Die Abenteuer des Arthur Connolly #2

Wie von einer Horde wilder Hunde gejagt, rannte er die Treppe hinunter, wobei er mehrere Stufen auf einmal nahm. Die Stimmen wurden immer lauter. Schon hörte er Männer nach seinem richtigen Namen fragen. Am Fuße der Treppe verzweigte sich der Gang. Er wandte seinen Kopf nach rechts. Dort standen bereits uniformierte Soldaten, die eine verängstigte Mrs. Pembroke nach einem Lieutenant Arthur James Connolly des 7. Queen’s Regiments der East India Company fragten. Sie schienen ihn erst nicht zu bemerken und beschrieben Mrs. Pembroke den gesuchten Mann, als sie ihn erblickten und auf ihn zurannten. Er drehte ebenfalls auf dem Absatz kehrt und rannte so schnell es ihm möglich war. Er warf Garderobenständer, Eimer und andere Gegenstände den Soldaten in den Weg, um sie aufzuhalten. Die Männer fluchten lautstark hinter ihm. Er sprintete auf die Straße und hielt eine Kutsche an. »Kutscher, he!«, rief er. Er kletterte auf den Kutschbock und stieß den noch darauf sitzenden Mann runter. »Verzeihung«, sagte Connolly, als er die seine eigene Peitsche aus der Tasche holte. »Ho-oh!«, rief er und die Pferde zogen an. Glücklicherweise war die Kutsche klein, sodass er rasch Tempo aufnehmen konnte. Hinter ihm fluchten die Soldaten und stießen ihm Obszönitäten entgegen, die an dieser Stelle besser nicht berichtet würden. Connolly grinste. Er konnte es immer noch, doch er wusste auch, dass er schnell abtauchen musste. London war zwar ein Moloch, aber es gab nicht wenige Herumlungerer, die an jeder Straßenecke standen und bald sein Gesicht mit einem Preisschild von nicht weniger als 3000 Pfund an jeder Hauswand würden prangen sehen. Lange verstecken konnte er sich so nicht. Bei einer derartigen Summe wären auch jahrzehntealte Freundschaften vergessen. Vor ihm wichen Passanten panisch aus. Die Achsen des Zweispänners krachten und bogen sich. Er steuerte Richtung Hafen. Dort, zwischen Matrosen aus aller Welt, Zechern und Opiumsüchtigen, würde er sich einige Tage lang verstecken. Nachdem er fast eine Stunde auf verworrenen Wegen durch die Stadt navigiert war, um seinen Verfolgern auszuweichen, stellte er die Kutsche in einer verlassenen Seitengasse ab, entnahm seine Tasche und flüchtete sich von dort aus in das Gewirr der Docks. Der unausstehliche Geruch von Fisch, Alkohol und Unrat auf den Straßen, das zunehmende Lallen der Matrosen des sich dem Ende zuneigenden Tages, stieg ihm in die Nase und Ohren. Seine Umgebung stetig überwachend begab er sich zu einer der dunklen, aus schwerem Holz erbauten Spelunken und fragte nach einer Unterkunft, wobei er so gut wie möglich versuchte, einen Arbeiterdialekt zu imitieren. Die voluminöse Frau, der die Unterkunft gehörte, ließ ihn ein, verlangte jedoch nachvollziehbar eine sofortige Begleichung der Rechnung. Sie wies Connolly ein schäbiges Zimmer zu, was ihm jedoch egal war. Erschöpft ließ er sich auf die durchgelegene  und von Flecken übersähte Strohmatratze fallen. Alles drohte zusammenzustürzen. Abbot war ihm auf den Fersen. Connolly seufzte. Wenn man ihm damals in Delhi nur gelaubt hätte…Er dachte an das Leben, das er hätte führen können. Das Leben eines Gentleman. Auf dem Land ausgedehnte Spaziergänge unternehmen.  Verzweiflung stieg in ihm auf. Er hatte Dinge erlebt, die sich viele nicht in ihren schönsten Träumen und furchtbarsten Alpträumen ausmalen konnten. Obwohl sich das Netz bereits in den nächsten Stunden immer enger um ihn ziehen würde, musste er sich ablenken. Schnell erlag er den Gedanken an die Verlockungen des Hafenviertels, in dem es ein schier unerschöpfliches Angebot an Vergnügungen gab, vor allem aber Opiumhöhlen. Während seiner Zeit in Indien hatte er die Droge zu schätzen gelernt, vor allem aber die ihr innewohnende Gefahr, die sie bedeutete. Connolly musste nicht lange suchen, ehe er fündig wurde und ein heruntergekommenes Etablissement fand, das genau seinen Anforderungen entsprach. Am Eingang empfing ihn ein verschlagen lächelnder Mann, der ihn hereingeleitete. Sofort schlug ihm der Geruch des Opiums entgegen. Röchelnde, hustende Gestalten rollten sich auf dem Boden, der gänzlich von schweren Teppichen überzogen war, ebenso die Wände. Indische Lampen und Diwane schmückten den Raum, dessen Konturen durch den dichten Rauch verwischt waren. Man reichte ihm eine prunkvoll verzierte Opiumpfeife und brachte ihn in den Konsumentenraum, in dem die weniger zahlungskräftige Kundschaft für gewöhnlich gebracht wurde. In separaten Abteilen sah er vornehm gekleidete Herrschaften mit glasigem Blick die Decke anstarren. Ihre Münder waren zu einem verträumten Grinsen verzerrt. Sie versuchten, die Luft zu umarmen und küssten die Opiumlampen, die den Raum in dichten Rauch hüllten. Der Mann, der ihn am Eingang empfangen hatte, geleitete ihn nun in einen engen Raum, an dem die Konsumenten dicht an dicht lagen. Manche bewegten sich nicht mehr, sondern lagen in sich verdreht auf den Teppichen. Connolly ließ sich nieder und zog an der Pfeife. Ein Gefühl der Entspannung durchströmte seinen Körper, das von einem Gefühl kontrollierter Euphorie abgelöst wurde, das mit jedem Zug an der Pfeife aufs Neue entfacht wurde. Seine Sorgen, die Angst, in nicht allzu weiter Ferne am Galgen zu enden, wich einer seligen Leere. Er betrachtete die beladenen, bunten Bilder auf den Wandteppichen vor ihm, die Ereignisse aus hinduistischer Mythologie zeigten. Für einen Moment schloss er die Augen und als er sie wieder öffnete, waren die Bilder zum Leben erwacht. Fasziniert folgte er dem Tanzen der Figuren. Plötzlich drehte sich jemand zu ihm um. »Ey, darf ich ma’ zieh’n?«, fragte der Mann, dessen dichter Bart mit Opiumkrümeln durchsetzt war und dessen lachender Mund einer schwarzen Höhle glich, aus der bloß noch gelbe Stummeln ragten. Connolly wandte sich wieder ab.

»Wenn du nicht mehr zahlen kannst, dann verzieh’ dich, Alter!«, erwiderte er ruppig.

»Ach komm, willst du einem alten Seelöwen wie mir den Lebensabend vermiesen?«

Connolly reagierte nicht, sondern wandte sich wieder seiner Pfeife zu, aus der er demonstrativ einen besonders intensiven Zug nahm und den Rauch gekonnt in Kreisen zu paffen vermochte. Der Mann sah dem Schauspiel zu und setzte sich auf. »Nicht schlecht für einen Amateur, Connolly.«

Der Genannte zuckte unwillkürlich zusammen. Der Mann war verschwunden. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihm aus. Woher hatte der Alte seinen Namen gekannt? Gerade, als er einen weiteren Zug nehmen wollte, um dem Opium wieder die Herrschaft über sein Bewusstsein zu verschaffen, vernahm er laute Stimmen. Das Krachen von Stiefeln auf dünnen Holzidielen. Er sprang auf. Durch den Gang, zu dessen linken und rechten er die faszinierenden Darbietungen der Süchtigen hatte beobachten können, eilten uniformierte Soldaten. Jegliche Farbe wich ihm aus dem Gesicht. Die Soldaten kümmerten sich nicht um die am Boden Liegenden, sondern stürmten mit aufgepflanztem Bajonett direkt auf ihn zu. Er erkannte, dass es um ihn geschehen war und hob die Arme. Dennoch drückten sie ihn gewaltsam zu Boden, brüllten ihm seine Rechte ins Ohr und rissen ihn beinahe auseinander, als sie ihn unter lautem Getöse aus der Opiumhöhle schleppten. Sie brachten ihn zu einer vergitterten Kutsche, an der bereits ein alter Mann wartete, der manisch lachte. »Endlich! Endlich! Und schau dich an!«

Jetzt begriff es Connolly: Der alte Mann neben ihm war Abbot gewesen, der sich verkleidet hatte. Eine Eigenschaft, deren Mangel man ihm nicht vorwerfen konnte, war dessen ungeheurer Intellekt und schauspielerisches Talent. Wenn er nicht von derart vornehmer Geburt gewesen wäre, hätte ihm jedes Schauspielhaus bereitwillig die Pforten geöffnet. Connlly spuckte auf den Boden, war jedoch unfähig etwas zu sagen. Das Opium vernebelte seine Sinne. »Sprachlos, wie?«, Abbot klopfte sich auf den Bauch. Connolly warf ihm hasserfüllte Blicke zu. »Bringt ihn in die Chester Street und sperrt ihn ein. Seine letzten Stunde sollte er wenigstens im Dunklen verbringen. Keine Rationen!«

Die Soldaten nickten stumm und warfen Connolly, der schwach auf den Beinen war, in die Kutsche und verriegelten die Tür hinter ihm. Rasch setzte sie sich in Bewegung und entfernte sich. Abbot sah noch lange hinterher und murmelte: »Dem Mörder seine gerechte Strafe—«

Fortsetzung folgt

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