Das Kaffeehaus

Das Kaffeehaus

Kaffeehäuser sind ein Mikrokosmos. In ihnen finden wir die verschiedensten Typen des Menschen. In historisierender Atmosphäre, mit in Frack gekleideten Kellnern, goldenen Kristallkronleuchtern und Marmorboden, werden wir in eine andere Zeit versetzt. Während draußen vor der Türe längst Neonlichter und bunt blitzende Anzeigen um die Aufmerksamkeit der Vorbeigehenden wetteifern, könnte man im inneren dieser Tempel meinen, dass man — auf bequemen, mit Brokat bezogenen Stühlen sitzend — im Licht der Kerzen keine Verbindung zur Außenwelt mehr besaß und die Häuser gewissermaßen als nach Kaffee und Gebäck duftende Zeitkapseln funktionierten. Johann Caspar liebt diese Orte. Regelmäßig — wenn es seine Zeit zulässt — sucht er das Kaffeehaus »Bohemia« auf, das hervorragenden Apfelstrudel vertreibt. Er lässt sich dann in die schweren Sessel sinken, nimmt eine aktuelle Tageszeitung zur Hand und verbringt mit dem Kaffee in der Hand angenehme Stunden in der heimeligen Wärme des Hauses. Eigentlich führt Johann Caspar stets eine Taschenuhr mit sich, um die Zeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Seine Arbeitszeiten sind präzise getaktet. Im Takte der Uhr verbrachte er sein Leben. Johann Caspar hatte Frau und Kinder zu versorgen. Seine Arbeit bei einer Versicherung war ordentlich, angemessen bezahlt und verzehrte ihn nicht. So fand er immer wieder Stunden, in denen er sich im prächtigen Second Empire Bau des »Bohemia« seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Zeitungslesen widmen konnte. Erstaunlich, welche Ereignisse die Welt in Atem hielten! Hie fielen die Börsenkurse, da stiegen sie ins Unermessliche. Während in Indochina ein Frachter unter unerklärlichen Umständen versunken war, war in Zentralamerika eine bewaffnete Rebellion ausgebrochen. Die Welt war so vielfältig! Johann Caspar bestellte sich noch eine Melange und einen Apfelstrudel, ohne von der Zeitung aufzublicken. Eine Stimme räusperte sich: »Entschuldigen Sie, der Herr, aber wir schließen.«

Johann Caspar war überrascht und faltete eilig die Zeitung zusammen. »Oh je, ich habe ich die Zeit ganz aus den Augen verloren«, er lachte nervös auf. »Bis zum nächsten Mal«, sagte er und klemmte sich die Zeitung unter die Arme, während er mit der anderen Hand seine Aktentasche nahm. Als er das »Bohemia« verließ, war es bereits später Abend geworden. Die Sonne war schon lange von den Straßen und Plätzen gewichen und hatte einer rötlichen Dämmerung den Weg bereitet. Johann Caspar war es furchtbar unangenehm. Seine Familie wartete sicherlich schon länger auf ihn. Mit schnellen Schritten durchmaß er die Straßen der Stadt, um sein Versäumnis kompensieren zu können. Mehrfach klingelte er an der Tür seiner Stadtwohnung, die er zusammen mit seiner Frau und den zwei Kindern bewohnte. Vor einigen Jahren hatte er für seine Familie ein kleines Ferienhaus außerhalb der Stadt gekauft. Seine Kinder sollten schließlich nicht nur in der bedrückenden Atmosphäre der Stadt aufwachsen. Seine Frau öffnete ihm nach einiger Zeit. Sofort ergoss sich ein Schwall aus Entschuldigungen und Beteuerungen über sie, die sie nur mit einem müden Nicken quittierte. Johann Caspar trat ein in den schummrigen Flur. Aus dem Wohnzimmer drang die melancholische Melodie der »Mondscheinsonate«. Dunkle Holzmöbel saugten jegliches Licht aus dem Flur, der auf ein kleines Fenster zulief, hinter dem sich jedoch der Innenhof verbarg. Einige Apfelbäume, die seit Jahren keine Früchte mehr trugen, befanden sich dort. Ein Bewohner der Wohlstandskaserne hatte sie dort vor einigen Jahren gepflanzt. Seine Name war vergessen. Johann Caspar trat ins Wohnzimmer, in dem seine Tochter Klavier spielte. Ihr Gestus, ihre Pose, alles verriet, dass sie von einem echten Meister des Fachs unterrichtet wurde. »Schön spielst du, sehr schön«, lobte er. Sie nickte nur kurz und fuhr mit dem Spielen fort. »Wo ist eigentlich Johann?«, fragte er seine Frau. »Im Studierzimmer«, antwortete sie. Johann Caspar durchquerte das Wohnzimmer und gelangte in einen separaten, verwinkelten Raum, der fast vollständig mit Bücherregalen ausgefüllt wurde, die aufgrund der Nischen unterschiedlich hoch an die Decke ragten. An einem schönen alten Schreibtisch, der aus dem Holz der SMS Novarra gefertigt worden war, saß sein Sohn, in Cassius Dios Römische Geschichte vertieft. »Ah, ich sehe du liest die Annalen, Johann. Sehr vorbildlich.«

Sein Sohn sah nur kurz auf, schob sich den strengen Seitenscheitel aus dem Gesicht, grüßte seinen Vater und wandte sich dann wieder der Römischen Geschichte zu. Währenddessen murmelte er die o-Deklination lateinischer Nomen: »Us, i, o, um, o, i, orum, is, os, is…«

»Habt ihr denn schon diniert?«, fragte Johann.

»Ja, Sie waren ja zu spät, Johann Caspar.«

»Ich habe mich doch schon entschuldigt.«

»Warum lässt du die Kinder und mich alleine speisen?«

»Ein Unfall,…ein unglücklicher Zufall…wird nicht wieder vorkommen.«

Seine Frau entfernte sich, um in der Küche das noch schmutzige Geschirr abzuspülen. Das Klirren der Gläser war lauter als sonst.

Am nächsten Tag, pünktlich um 17 Uhr, verließ Johann Caspar sein Büro. Die Straßenbahn mit der Nummer 4 hielt quietschend einige Schritte vom Ausgang des Büros entfernt. Johann Caspar war müde und wollte nur in einem bequemen Sessel versinken, mit einem guten Glas Wein in der Hand, während er der Stimme Ella Fitzgeralds lauschte. Aber ein schöner Kaffee hätte auch noch etwas Schönes für sich. Also machte er kehrt und steuerte auf das »Bohemia« zu, das in den Abendstunden von außen noch prächtiger als sonst wirkte. Der Keller mit dem Backenbart empfing ihn — wie gewohnt freundlich. Sein Sessel mit dem dazugehörigen Tisch war auch noch frei. Er bestellte das Übliche und schlug die bereitliegende Zeitung auf. Erstaunlich, welche Ereignisse die Welt in Atem hielten! Hie fielen die Börsenkurse, da stiegen sie ins Unermessliche. Während in Indochina ein Frachter unter unerklärlichen Umständen versunken war, war in Zentralamerika eine bewaffnete Rebellion ausgebrochen. Bald versank er gänzlich in der magischen Welt des Kaffeehauses, das anscheinend nie schließen wollte. Er hörte Lachen, das Klirren und Klappern der Gläser, Tassen und Maschinen, die den betörenden Geruch des Kaffeepulvers in alle Richtungen verbreiteten. Johann Caspar musste an die Schauspielerin denken, die er vor einiger Zeit im Theater gesehen hatte. Großartig, wie sie die Penelope dargestellt hatte. Er wandte sich wieder der Zeitung zu. Wieder: Hie fielen die Börsenkurse, da stiegen sie ins Unermessliche. Während in Indochina ein Frachter unter unerklärlichen Umständen versunken war, war in Zentralamerika eine bewaffnete Rebellion ausgebrochen. Nach einiger Zeit wurde er müde und reckte sich. Mittlerweile war es dunkel geworden und bleierne Schwärze hatte sich über die Stadt gelegt. Er stand auf, ließ die Zeitung diesmal liegen und nahm seinen Aktenkoffer. Beim Hinausgehen sah er in den Spiegel. Er war ein alter Mann geworden. Seine Augen waren trübe, seine Glieder zitterten vor Spannung. Wenige Stunden — sie bedeuteten ein ganzes Leben.

Niclas Frederic Sturm

Picture Credits: Splitshire – Old Mokas, CC0 license 

2 Kommentare zu „Das Kaffeehaus

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