Die Abenteuer des Arthur Connolly #1

Ich dachte mir, mit dem neuen Jahr lasse ich eine alte Geschichte wieder aufleben: Die Abenteuer des Reisenden Flavius Sherwood. Dieses Mal mit verändertem Namen und einer neuen Hintergrundgeschichte. Ich wünsche viel Spaß mit diesem Auftakt!

I

Es war ein weitgehend ereignisloser Märztag in London gewesen. Eine angenehme Kühle umschmeichelte die Stadt. Es herrschte geschäftiges Treiben in den Straßen. Leute gingen ihren Einkäufen nach, Zeitungsjungen riefen die neuesten Nachrichten aus. Qualm drang aus den emsigen Fabrikschlöten des East Ends. Arthur Connolly genoss seine Pause mit einer Zigarre, die er von seinen Handelsfahrten nach China mitgebracht hatte. Der blaue Rauch kringelte sich dem Himmel entgegen, während darauf wartete, dass die Herrschaften von ihrer Parteisitzung zurückkehrten, um von dort aus direkt in den Club gefahren zu werden, wo bei einem guten Glas Brandy und der neuesten Ausgabe der Times über Aktuelles disputiert wurde. Es war nicht lange her gewesen, da hätte er, der einfache Kutscher, ein ebensolches Leben führen können. Aber die Zeit der Träumerei war in jenem Moment vorüber gewesen, als er in London wieder festen Boden betrat. Durch die langen Reisen naiv geworden, hatte er gehofft, die Stadt würde ihn mit offenen Armen empfangen. Stattdessen musste er weiter verdeckt und von Geheimnissen umgeben leben. Niemandem konnte er sich anvertrauen, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen. Die Glocke  schlug vier und pünktlich dazu verließen die in vornehme Kleider gewandeten Herrschaften das Hauptquartier der Conservative Party. Er wartete auf seinen Dienstherren, einen Sir Emmanuel Lewis, der im House of Lords tätig war und ein aufstrebender Stern am Himmel der politischen Landschaft des Empires war. Zudem war es auch absolut ausgeschlossen, dass ihm hier jemand aus seiner Zeit in Indien begegnen konnte, um ihm gefährlich zu werden. Ohne ein Weiteres Wort begab sich Lewis in Begleitung eines weiteren Gentleman in die Kutsche. »Gut’n Tag, Sir!«, sagte Connolly höflich, ohne eine Antwort zu erwarten. Lewis und der unbekannte Mann besprachen ein Gesetz zum staatlichen Schutz unehelicher Kinder. Ungewöhnlich, da Lewis für gewöhnlich nach Sitzungsschluss alleine zu reisen pflegte. Connolly gab den Pferden des Doppelspanners die Sporen, da er davon ausging, die Herrschaften wünschten in den Tuscany Club gebracht werden, den diese frequentierten. So sehr Connolly diese Tätigkeit auch hasste, war sie der sicherste Weg, den Moloch, den London darstellte, zu überleben. Als Kutscher musste er nicht viel sprechen und sein Gesicht sahen die wenigsten Leute an. In den Augen seiner üblichen Passagiere waren selbst vermeintliche Angehörige der unteren Klassen keines Blickes würdig. Die Kutsche hielt vor einem vornehmen, im Italianate-Stil erbauten Clubhaus, das die durch in den Bibliotheken von Oxford und Cambridge studierten Werke erworbene Ästhetik mit stolzem Traditionsbewusstsein verband und jedem vorbeieilenden Passanten zur Schau stellte. »Halten Sie hier, Remington«, sagte die befehlsgewohnte Stimme Lord Lewis’. Connolly sprang vom Sitz und öffnete den Gentlemen die Tür. Der Anblick des Kollegen seines Dienstherren versetzte seiner ansonsten guten Stimmung einen kräftigen Dämpfer. Er kannte den Mann. Er kannte ihn nur zu gut. Jeremy Abbot, dessen Gesicht ihm nur allzu vertraut war. Connollys wettergegerbtes Gesicht verlor Augenblick an Farbe, was Sir Lewis umgehend auffiel:

»Ist mit Ihnen alles in Ordnung, Remington? Sie wirken blass.«

Auch Abbot wandte sich nun Connolly zu, der unter dem kalten, adlerhaften Augen Abbots zu zittern begann. Ihm schien, als würde Abbot ihn minutenlang mustern, seine Augen ihn durchbohren, um bis in sein Inneres zu seinem Geheimnis durchzudringen, weswegen er eines Tages noch immer am Galgen enden konnte. Plötzlich ließ Abbot von ihm ab. »Ihr Gesicht kam mir bekannt vor, aber…ich muss mich geirrt haben«, sagte dieser. Lewis lachte verkrampft. »Ja, so ist das eben in London. So viele Gesichter…vielleicht hat er sie auch schon einmal kutschiert, Abbot!«

»Möglich«, sagte dieser schmallippig. »Vielleicht erinnere ich mich ja noch.«

»Wie dem auch sein mag: Remington, Sie haben den restlichen Tag frei. Tun und lassen Sie, was Sie wollen. Ich werde heute zu Fuß zu Palais zurückgehen. Weit ist es ja ohnehin nicht.«

»Wie Sie möchten, Sir«, sagte Connolly, verbeugte sich kurz und stieg dann zurück in die Kutsche. Er ließ die Peitsche knallen und fuhr eilig die Straße hinunter. Er glaubte noch immer, Jeremy Abbots Blick in seinem Rücken zu spüren. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit.

Obwohl er als Angestellter Sir Lewis’ auf dem Grundstück der Familie hätte wohnen können, zog er es doch vor, eine kleine Wohnung einige Straßen entfernt zu beziehen, in der er in aller Heimlichkeit seiner Herkunft entsprechend sich mit Bildung befassen konnte. Einige Dutzend Bücher, die sich unter den losen Bodendielen vor den Augen neugieriger Vermieterinnen verbargen, hielten die Erinnerung an bessere Zeiten in ihm wach und näherten stetig die Hoffnung, dass eines Tages wieder rosige Zeiten anbrächen. Als er in aller Eile die Kutsche im Stall Sir Lewis’ abgegeben hatte, ohne den Stallknecht zu grüßen, war er in sein kleines Zimmer geeilt. Es konnte nicht mehr lange dauern. Schon als er Jeremy Abbot zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er gewusst, dass diese Begegnung ihn nie loslassen würde und dieser Mann ihn überall hin verfolgen würde. Es war ihn Indien gewesen und er war einer der höheren Stabsoffiziere gewesen, junge, britische Aristokraten, die sich die Sporen verdienen sollten, um in einiger Zeit ihrem Vater in das House of Lords zu folgen. Ein Menschenschinder war er gewesen, mit einer Neigung zum Sadismus, wenn er erkannte, dass man sich ihm nicht freiwillig unterwarf. Dass er ihn aus den Augen verloren hatte, war Connolly nur recht gewesen, doch es konnte keinen Zweifel daran geben, dass Jeremy Abbot ihn vorhin erkannt hatte. Er war nur hinterlistig genug gewesen, zunächst den Unwissenden zu spielen und ihm einen kleinen Vorsprung zu lassen. Die Jagd war tatsächlich eine der Lieblingsbeschäftigung des Adels. Connolly ging zu einem Blecheimer voll Wasser, den er in der Ecke eines Raumes abgestellt hatte und den er zum Waschen benutzte. Er tauchte seine Hände hinein und benetzte mit dem Wasser sein Gesicht. Er musste klar denken können. Er riss sein Kopfkissen auf und zählte das Geld, das er dort versteckte hatte. Etwa 200 Pfund, ein kleines Vermögen. Einiges davon stammte noch aus seiner Zeit in Indien. Er hob hastig eine alte Ledertasche vom Boden, in die er achtlos seine Sachen warf. Sein Herz pulsierte, ja raste regelrecht. Noch nie, seit er wieder englischen Boden betreten hatte, war er in solcher Gefahr gewesen. Er musste fliehen, nach Norden, am besten außer Landes. In die Vereinigten Staaten, nach Kontinentaleuropa, an irgendeinen Ort, an den ihn niemand erkennen würde. Plötzlich hörte er das Geräusch von Hufen, dann ein Wiehern; laute Stimmen, die vom Innenhof zu ihm hoch drangen. Er war schweißgebadet. Er verschloss die Tasche und eilte aus der Tür. Seine Bücher musste er schweren Herzens zurücklassen. Sie hätten seine Flucht nur behindert. Sein Leben stand auf dem Spiel.

Fortsetzungen folgen. 

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