Der Weihnachtsbaum

Das Wohnzimmer war hell erleuchtet. Die Kerzen des Adventskranzes ließen frohe Schatten an den Wänden tanzen. Es duftete im ganzen Raum nach Zimt, gebratenen Äpfeln und allerlei Gewürzen. Ein reich geschmückter Weihnachtsbaum thronte in der Mitte des Raumes. Die an seinen Ästen hängenden Kugeln schimmerten und funkelten im freundlichen Licht. An der Spitze leuchtete ein Stern. Mit großer Mühe hatte die Familie den Baum dekoriert, so wie sie es jedes Jahr getan hatte. Draußen heulte der Wind und jagte den Schnee in einem dichten Treiben durch die Lüfte. Die Landschaft war in einen weißen Schleier gehüllt. In den Wäldern roch es nach Nadelhölzern. Rauch stieg von den Schornsteinen auf, und drinnen knisterte heimelig das Feuerholz. Geschenke mit riesigen, roten Schleifen warteten unter dem Weihnachtsbaum auf ihre Entdeckung. Welche Kostbarkeiten, welche Gedanken sich in den Geschenken verbargen? Es war Weihnachten. In freudiger Erwartungen hoben die Stimmen des Plattenspielers zum Choral an. Alles war vorbereitet. Zur einzigen Zeit im Jahr lag das silberne Besteck, ein altes Familienerbstück auf dem Tisch. Die Teller aus vornehmen Porzellan glänzten. Die Kristallgläser waren frisch poliert. Jeden Moment müsste sich die Tür öffnen und die glückliche Familie würde heimkehren. Lachend, tanzend, das Zusammensein zelebrierend und feiernd. Inmitten von geöffneten Geschenken würden sie sich bedanken für das Jahr, das sich gemeinsam erleben durften. Alte Dispute würde gekittet werden, zerstrittene Verwandte im Kerzenschein wieder zueinander finden. Die Minuten verstrichen, Stunden vergingen. Noch immer war das charakteristische Klicken des Schlosses nicht zu hören. Ein trüber Schleier legte sich über das Haus. Wo nur war das verlorene Glück? Es würde niemand mehr die Türen öffnen. Das Haus stand leer und verlassen an der Ecke der Straße, die kein Auto mehr befuhr. Ein leerer Abglanz umgab das Haus, strahlte und zeigte das, was nicht mehr war. Auf wen dieses Haus wohl zu dieser Zeit des Jahres gewartet hatte, fragte sich der Mann, der mit in den Taschen versenkten Händen langsam am Haus vorbeiging. Ein langer Blick durch die Fenster, ein Fenster in alte Zeit. Bildhaft konnte er die Familie sehen, die er als Schablonen seiner Vorstellung glücklich und heiter vor sich sah. Eine tröstliche Vorstellung für ihn. In seinem Rücken spürte er die einsamen Scheinwerfer eines Autos, das an ihm vorbeizog, einem unbekannten Ziel entgegenstrebend. Am Steuer erkannte er einen einzigen Mann. Wollte er zu seiner jungen Familie, die auf ihn wartete? Dann verschwand er im aufziehenden Schneegestöber. Vielleicht war aber auch er nur eine Einbildung dieser Nacht, in der sich der Blick zurückrichtet auf ein Jahr der Hoffnung, Verzweiflung, Angst und Zuversicht. Der Mann zog sich den Mantel enger um den Körper. Es war kalt geworden an diesem Weihnachtsabend. Er hatte noch einen weiten Weg zurückzulegen.

Niclas Frederic Sturm 

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