Leben führend.«

»Manche nennen Schriftsteller und Dichter Lügner, weil sie von Dingen berichten, die sich so nicht zugetragen haben. Sie schmückten die Realität aus, verfälschten sie, wendeten sie nach einem bestimmten Geschichtsbild.«

Ich sah auf die jungen Liebenden unter dem Baum. »Wir Schriftsteller haben einen hohen Bewusstseinsgrad erreicht. Wir wissen, dass die Realität unerträglich wäre, flüchten uns in Wolkentürme. Ich weiß, dass ich das Leben und seinen Verlauf nicht ändern kann. Was ich tue, in meinen Romanen, meinen Essays, ist ein Soll- oder Könnte-Zustand zu beschreiben…«

Bevor ich weitersprechen konnte, unterbrach mich Kalliope. »Würdest du für einen Moment in den Körper des Jungen eintauchen? Für einen Moment die Jugend zurückholen?«

Ich seufzte. »Ich habe derartiges nie erlebt«, sagte ich. »Je älter ich werde, desto eher denke ich an früher: An meine schlechten Entscheidungen, an meine Verbissenheit, an meinen Wunsch erwachsen sein zu wollen. Ich würde, ja.«

Sie lächelte. »So sei es.« Ein merkwürdig zynisches Lächeln lag auf ihren Lippen. Die Welt um mich herum wurde weiß und hell. Ein Blitz zuckte vor meinen Augen. Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder. Da lag ich nun, unter dem alten Baum, behütet unter grünen Blättern, durch die das Sonnenlicht goldene Fäden spann. Eine Seligkeit überfiel mich. Ich spürte das Mädchen, das ich nicht kannte, in meinen Armen. Spürte ihre seidigen Haare, ihren Atem. Ich sah hinaus auf das Feld. Ich sagte nichts. In diesem Moment reichten Worte nicht aus, um mein Glück auszudrücken. Wie großartig die Jugend doch gewesen sein musste! Verantwortung so fern! Zukunftssorgen überschattet von der Einfalt! Die Härte des Lebens noch die Klage der vorherigen Generationen! Ich sah auf das Mädchen, das neben mir lag. Ich lächelte. Sie hob ihren Kopf. Ich zuckte unwillkürlich zurück. Aus ihren Mundwinkeln tropfte Blut. Feine, rote Linien, zogen sich hinab zum Hals. Ihre Augen waren schwarz gerändert. Ihr Gesicht wirkte wie das Angesicht einer toten. Aus ihren Mund klangen stille Schreie. Ich stieß sie von mir und sprang auf. Eine furchtbares Gefühl der Beklemmung überfiel mich. Wie gelähmt starrte ich sie an, die sich erhob und langsam, gemessenen Schrittes auf mich zuging. Sie legte ihren Kopf schräg und begann irre zu grinsen. Ich wich einen Schritt zurück. Plötzlich zog sie ein Messer aus dem Nichts und stach auf mich ein; genau auf die Stelle, wo mein Herz sein sollte. Ein elektrisierender Schmerz durchzuckte mich. Ich stürzte nach hinten. Die Erde tat sich unter mir auf und ich fiel in ein schwarzes Loch im Boden. Das Mädchen starrte auf mich herab und lachte dabei. Ein starker Luftzug umwehte mich, während ich fiel. Ich verlor das Bewusstsein, noch bevor ich auf dem Boden aufschlug.

III

»Wach auf!«, hörte ich eine Stimme sagen. Ich hob den Kopf. Sonne blendete mich. »Was ist passiert?«, fragte ich, mehr mich selbst als Kalliope, die über mir stand. Meine letzte Erinnerung war, dass ich in das Loch im Boden gefallen war. Es musste eine Illusion gewesen sein. »Ich helfe dir hoch«, sagte sie und reichte mir die Hand. Meine Augen hatten sich inzwischen an die Helligkeit gewöhnt, die dadurch verstärkt wurde, dass rings um mich exzessive Glasfassaden das Licht gegenseitig reflektierten. Ich sah Kalliope an. Sie trug nicht mehr ihre antiken Gewänder, sondern moderne Geschäftskleidung. »Wo sind wir?«, fragte ich und sah mich um. Glass-and-Steel-Architektur überall. Es könnte jede Großstadt sein. Ein ewiger Strom von Autos zog sich über die Straßen. Die Wagen waren ausnahmelos schwarz. Menschen in Anzügen und Aktentaschen eilten gemessenen Schrittes die Bürgersteige entlang. Im Takt einer Maschine stoppten sie an Ampeln, wichen sie einander aus, und obwohl sie mit so vielen Anderen auf so engem Raum waren, sprachen sie kein Wort. »Wir könnten überall sein«, sagte Kalliope und lächelte verschmitzt. »Dies ist ein Ort, an dem jeder sein Bewusstsein aufgegeben hat, um besser zu funktionieren: Intelligenz gegen Emotion. Kollektivität gegen Individualität. Die perfekte Verwirklichung von Gleichheit, sagen manche.«

»Mich als Humanisten schmerzt es, das hier zu sehen!«, ich schüttelte mit dem Kopf.

»Individualität, Scheitern und Erfolg kann anstrengend sein. Diese Menschen können sich treiben lassen, ohne ihr Scheitern zu fürchten. Ist das nicht beruhigend?«

»Aber wie führt mich das auf dem Weg zu Inspiration weiter?«

»Wenn Menschen wie du die Menschen zum Nachdenken, zum Reflektieren, zur Einsicht bewegen kannst, dass sie gemeinsam die Macht haben, die Dinge zu verändern, die sie zwingen, Schreckliches zu tun und zu erleiden, dann hast du verstanden, dass dies nicht die Zukunft der Menschheit sein soll. Und auch nicht sein wird.«

»Können Musen überhaupt optimistisch sein?«

»Optimismus ist die Eitelkeit der Götter.«

»Optimismus ist doch etwas zutiefst Menschliches. Zu hoffen, dass die Zeichen der Zeit wohlgesonnen sein werden. Optimismus trägt die Verantwortung für die Zukunft zu einem gewissen Teil nach außen.«

»Auch Götter dürfen glauben«, erwiderte sie lapidar.

Ich antwortete nicht. Wir liefen ein wenig durch die immer gleichen Straßen, bis wir eine verlassene Seitenstraße erreichten, die sich abseits der sterilen Innenstadt befand. Hier befand sich die dunkle Seite der modernen Stadt. Dunkle Gassen, in denen Gestalten hausten, die sich nicht ans Tageslicht wagten. Es stank nach Unrat und Schimmel. Die Wolkenkratzerschluchten schluckten das Licht nahezu vollständig. Abfalltonnen standen Reih’ and Reih’. Vereinzelt war das Rascheln der Ratten zu hören, die sich durch den Müll fraßen. Mein Blick fiel auf ein altes Poster an der bröckeligen Backsteinwand. Es zeigte eine alte Reisewerbung, die einen tropisch anmutenden Strand zeigte, auf dem sich eine einzelne Sonnenliege befand. Auf magische Weise fühlte ich mich von dem Bild angezogen und ging näher. Ich berührte es. Licht stieg um mich herum auf. Ich hörte ein Dröhnen, ehe ich in das Poster hineingesogen wurde.

Niclas Frederic Sturm

Photo taken from: https://www.splitshire.com (Ears-ripe-wheat-IV) – CC0 

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