Regen fällt

Die Geschichte eines kleinen Ortes im Apennin, der vielleicht existiert, vielleicht auch nicht. 

Es ist nicht selten, dass sich die Straßen des kleinen Bergdorfes Ghardagno hoch mit Wasser füllen. Der heftige Regen, der vor allem in der Sommerzeit einsetzt, verstärkt noch das Schmelzen des Schnees auf dem Apennin. Die alten, gepflasterten Wege und Gassen versinken unter den Fluten, während die Bewohner Zuflucht vor den Wassermassen suchen. Man muss wissen, dass Ghardagno gelegentlich das »Venedig in den Bergen« genannt wird. Die Häuser stehen auf speziellen, durch ein traditionsreiches Verfahren gefertigen Baumstämmen. Sobald die Regenfälle abschwellen, verlassen die Bewohner des Ortes ihr natürliches Exil, verkleiden die Stämme von außen mit bunt bemalten Holzfassaden und richten sich dort ihre Geschäfte ein. Die wenigen Reisenden, die den Ort passieren, kaufen oft nur das für das Wandern nötige: Abgefülltes Wasser, Brot und Käse, vielleicht bleiben einige zum Mittagessen in der »La Matron’«, wo die Wirtin wie schon ihre Großmutter und deren Mutter einen hervorragenden Auflauf servieren. Ich suchte den Ort vor einigen Jahren auf, als es mich zufällig in die Berge verschlug und ich — ohne es zu wissen — über die fuchtbarsten Umwege geradewegs nach Ghardagno kam. Mich befiel sofort der Zauber, der diesem kostbaren Ort innewohnt. Es war, als wäre ich aus einem schrecklichen Traum erwacht. Es war der Regen, dessen Fall nicht unerwünscht  war oder heiß ersehnt wurde, sondern Teil eines Bandes zwischen den Bewohnern Ghardagnos und dem Bergmassiv war, das den Ort umgab. Eine ganze Woche blieb ich dort. Die Bewohner nahmen mich freundlich auf und zeigen sich äußerst liebenswürdig. Denn was ich begehrte, war nicht bloß Wasser, Brot und ein trockenes Dach auf der Durchreise, nein! Ich wollte verstehen, warum dieser Ort so wunderbar war! Wenn ich morgens auf die Straßen trat, herrschte dort keine Eile, kein Ernst, keine Sorge lag in den Augen der Bewohner. Sie zogen aus zu den Berghängen, um nach den Ziegen, Schafen und Rindern zu sehen. Andere gingen der Arbeit in den kleinen Manufakturen nach, die in zerbeutelten Kupferkesseln kochten oder eine andere Handwerkskunst ausübten. Wobei, Arbeit ließ sich dies nicht nennen. Die tiefe Zufriedenheit, die sich aus ihrer Tätigkeit zogen, ließen die Augen aller Leuchten, der Alten, der Kinder. Eine Szene, die mir besonders in Erinnerung blieb, war ein älterer Mann, der seinem Enkel eine kleine Figur aus Holz schnitzte und als sich der Junge sichtbar freute und seinen Großvater umarmte, lächelte dieser ein zahnloses Lächeln. Das Schönste aber, dass mir aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben ist, ist die »Notte Pluvial’«. Mir wurde die große Ehre zuteil, daran teilnehmen zu dürfen. Um 23 Uhr des 31. Juli versammelte sich der ganze Ort (etwa 120 an der Zahl) und man beschritt gemeinsamen einen bestimmten Bergpfad, der ein niedriges Gipfelplateau führte, von wo aus sich ein herrlicher Blick in das Tal und auf die glänzenden Lichter des Dorfes bot. Einige der Kinder traten mit kleinen Fallschirmen vor, an denen Lampen befestigt waren. Fröhlich jubelnd entließen sie die Lampen in den Nachthimmel, der mit einem Mal nicht nur vom Glitzern der Sterne erfüllt war. Wie ein nächtlicher Vogelschwarm glitten die Fallschirme über das Tal hinweg, bis sie allmählich in der Dunkelheit verschwanden. Während die Lampen noch zu sehen waren, stimmten die Ältesten einen Choral an, der von Felswänden widerhallte, bis schließlich auch die Jüngsten hierin einstimmten und ein Gefühl von Frieden und erfüllter Stille entstand, das ich danach nie wieder erlebt hatte. Anschließend begab man sich wieder in den Ort zurück, wo eine ausgewählte Familie ein Fest für alle gab. Man trank und sang bis spät in die Nacht. Am nächsten Tag war alles vorbei und nur die lebendigen Erinnerungen blieben. Sicherlich ist dies auch ein Grund, warum es keine Chronik in Ghardagno gibt. Wozu brauchen die Menschen sich an Dinge zu erinnern, die unvergesslich sind?  Vielleicht war alles nur ein Traum.

Photo by Florinel Gorgan on Unsplash

3 Kommentare zu „Regen fällt

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