Über das Vergessen

Den Faden des Lebens, der bei Geburt gesponnen wird und immer weiterläuft, zu verstehen und sein Fortbestehen zu erkennen, darin sehe ich einen Teil der Antwort auf die Frage, wonach ich im Leben suchen solle. 

Das Vergessen ist eine der natürlichsten Aktivitäten; ohne es würden bereits unsere Vorfahren mit zu vielen Informationen belastet, die sie zu verarbeiten hätten und entsprechend wäre ihr Leben verkürzt worden. Ohne Vergessen zu können würden wir tatsächlich in zwei Zeiten zugleich leben: Gegenwart und Vergangenheit. Alles, das wir sähen, würde Teil einer immerwährenden Gegenwart, die sich nie abstreifen ließe. Jedes Detail würde in unser Bewusstsein eingebrannt und bliebe für immer dort. Neben der Sortierfunktion gibt es auch Umstände, die den Menschen dazu veranlassen können, etwas vergessen zu wollen. Ein Trauma oder eine andere, schreckliche Erinnerung können dazugehören. Durch sie — also das Nicht-Vergessen — werden wir ebenso belastet. Im Erinnern durchlebt das Opfer wiederkehrend das Trauma, sodass das Bemühen entstehen könnte, die Erinnerung zu unterdrücken. Genau deswegen aber können kleinste Eindrücke für ein Wiederauftauchen des Schmerzes sorgen. Akzeptanz der Erinnerung ist vielfach kein Ausweg, da die Erlebnisse zu tief, zu grauenhaft oder schrecklich liegen, als dass eine Akzeptanz überhaupt möglich wäre. Vielmehr steht eine lange, vielleicht lebenslange Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung bevor — in der fast schon paradoxen Konfiguration, dass es die eigene Erinnerung ist bzw. scheint. Auslöser eines Traumas ist häufig nicht eine eigene, eigenständige Entscheidung, sondern die eines anderen, eines Täters. Die Erinnerung wird durch die Tat nicht zur eigenen, nicht zum Selbst, sondern ist die Tat des Anderen aus einer anderen Perspektive, so, als nähme ein Regisseur eine Szene aus verschiedenen Winkeln und Positionen auf. Zu erkennen, dass die Erinnerung nicht eigene, sondern eine fremde ist, löst obigen Konflikt möglicherweise auf.

Auf einer gesellschaftlichen Ebene passieren viele Dinge, die rasch vergessen werden. Eine flüchtige Bekanntschaft bei einem Empfang, einer Gartenparty oder in einer Bar werden vergessen, ohne tiefere Spuren zu hinterlassen.  Ein Name — wie Rauch, unbegreiflich und unfassbar. Erinnerungen, die keine emotionalen Spuren hinterlassen, ob positiver oder negativer Natur, bleiben nicht lange erhalten. Ich setze mich gerne in ein Café, mit einer Zeitung oder Buch, einem Kaffee und warmer Kleidung geschützt und beobachte die Menschen, die über die Plätze und Straßen nahe meines Sitzplatzes eilen. Obwohl es Menschen wie meine Freunde sind, empfinde ich wenig für diese Personen. Mir sind ihre Geschichten nicht bekannt, obwohl es mich häufig reizt, zu überlegen, wie das Leben dieser oder jener Person aussieht. Fantasievoll schmücke ich ihre Lebensgeschichte aus, nur um in den wenigsten Fällen die Realität kennenzulernen. Dann greife ich zu meiner Tasse, schmecke den leicht bitteren Geschmack des Kaffees oder Tees, beiße in ein Butterbiskuit und denke darüber nach, was ich in meinem Leben alles Vergessen habe. Es ist eine Sache, Wissen also Fakten zu vergessen, eine andere, Personen und Menschen, die man kennt, vergessen zu haben. Je einfacher das Vergessen fällt, umso schwerer ist das Erinnern. Die Antike betrachtete das Erinnern wie eine veritable Kunstform, en par mit Rhetorik, Arithmetik und Logik. Denn wenig fällt schwieriger, als eine Erinnerung so in den Geist einzubetten, dass sie dort für längere Zeit auffindbar bleibt. Möglicherweise liegt es daran, dass Erinnern und das Erinnert-bleiben-an-etwas Arbeit erfordert: Erinnerungen und die Pfade zu ihnen müssen gepflegt und durchwandert werden, das Vergessen erfordert häufig bloß tätige Untätigkeit. Die Erinnerung kann über zwei Wege erlebt werden. Es ist einmal s0, dass das Umfeld einer Person eine Erinnerungstätigkeit auslöst. Allerdings sind die Veränderungen, die sich im eigenen Umfeld abzeichnen, längeren Entwicklungen unterworfen. So wie plötzlich auffällt, dass die Stadt, in der man seit vielen Jahren lebt, ihr Antlitz vollständig verändert hat. Die Erinnerung an eine frühere Zeit und die Bedingungen in ihr, wirken sich auf das Selbst aus. Die Wahrnehmung des eigenen Ichs in der Vergangenheit ist eine komplexe Angelegenheit. Nicht nur, dass man sich selbst auf alten Bildern kaum mehr erkennt, viel mehr noch ist das Ich nur im Jetzt zu begreifen. Dieser Konflikt, alte Erinnerungen einer scheinbar von der eigenen Person gänzlich verschiedenen Person mit den aktuellsten zu harmonisieren, ist ein wesentlicher Bestandteil der Identitätsbildung. Hinzu kommt, dass unsere Erinnerung in fundamentaler Weise trügerisch ist. Um Kontinuität zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit herzustellen (also die Bildung der Identität) werden Erinnerungen angepasst, beschönigt, Unschönes verschwiegen, ohne das dies bewusst passiert. Musterbeispiel hierfür ist ein gemeinsamer Abend mit alten Freunden, an dem man um der alten Zeiten willen Geschichten aus der Vergangenheit erzählt. Über die wenigsten dieser gemeinsamen Erlebnisse gibt es einen erinnerungstechnischen Konsens. Der eine will dieses Ereignis so, ein anderer derart erinnert haben. Auf den Einzelnen bezogen, nennt sich dies Self-Consistency Bias. 

Die Mechanismen des Vergessens sind gut mit dem Meer vergleichbar. Vielfach kann eine vermeintlich vergessene Episode durch ein Ereignis „getriggert“ werden. Die vergessenen Erinnerungen erinnern an Sedimentgestein, das sich am Meeresgrund ablagert, um durch eine heftige Strömung oder ein anderes Phänomen an die Ufer geschwemmt zu werden, wo sie in das Bewusstsein treten. Nichts zu vergessen aber ist schrecklich, denn so bleibt das Meer des Bewusstseins stetig trübe und nur durch erhebliche Anstrengung kommt das zum Vorschein, woran man sich eigentlich erinnern möchte. In einer Zeit, in der das Erinnern an eigene Erlebnisse mit einer grotesken Mechanik auf andere Objekte verteilt wird — auf Bilder, Souvenirs — wird die Fähigkeit, in Verbindung mit dem eigenen Selbst zu bleiben, reduziert. Die Fähigkeit zur Erinnerung beruht auf Achtsamkeit. Ich verbinde mit meinen Urlauben, Reisen und meiner Vergangenheit oft Musik oder auch ein bestimmtes Buch, das ich zu diesem oder jenem Zeitpunkt gelesen habe. Bei anderen mag es ein bestimmter Duft, ein Parfum oder etwas anderes sein, das die Erinnerung anregt. Mit Hilfe der Erinnerung werden wir zu Menschen, die es schaffen, die Gegenwart mit der Vergangenheit in Einklang zu bringen. Den Faden des Lebens, der bei Geburt gesponnen wird und immer weiterläuft, zu verstehen und sein Fortbestehen zu erkennen, darin sehe ich einen Teil der Antwort auf die Frage, wonach ich im Leben suchen soll.

Picture Credit: Splitshire.com: //London Street Reflected in Water//

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