Im Schnee der Nacht – Fortsetzung

Nach fast einem Jahr folgt die Fortsetzung meiner Weihnachtsgeschichte »Im Schnee der Nacht«. Auch wenn es noch nicht ganz die richtige Zeit hierfür ist, gelingt es vielleicht, die Lust auf Schnee, Glühwein und Zimt zu wecken. Hier der Link zum ersten Teil:

»Im Schnee der Nacht I«

Viel Spaß beim Lesen!

Als ihn Tage später ein Sonnenstrahl an der Nase kitzelte, wachte Arthur auf. Er fühlte sich erschöpft. Er setzte sich auf und fuhr sich durch die zerzausten Haare. Schlaftrunken stieg er aus dem Bett, gähnte ausgiebig und streckte sich. Er ging in die Küche und trank eine kleine Tasse Espresso. Er holte die Zeitung. Er sah auf die Stadt. Der Himmel war weiß und es schneite. Verkehrschaos überall. Arthur spürte die Wut und die Ungeduld der Treibenden, doch er wollte diese Gefühle nicht spüren. Er dachte nur an Mary. Nachdem er sein karges Frühstück zu sich genommen hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch, der in einem eigenen Raum, seiner ganz persönlichen Bibliothek untergebracht war. Bücher über fremde Sprachen, Erstausgaben berühmter modernder Philosophen füllten viele Regalmeter. Er schrieb an seinem neuesten Werk. Es hatte nur einen Anfang und ein Ende war nicht absehbar. Nach einer halben Stunde legte er es beiseite und begann damit, seine wöchentliche Kolumne für die New York Times zu schreiben. Er war sich sicher, dass seine Familie stolz auf ihn wäre, sein milde lächelndes Gesicht dort zu sehen. Er legte seine Lesebrille ab. Wenn sie ihn doch sehen könnten. Ein wehmütiger Schauer überfiel ihn und warf ihn in seine Kindheit zurück. Gut behütet und plötzlich war alles Glück zerrissen. An die Jahre danach dachte er nicht gerne. Es war Montag und während sich die Menschen zur Arbeit kämpften, ging er in sein Lieblingscafé und schrieb dort seine Beobachtungen in ein Notizbuch. Die Bedienungen kannten ihn bereits und fragten nicht mehr nach seiner Bestellung, sondern brachten sie einfach. Er lächelte stets und gab ein großzügiges Trinkgeld. Manchmal sah er ein junges Paar, dass sich verliebt anblickte. Er starrte nur in das leere Teeglas, als versuchte er, daraus die Zukunft zu lesen. Dann stellte er sich eine andere Gegenwart vor. Eine, in der er nicht alleine wäre. Die Einsamkeit war ihm ein Fluch. Nach einigen Stunden im Café machte er einen kleinen Spaziergang durch den verschneiten Central Park. Er sah fröhliche Kinder Schneebälle werfen. Er musste lächeln. Dies hatte früher auch gerne getan. Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen und verträumt ging er seines Weges. Normalerweise fuhr er am Wochenende nach Long Island, um dort zu segeln. Aber es war Weihnachten. Ein Fest, das man eigentlich mit seiner Familie verbrachte. Am Nachmittag kehrte Arthur in sein Apartment zurück. Im Briefkasten fand er einen mit rotem Wachs versiegelten Umschlag. Fitz. Ein wahrer Ironiker. Insgeheim genoss er wohl das herrschaftliche Auftreten. Arthur hob seufzend die Augenbrauen und öffnete vorsichtig den Brief. In aquamarinblauer Tinte stand dort Folgendes geschrieben:

Lieber Arthur,

ich hoffe, du genießt den Schnee. Neulich bist du überstürzt aus der Galerie geflüchtet. Cory sagte mir, dir ginge es nicht sonderlich gut. Es sei dir gesagt, dass den alter Freund Fitz stets ein offenes Ohr für dich hat. Jedenfalls – und das ist für dich wahrscheinlich das wichtigste an diesem Brief – ist mir vor einigen Tagen deine Muse über den Weg gelaufen! Ich traf sie im East Village, als sie aus einer Mall kam. Selbstverständlich habe ich mich an dich erinnert und bin ihr gefolgt. Hier ist ihre Adresse […]

Merry Christmas!

Fitzgerald Smith

Arthur ließ den Brief zu Boden fallen. Er konnte sein Glück kaum fassen. Er kniete nieder und hob den Brief wieder auf. Er schloss die Tür seiner Wohnung auf, bereitete sich ein großes Glas Cognac und ließ sich in den Sessel fallen; ins Nicht starrend. Seine Herzschlag raste. Immer und wieder trank er aus dem Glas. Er nahm den Brief zur Hand. Es war der Tag vor Heiligabend. Normalerweise waren man damit beschäftigt, Weihnachtseinkäufe zu tätigen und den Abend mit der Familie vorzubereiten, schweres Essen würde aufgetragen, süße Speisen gereicht und viel gelacht. Arthur selbst hatte vor sich in einer benachbarten Metzgerei einen Braten bestellt. Jahr für Jahr hatte er einsam in seiner Wohnung gesessen, rauschende Weihnachtsmusik gehört und zögerlich Rotwein mit Zimt und Nelken getrunken., während er den lachenden Stimmen seiner Nachbarn gelauscht hätte. Über seinem Kamin hing ein großes, gemaltes Familienporträt. Seine Familie hatte es in Auftrag gegeben, als er noch jung war. An Nächten wie Weihnachten stellte er sich davor und betrachtete es eingehend. Unverkennbar sah er sich, den Jungen, mit ordentlichen, mandelbraunen Haaren und dem glücklichen Lächeln. Damals waren die Zeiten noch schön gewesen, voller Wärme und Gemeinschaft. Nein, dieses Jahr würde er nicht in Selbstmitleid versinken. Dieses Jahr würde alles anders werden.

V

Arthur ging am nächsten Tag – es war der vierundzwanzigste Dezember – in einen Blumenladen. Unschlüssig lief er durch die Reihen duftender Blüten. Er sah Männer, die eilig Sträuße auswählten, hektisch in bar bezahlten und das Geschäft wieder verließen. Geduldig wartete er, bis er der einzige war. Die Verkäuferin sagte ihn.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«

Arthur drehte sich scheinbar überrascht um und lächelte scheu.

»Ja, in der Tat. Ich suche nach einem sehr schönen Blumenstrauß für meine Freundin.«

»Hat Ihre Freundin besondere Vorlieben? Rosen oder eine bestimmte Farbe?«

»Gegen Rosen hat doch bestimmt niemand etwas einzuwenden.«, sagte Arthur.

Die Verkäuferin nickte und führte ihn zu einem Strauß, dessen farbenfroher Bund nur so leuchtete.

»Den nehme ich«, sagte Arthur.

»Eine sehr gute Wahl, Sir.«, sagte die Frau. Arthur bezahlte den Strauß und ließ ihn sich einpacken. Zurück in seiner Wohnung stellte er ihn in eine Vase über seinem Kamin. Er lächelte, denn er wusste, an wen er diese Blumen verschenken würde. Wie sehr hoffte er, dass diese zarten Pflanzen Mary ein Lächeln ins Gesicht zaubern würden. Er wartete das Vorbeiziehen des Tages ab. Die Sonne versank und der Himmel zog sich mit dunklen Wolken zu. Arthur dachte angestrengt darüber nach, mit welchen Worten er Mary begegnen wollte. Das Finden von Worten war sonst seine Profession; nun war es eine Unmöglichkeit. Er wollte sich nicht verunsichern, denn die Schönheit brillanter Rhetorik eröffnet sich nur den Eingeweihten. Ein Gedicht gar würde seine Wirkung verfehlen, im schlimmsten Fall nahm sie an, er mache sich über sie lustig. Arthur ahnte, dass die beflügelten Worte, die er selbst über die Liebe geschrieben hatte, unwahr waren und dass sie allen Liebenden dieser Welt etwas vorgaukelten. Es war die Illusion der Romantik, die noch immer viele in den Wahnsinn trieb. Der Wunsch nach Perfektion des eigenen Lebens ging Hand in Hand mit dem Besitzstreben. Für einen Moment war Arthur versucht, die Blumen aus der Vase zu reißen und sie ins Feuer zu werfen. Worüber durfte er sich überhaupt beklagen? Er lebte gut, er lebte in Luxus. Musste nicht arbeiten, musste seine Hände nicht schmutzig machen. Andere lebten in Armut, verhungerten auf der Straße. Nur an Weihnachten konnten sie auf größere Gaben hoffen. Doch in seinem Inneren glaubte Arthur, dass Liebe etwas Höheres sei. Dass sie nicht gleichwertig neben Besitz, Wohlstand und Ansehen existierte, sondern, dass Liebe – als letztes durch Pandora in die Welt gebracht worden war. Liebe war das einzig Gute, dass das Geschöpf des Hephaistos in die Welt setzte. Gegen die Übel dagegen war sie schwach und nur eine zarte Knospe unter einer Schicht Eis, über der der Tod mit der Krankheit tanzte. Arthur zog seine Hand von der Vase zurück. Er würde die Blumen nicht zerstören. Sie waren imaginäre Knospen in seiner Hand, die ihrerseits blühen und leuchten würden in die Dunkelheit der Welt. Am Abend aß er den Braten, den er für sich bestellt hatte. Seine Geschichte wiederholte sich wie jedes Jahr. Er lauschte leiser Weihnachtsmusik, trank teuren Rotwein und putzte seinen Mund mit Stoffservietten ab. Groß war die Versuchung, sitzen zu bleiben und diesen Abend, den einzigen, an dem er das Unheil noch abwenden konnte, das über ihm drohte. Die große Standuhr schlug zur vollen Stunde. Arthur stand auf, ergriff seinen besten Mantel mit den Messingknöpfen, nahm die Blumen aus der Vase und wickelte sie in Seidenpapier. »Wünscht mir Glück.«, sagte er zu dem Porträt über dem Kamin und wandte sich zum Gehen.

Zielstrebig eilte er durch die leeren Straßen New Yorks. An einem Weihnachtsabend, den sie möglicherweise mit ihrer Familie verbrachte. Aber sein Herz drängte ihn. In der rechten Hand hielt er den Blumenstrauß umklammert, auf den sich allmählich Eis und Schnee legten. Aus Fenstern strahlte ihm warmes Licht und das Lächeln der Kinder entgegen. Er erreichte nach einiger Zeit – sein Gesicht war wie gelähmt durch die Kälte – die Straße, die ihm Fitzgerald beschrieben hatte. Es war eine dieser Straßen, die sich seit hundert Jahren nicht verändert hatten. Irgendwo rauschte eine U-Bahn unter Arthur entlang. Die alten Backsteinbauten erinnerten an eine andere Zeit; eine solche, die Arthur manchmal in seinen Werken beschrieb. Gedanklich zählte er die Hausnummern ab. 39, 40, 41…42. Auch hier drang aus den Räumen durch die Fenster jenes goldene Licht, das jeden wissen ließ: Es ist Weihnachten. Arthur wechselte die Straßenseite und ging auf die steinerne Treppe zur Haustür zu. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick hinein werfen zu können. Er sah Mary. Umringt von ihrer Familie und einem anderen Mann. Sie saßen an einem festlich geschmückten Tisch. Hinter ihnen leuchtete ein in rot geschmückter Baum. Leise drang Weihnachtsmusik durch die Fenster. Der saftige Geruch des Bratens stieg Arthur in die Nase. Der weihnachtliche Geruch von Honig, Zimt und Nelken strömte auf die Straße. Er beobachtete die Familie. Mary lehnte sich zu dem Mann hinüber. Er sah nett aus. Sicherlich hatte er einen guten Job bei einer Bank oder einer Beratungsfirma. Geldsorgen würde sie bei ihm nie kennen. Mary gab dem Mann einen Kuss und lächelte ihn verliebt an. Ihre Liebe sah endgültig aus. Ja, in diesem Moment begriff Arthur, dass sein Streben umsonst war. Er sah hinunter auf den eingefrorenen Strauß Blumen in seiner Hand. Eine Träne fiel auf die Rosen und tauten dort eine winzige Stelle auf. Er warf den Strauß mitsamt des mit edler Tinte geschriebenen Briefes an die Türschwelle. Arthur seufzte. Stundenlang beobachtete er das Treiben der Familie, wie sie lachte, scherzte und gemeinsam sang. Bei ihnen schien die Welt in Ordnung. Irgendwann hörte Arthur die Glocken einer Kirche in der Ferne und er wurde zurück aus der heimeligen Welt in die Kälte gerissen. Es war spät geworden. Arthur wandte sich zum Gehen. Eines wusste er. Er wusste, dass er wieder lieben konnte. Und dies – er konnte es selbst kaum glauben – nur durch ein Porträt, das ihn aus seiner Apathie und Teilnahmslosigkeit befreit hatte. Vielleicht würde Mary sein Geschenk ja finden und vom Boden aufheben. Er lächelte. Vielleicht würde er sein Glück tatsächlich finden können. Vielleicht war es dieses Weihnachten, das seine Geschichte zum Besseren wenden sollte. Jeder war die Schreibfeder seines eigenen Schicksals. Voller Vorfreude nun sah er auf das neue Jahr. Am gleichen Abend noch besuchte er eine Party New Yorker Künstler. Normalerweise hatte er sich an Weihnachten alleine in seine Wohnung zurückgezogen. Doch nun hatte ihn die Lebensfreude wieder gepackt. Die süße Verzweiflung, das er Mary nie kennenlernen würde öffnete ihn der Welt. Durch das Erleben des Nicht-Erlebens, durch die bloße Vorstellung hatte er erfahren, dass er innerlich nicht abgestumpft war, ja dass in ihm noch Wärme existierte und das Leben noch Freuden trotz der Kälte bereithielt. Dies war sein Weihnachtsgeschenk.

Photo by Osman Rana on Unsplash

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