Ich war in Arkadien III

Ich war in Arkadien

III

Die letzte Station einer Reise

Ich öffnete die Augen. Das Reisen durch Raum und Zeit, an Orte, die nicht wirklich waren, verwirrte meinen Geist. Je mehr ich von einer Vergangenheit sah, die ich niemals erlebte, eine Zukunft, die hoffentlich niemals wahr würde, desto stärker reifte in mir die Gewissheit, dass ich als Schriftsteller beschränkter war, als ich je gedacht hatte: Die Vorstellungskraft scheitert an den Wällen des verletzten Stolzes, dem eitlen Beiseite-Wischen schrecklicher Vorstellungen und dem reinen Begriff der Unmöglichkeit. Vor mir eröffnete sich nun ein perlweißer Strand. Das Meer rauschte und warf sein Wasser mit sanften Rauschen an den Strand. Ich sah mich um. Umgeben war ich von tropischen Breiten; Palmen und Urwaldgewächsen, ein toter Vulkan ragte hoch und mächtig hinter dem Wald auf, unnahbar wie die Festung eines despotischen Herrschers. Wo war ich? Inmitten des Meeres aus weißen Sandkörnern stand Kalliope und blickte auf die klaren Fluten, in denen sich das ungebrochene Blau des Himmels spiegelte. Ich wollte mich ihr zuwenden und fragen, was das hier sollte; warum ich diese Reise durch unwirkliche Welten angetreten war, wo doch mein Anliegen das Erlangen von Inspiration gewesen war. Hätte nicht ein einziger Kuss der Muse dem entsprochen? Regte nicht die singuläre Inspiration den Geist an, dass er selbst seinen Lauf fand? Sie aber zeigte ohne mich anzusehen auf den blendend weißen Strand. Zunächst erkannte ich nichts. Dann aber sah ich einen Körper am Strand liegen, der merkwürdig in sich verdreht war. Ich trat näher, während der Sand unter meinen Füßen brannte. Als ich erkannte, wer da vor mir lag und welches bleiche, leblose Gesicht mir in die Augen schaute, verlor ich für einen Moment jegliches Gefühl. Es war, als hätten die Vögel aufgehört zu singen, der Wind aufgehört zu rauschen und mein Geist aufgehört zu sein. Ich sah mich selbst. Ich war und gleichzeitig sah ich dort mich liegen. Existenz und Nicht-Existenz traten in diesem Zeitpunkt zusammen. Kein etruskisches Lächeln lag auf den Lippen des Toten. Ich glaubte, ich wusste, dass all dies eine Illusion war. Eine einzige Träne lief meine Wange hinunter. Wie konnte ich mich selbst sehen, wenn ich eigentlich tot war? Kalliope stand plötzlich neben mir. Ich wandte mich ihr zornig zu: »Was soll das? Warum bin ich hier und muss meinen eigenen Leichnam sehen?«

»Ein wichtiger Grund. Ich möchte, dass du darüber nachdenkst, was dich in deinem Leben besonders ausgezeichnet hat. Was waren die Gründe, warum du gelebt hast, wie du gelebt hast?«

Ich versank in Schweigen. Es erschien mir seltsam, über diese Frage nachzudenken. Mein Leben war verlaufen wie das Blühen einer Pflanze. Einem programmierten Plan folgend wuchs und reifte ich zu der Person, die ich heute bin. Ich würde zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft eingehen und verblassen. Gelebt hatte ich stets unaufgeregt. Ich hatte mich nie zu einer Exzentrizität hinreißen lassen, die die Bequemlichkeit meines Lebens in Gefahr gebracht hätte. Radikal wäre ein Begriff, mit dem sich mein Leben nicht prägen ließe. Manchmal hatte ich es so empfunden, als wäre jedes mögliche Leben bereits von einem anderen gelebt worden: dem Glücklichen, aber Besitzlosen, dem Reichen, aber Todtraurigen, dem Lebemann ohne Halt, dem Trägen, der nie den Ort seiner Geburt verließ, dem Weitgereisten, dem Weisen… Gewisse Archetypen waren für alle Zeiten erkennbar. Mir fehlte die Vorstellungskraft dieser abzählbar endlich Liste ein weiteres Element hinzuzufügen.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Also fehlt dir die Inspiration?«, sagte sie — merkwürdigerweise lächelnd.

»Ich möchte dir noch etwas Wichtiges zeigen. Nimm meine Hand.«

Ich tat wie geheißen. Erneut begann sich die Welt um mich in grelle Funken aufzulösen, sodass ich die Augen schloss. Es war merkwürdig, was Kalliope mir vorgeführt hatte: Sobald ich mich selbst betrachtete, fehlte mir die Inspiration. Ich sah mein eigenes Leben, wie es jetzt in diesem Moment war und konnte für die oder jene Entscheidung eine — vielleicht nachträglich erzeugte — Begründung finden. Doch lag ich selbst leblos vor mir, dann wusste ich nichts zu sagen. Denn es war nicht ich selbst, den ich betrachtete, sondern eine leblose Hülle, die mit mir, dem warmen, pulsierenden Menschen, nichts viel mehr gemein hatte. So auch stand ich vor den vielen Geschichten, die ich noch schreiben wollte, aber nicht konnte. Ich konnte Inspiration erlangen, wenn ich selbst als Autor hinter die Geschichte zurücktrat, vielleicht die eine oder andere Spitze gegen meine eigenen Figuren warf, aber sonst mich und meine Persönlichkeit zurückhielt. Denn sobald ich diese Maxime ignorierte, würde es mir nahezu unmöglich, mich aus meinen beschränkten, eigenen Wahrnehmungsbereich zu befreien.

Ich öffnete wieder die Augen. Wir befanden uns in einer Halle aus weißem Marmor. Dorische Säulen mit goldüberzogenen Kapitellen waren peristylartig angeordnet. Der Boden war übersät mit leuchtend roten Blüten. Ein lieblicher Duft entströmte bronzenen Schalen, in denen die Reste von exotischen Harzen glimmten. Ich wandte meinen Blick nach oben. Der Himmel über uns war offen. Tiefschwarze Wolken verdunkelten die Sonne. Rauch waberte durch die Halle und verdeckte den Blick auf das Innere. Ich nahm eine an der Wand hängende Fackel und ging langsam auf die gräulichen Wolken zu. Ich erkannte umgeworfene Tische und Bänke. Früchte, Brot und Fleisch war auf dem Boden verteilt. Ich fand Trinkkelche, in denen der Wein schon getrocknet war. Was war dieser Ort? Vor mir lag eine geschlossene Tür, die mit sieben schweren Riegeln verschlossen war. Ich legte die Fackel beiseite und versuchte das Portal zu öffnen. Ächzend schob ich die Riegel zurück. Der Türgriff hatte die Gestalt eines Löwenkopfes. Ich drückte gegen die Tür. Quietschend schwang sie auf. Mit einem Mal überfiel mich ein fürchterlicher Lärm. Ich hörte metallisches Klirren. Meine Sicht klarte auf. Ich erkannte in Rüstungen und antike Gewänder gekleidete Gestalten, die auf einer Art Balkon standen. In der ferne stand eine rote Sonne hoch am Himmel. Am Horizont leuchteten immer wieder grelle Lichter auf. Ich trat näher. Die Gewänder waren über die Jahre zerfressen, die Rüstungen mit Patina überzogen, die Schwerter und Speere zerbrochen. Ich erkannte die Gesichtszüge der zu brüchigem Stein gewordenen Wesen. Es waren Olympier, die von hier aus über ein verwüstetes Land wachten. Ihre Gesichter waren vor Schmerz verzerrt und entstellt. Verzweiflung lag auf ihren Gesichtern. Das schöne Gesicht der Aphrodite war von Narben übersät, der Bogen der Artemis gebrochen, das Feuer der Hestia erloschen. Ich rief nach Kalliope, denn ich erkannte Klio, Thalia und Erato. Doch eine Stelle war leer. Leise Schritte waren zu vernehmen. Kalliope tauchte aus inmitten des von Funken entzündeten Rauches auf. Melancholie lag auf ihrem Gesicht.

»Was ist hier passiert?«, fragte ich sie.

»Der Mensch hat aufgehört, an uns zu glauben. Woran er glaubt, das ist er selbst. Diejenigen, die ihm zu geistiger Größe verholfen haben, sind vergessen und zu Stein erstarrt.«

»Aber warum liegt die Welt hier in Asche?«

»In einer Welt ohne Götter gibt es nichts mehr, an das der Mensch glauben kann. Er glaubt höchstens daran, seinen größten Nutzen zu erzielen. Er intrigiert, stößt andere von Klippen, zerstört fremde Leben. Warum? Weil er nicht anders kann. Der Glaube an Götter führt zu Moral und diese bestimmt und bedingt die menschliche Gemeinschaft. Ohne Götter gibt es kein Gut und Böse. Die Ideen, die der Mensch für »Gut« und »Schlecht« hat, entspringen dem Glauben an eine höhere Instanz, die sanktioniert.«

Ich sah hinaus in die zerstörte Landschaft. Ich erinnerte mich an die unzähligen Stunden, die ich vor meiner alten Schreibmaschine in meinem Arbeitszimmer gesessen hatte. Das Fenster hatte zur Straße hin gezeigt. Alte, barocke Vorhänge mit goldfarbenen Kordeln rahmten den Blick auf eine hektische Welt ein. Ich sah die Ungetüme der modernen Welt: Graue Fassaden mit Myriaden von Fenstern, die Farblosigkeit einer Welt, die alles Natürliche in speziell zugewiesene Reservate verbannt hatte. Ich fragte mich, woran diese Menschen noch glaubten. Die Tempel der Welt waren nicht die Börsen, Häfen und Banken, sondern vielmehr gab es keine mehr. Es zählte nicht der Geist der Gebäude, ihr Produkt, das Geld. Dieses war Mittel zum Zweck, dass sich der Mensch selbst Denkmäler errichtete. Götter und Musen würden nicht vergessen, der Mensch sehr wohl. Was war da meine Inspiration? Sie war mein persönlicher Versuch, nicht vergessen zu werden. Wir standen gefühlte Stunden vor der Trümmerlandschaft. Sie war der Stadt, die ich von meinem Schreibtisch aus beobachten konnte, nicht unähnlich. Was war der Unterschied zwischen Ruinen aus Stein und Menschen, die in Ruinen lagen?

»Ich bringe dich zurück in die Wirklichkeit«, sagte sie und fasste mich an der Hand. Ich protestierte nicht. Ich ließ mich treiben, durch Raum oder Zeit, oder die sonstige Substanz, durch die ich reiste. Wir verließen den Ort der verbrannten Erde, die Heimat der alten Götter. Dann waren wir zurück im Gebirge, in das ich vor Stunden oder Tagen geflüchtet war. Es war spät geworden und ein Meer aus Nebel hatte sich über dem See gebildet, der sich von den Berggipfeln aus bis hinunter an die Ufer wälzte. Ich stand inmitten von hoch aufragenden Felsen und sah hinunter. Die Welt war in grauen Wolken gefangen. Ich lächelte. Kalliope trat neben dich. »Verstehst du jetzt mehr?«, fragte sie. Ich nickte, auch wenn ich dieses Verständnis nur unzulänglich in Worte fassen konnte. »Ich möchte dir ein Geschenk machen«, sagte sie. Sie nahm ihren Schreibgriffel und eine Wachstafel heraus und kratzte einige Minuten lang Formen auf die Tafel. Dann übergab sie mir sie. Ich nahm die Tafel entgegen und blickte hinunter auf die Zeichen. Sie waren in einer fremden Sprache abgefasst und dennoch verstand ich sie. Ein Gefühl von Wärme durchströmte mich und zum ersten Mal fühlte ich, wie sich eine Eingebung anfühlte. Es war, als würde mein Geist strahlen und dieses Strahlen das ganze Tal erhellen. »Danke«, sagte ich und wandte mich ihr zu. Doch sie war verschwunden. Ich befand mich alleine auf den Felsen. Ein kühler Wind wehte von den Bergen herab und ließ mich erschaudern. Es war Abend geworden und die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Mir blieb nur noch wenig Zeit, hinunter ins Tal zu kommen, wenn ich nicht die ganze Nacht auf dem Berg verbringen wollte.

Gegen Mitternacht erreichte ich die Schotterstraße, die hinunter ins Dorf führte. Die Lichter waren größtenteils erloschen und aus den Häusern drangen nur noch wenige Geräusche. Ich humpelte ein wenig. Mehrmals war ich gestürzt. Gebrochen hatte ich mir zum Glück nichts. Ich bog von der Hauptstraße in die Seitenstraße ab, in der mein Haus lag. Müde war ich kaum. Nachdem ich die Tür verriegelt hatte, lief ich mich in den schweren, mit Brokat bezogenen Sessel fallen. Ich hatte viele Dinge gesehen, die ich noch nicht verstand. Es war still geworden in der Stadt am See. Während tagsüber die Bewohner lautstark auf den Straßen unterhielten, Autos die holprigen Pflasterstraßen durchquerten und Fensterläden knallten, herrschte in der Nacht eine fast tödliche Ruhe. Ich begab mich zum Fenster, das zum See zeigte. Ich erkannte die glitzernden Lichter der am anderen Ufer liegenden Stadt. Ich lächelte. Die Inspiration hatte mich befreit. Die Menschen konnten sich nur deswegen vor dem Berg fürchten, weil aus ihm Wahrheit und Weisheit entsprangen. Ich fürchtete das Paar nicht mehr. Ich hatte es zu lieben gelernt.

Niclas Frederic Sturm 

In Extremo Libro

Beitragsbild: »View of the Misty Fog Mountains« – Splitshire.com – CC0 Lizenz

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