Träume aus Strom

Ein Leben ohne Kreativität und Bücher?

Der Wecker klingelte. An jedem Ort zur gleichen Uhrzeit. Wie von Marionettenhand aufgezogen, erhob sich in der ganzen Stadt eine ganze Million. Mechanisch stiegen sie aus ihren Kammern, schlurften zum Waschbecken und wuschen sich das Gesicht. Sie erblickten jemanden im Spiegel. Diese Person versuchte zu lächeln, es gelang ihr jedoch nicht. Ihre Augen wankten, es flimmerte schwarz und grell. Dann ein elektrischer Schock, ausgelöst durch ein stählernes Armband, das mit den Knochen fest verschraubt war. Eine Million schrie auf. Im gleichen Rhythmus bewegten sie sich auf die käfigartigen Fahrstühle zu, die wie Fabrikschlöte hoch aufragten. Die Türen waren so hoch, als wären sie für Titanen gebaut, die längst gefallen waren. Metallische Musik schepperte aus den Lautsprechern, während sich die trägen Kolosse nach oben schoben. Nach einer Fahrt, in der sich der Fahrstuhl herauf und wieder herunter bewegt hatte, öffnete sich die Tür. Nummer 4891 ging den grell ausgeleuchteten Gang entlang, der sich an den Fahrstuhl anschloss. Auf dem Boden leuchtete plötzlich eine Linie auf. Sofort durchfuhr ein Stromschock Nummer 4981. Aus der Wand fuhr ein Becher aus Metall, in dem eine bräunlich-bläuliche Flüssigkeit schwamm. Ohne den Becher auch nur anzusehen, griff 4891 danach und schluckte die Flüssigkeit in einem Zug hinab. Das Getränk war kochend heiß und verbrannte den Gaumen. Nummer 4891 ging weiter den Gang entlang, an dessen Ende sich eine riesige Halle auftat. Sie war kreisrund und aus jeder der anderen 999.999 Pforten trat eine Nummer heraus und begab sich an die Stelle der Freude. 4891 trat an den Tisch aus glänzendem Aluminium, der nach Desinfektionsmittel stank. Darauf lagen mehrere in Karton gebundene Blätter aus Papier, die mit schwarzen Strichen versehen waren, die verschiedenste Formen annahmen. Mal waren sie rund, mal länglich oder mit Füßchen gezeichnet. Wie alle 999.999 anderen Nummern verstand Nummer 4891 nicht, was vor ihm lag. Nur eines wusste er: Dass die Dinge böse waren. Neben dem Stapel befand sich eine Öffnung, aus der weitere dieser Dinge kommen würde. Am anderen Ende des Tisches befand sich eine weitere Öffnung, in der es rot loderte. Dorthinein musste er die Dinge legen. Er fing ab und warf das erste Ding hinein, das rauschend in den Flammen verbrannte. Zur Mitte des Tages, der genau 30 Stunden und auch 2 Stunden dauerte, fuhren von der Decke weitere Becher zu ihm hinab, die er sofort austrank. Dann fuhr er mit der Arbeit fort. Plötzlich wurde es still in der Halle. Das Licht wurde schwächer und in der Mitte erschien ein bläuliches leuchtendes Bild einer weiteren Nummer, die jedoch anders aussah als die er gesehen hatte. Eine laute, in den Ohren dröhnende Stimme begann zu sprechen.


»Heute haben wir einen weiteren Schritt zur Zerstörung der Kreativität getan, die uns so viel Leid gebracht hat.«


Auf diese Worte hin tauchten in den Köpfen der Million grausame Bilder von Menschen auf, die Kriege gegeneinander führten. Atombomben detonierten. Bilder von Folter. Schreie. Blut. Tränen rollten die Wangen der Nummern herunter. Wohin hatte die Kreativität nur geführt? In den Köpfen der Nummern echote es wie im Chor:


Was hat die Kreativität je gebrachte? Schöpfung, die man dem Nichts entrissen hat.

 

»Wir haben bald erreicht, was erreicht werden muss. Die Dinge müssen weg. Mit viel Fleiß ist es bald soweit und wir werden frei sein.«


Dann verschwand die bläuliche Nummer und die Million, auch 4891 stimmten Jubel an. Der Ekel hatte sie zu großem Eifern angespornt. Der Tag war danach zu Ende und die Nummern kehrten zurück in ihre Kammern, in denen sie sich auf den unter Strom stehenden Stuhl setzten und die Augen zum Schlafen schlossen. Elektroden fuhren aus der Decke hinab und legten sich an ihren Kopf. Jedes Mal, wenn eine der Nummern etwas träumte, was nicht tiefschwarze Finsternis ohne jede Farbe und Licht war, wurde ein Stromstoß freigesetzt, der sie aus dem Schlaf riss und jede Erinnerung an Träume auslöschte. Es geschah schließlich, dass in einer Nacht eine der Kammern, diejenige von Nummer 4891, einen Stromausfall erlebte und die Elektroden nicht funktionierten. Als sich 4891 auf den Stuhl setzte und in den tiefsten Schlaf verfiel, die 4891 je erlebt hatte, passierte etwas Unglaubliches. Um ihn herum stapelten sich Türme der Dinge, welche wir als »Bücher« bezeichnen, hoch bis zur Decke der Kammer. Ein Gefühl von Freude und Erregung überfiel Nummer 4891. Er verstand nicht, was er erlebte. Es war der erste Traum in seinem Leben. Er merkte, wie Anspannung von ihm abfiel, wie der heilsame Schlaf von ihm Besitz ergriff und ihm neues Leben einhauchte. Die Tinte floss aus den Büchern heraus und legte sich wie eine zweite Haut um ihn. Eine Wärme ergriff Nummer 4891, als würde er von einer Million Scheinwerfern bestrahlt. Dann riss ihn der Stromstoß seines stählernen Armbands aus dem Schlaf und aus seinem ersten Traum. Für einige Minuten konnte er sich nicht bewegen, denn die Erfahrung der vergangenen Nacht, die er zum ersten Mal als solche erlebte, das Versinken in Dunkelheit und Auftauchen in einer bunten, gänzlich freieren Welt, hatte ihn elektrisiert. Er wankte zur seiner Stätte der Freude, vergaß glatt, die bräunliche Substanz zu trinken, die ihn Wahrheit gerade so viele Nährstoffe enthielt, um ihn am Leben, aber in stetem Hunger zu halten. An seiner Stätte kam ihn im Laufe des Tages ein bebildertes Buch in die Hände, ein Buch mit bunten Illustrationen, lächelnden Gesichtern und schönen Nummern. Heimlich versteckte er es unter seinem Tisch und schaute alle paar Minuten hinein. Er konnte die eigenartigen Zeichen, die dort standen, nicht entziffern, aber er schaute auf die Münder der Nummern und identifizierte das »A«, das »O«, das »I« und weitere Vokale, die er im Laufe der Zeit zu einem Alphabet zusammenbaute, das er durch genaue Beobachtung erschloss. Wenn ihm ein schwarz-weißes Buch in die Hände geriet, versuchte er zu lesen, was dort geschrieben stand. Die ersten Worte, die er von unserem übrig gebliebenen Worten entzifferte, waren: Die Philosophen sollen Könige, die Könige Philosophen sein. Er konnte lesen, was er sah, verstand den Sinn aber nicht. Die Worte vibrierten in seinem Geist, als hätte jemand die durch Jahre von stumpfsinniger, grausamer Arbeit erloschene Flamme des Geistes wieder entfacht. Wenn er abends in seine Kammer zurückkehrte, übte er sich darin, den Stromstößen zu trotzen und weiter träumen zu können. Er sah zwei Nummern, die sich küssten, kleine und große Nummern, leblose und quicklebendige Nummern. Vor ihm entsponn sich das Geheimnis des Lebens, das für ihn daraus bestanden hatte, das Nummern aus großen, mit Flüssigkeit seiner Nahrung nicht unähnlichen Farbe, wuchsen. An seiner Stätte der Freude widersetzte er sich immer mehr seiner Tätigkeit. Warum zerstörte er diese Dinge, die so viel Freude brachten? Seine Freude endete jäh im Versuch, aus seinem Gefängnis auszubrechen: Nummer 4891 starb eines Tages auf Befehl der großen Geister, die sein Leben in der mechanischen Hölle verantworteten. Er hatte eine Woche lang keine Bücher verbrannt.


Photo by Eric Han on Unsplash


 

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